Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

988
Zinsenversicherung - Zinseszins
Diskont (s. d.) und Depofitenzinsfuh für kurz-
fristige Gelddarlehen (s. Depositenbanken). Da die
nachhaltige Verzinsung eines Kapitals überhaupt
nur dadurch möglich ist, daß es der Schuldner in
einer wirtschaftlichen Unternehmung produktiv ver-
wertet, so kann der Kapitalzins im allgemeinen nur
einen Teil des in den Unternehmungen erzielten
Ertrages bilden. Andernfalls würde die Nachfrage
nach Geldkapital bald sehr gering werden.
Wie sich innerhalb der durch die Höhe des in den
Unternehmungen erzielbaren Ertrages der Zinsfuß
stellt, hängt von Angebot und Nachfrage auf dem
Kapitalmarkt ab. Ein hoher Zinsfuß ist an sich
ebenso wenig immer ein ungünstiges wirtschaftliches
Symptom als ein niedriger ein günstiges; denn
die letztere Erscheinung kann durch einen wirtschaft-
lichen Stillstand und ein den Unternehmungsgeist
lähmendes Sinken des Kapitalgcwinns hervorge-
rufen sein. Immerhin gilt im allgemeinen ein nied-
riger Zinsfuß als socialpolitisch güustig, weil er
die Verteilung des Einkommens zwischen Kapita-
listen und den arbeitenden Ständen zum Vorteile
der letztern beeinflußt, gleichwie er auch, wenn durch
Kapitalfülle bewirkt, den Unternehmungsgeist an-
spornt. Als normaler Zinsfuß ist übrigens nur der
zu betrachten, der für vollständig sichere Kapital-
anlagen gilt; zu diesem aber kommt in vielen
Fällen noch eine größere oder geringere Nisiko-
prämie für die Gefahren des Kapitalverlustes,
ein Umstand, welcher gegen die Festlegung eines
Zinsfußes in den Wuchergefetzeu (s. Wucher) spricht.
Die Verpflichtung, Z. zu zahlen, beruht entweder
auf Gesetz, auf Rechtsgefchäft, namentlich einem
Vertrage, oder auf Richterspruch. Zu den gesetz-
lichen Z. gehören Verzugszinsen ls. Verzug)
und die seit der Klagerhebuug zu zahlenden sog.
Prozeßzinsen (Bürgert. Gesetzb. §. 291); ferner
die im Bürgert. Gesetzb. §§. 256,347,452,641, 668,
675, 820, 849,1834 und im Handelsgesetzbuch von
1897, §ß. 111,122, 353, 354, 355 erwähnten Z.
Die Höhe der rechtsgeschäftlichen Z. unterliegt
der freien Verfügung, foweit nicht Vorschriften
über den Wucher (s. d.) entgegenstehen. Ist über die
Höhenichts bestimmt,sosindnachDeutschemBürgerl.
Gesetzb. §.246:4Proz.,nach EchweizcrObligationen-
recht 5 Proz. zu entrichten. Wer dem Gläubiger mehr
als 6 Proz. Z. zusagt, ist nach dem später zum Reichs-
gesetz erhobenen Norddeutschen Bundesgesetz vom
14. Nov. 1867, das vom 1. Jan. 1900 ab nach Ein-
führungsgesetz zum Bürgert. Gesetzbuch Art. 39 durch
den inhaltlich gleichen §. 247 des Bürgert. Gesetzbuchs
ersetzt wird, zu einer halbjährlichen Kündigung be-
fugt, eine Vorschrift, die jedoch für Inhaderpapiere
nicht gilt. Die Höhe der gesetzlichen Z. beträgt nach
Bürgerl. Gesetzb. §. 246: 4, nach Handelsgesetzb. von
1861, Art. 287: 6, von 1897: 5 Proz. Auch das
preuß. Gesetz vom 17. März 1881 hat für Pfandleih-
und Rückkaufsgeschäfte (s. d.) den Maximalzinsfuß
bestimmt.
Die Zinsschuld hängt insoweit von der Hauptschuld
ab, als nach deren Tilgung Z. nicht weiter laufen.
Doch bleibenZinsscheine (s. Coupons), welche für eine
Schuldverschreibung auf den Inhaber ausgegeben
sind, nach der im Verkehr herrschenden Ansicht und
jetzt nach Deutschem Bürgert. Gesetzbuch §. 803 in
Kraft, auch wenn die Hauptforderung erloschen oder
die Verpflichtung zur Verzinsung aufgehoben oder
geändert ist, es sei denn, daß in den Zinsfcheinen ^
das Gegenteil bestimmt ist. Der Aussteller ist nur ^
berechtigt, den Betrag der nicht mit zurückgegebenen
Zinsscheine vom Kapital abzuziehen, wenn er dieses
tilgt. Noch in einem andern Sinne waren nach früherer
Ansicht gesetzliche Z., insonderheit Verzugszinsen, von
der Hauptforderung abhängig. Sie konnten nicht
ohne die Hauptforderung eingeklagt werden. Heute
ist dies allgemein möglich. Wenn ferner der Gläu-
biger das Kapital, in Kenntnis davon, daß Z. diefer
Art verschuldet werden, ohne Vorbehalt annimmt,
tann er keine Z. mehr nachfordern. Wird eine zur
Deckung von Kapital und Z. nicht ausreichende Zah-
lung gemacht, fo ist dieselbe zunächst auf die Z. anzu-
rechnen (§. 367). Die gemeinrechtliche Bestimmung,
daß rückständige Z. den Betrag des Kapitals nicht
übersteigen dürfen, ist meist beseitigt, für Handels-
geschäfte durch Handelsgesetzb. von 1861, Art. 293,
allgemein vom 1. Jan. 1900 an durch Bürgert. Gc-
setzb. §. 248 in Zusammenhalt mit Einführungsgesetz
bierzu Art. 55. überdies gilt nach neuerm Recht
für Z. eine kürzere Verjährungsfrist, nach Bürgert.
Gesetzbuch z. 197: 4 Jahre. (S. auch Anatocismus.)
Mit dem Steigen der Kultur pflegt der Zinsfuß
zu sinken, was vor allem darauf zurückzuführen ist,
daß das Kapital sich noch rascher vermehrt als die
Verwendungsgelegenheiten. Das hat sich insbeson-
dere auch iu der neuesten Zeit gezeigt, und das Sin-
len des Zinsfußes gehört in der Gegenwart zu den
beachtenswertesten und viel besprochenen, wenngleich
verschieden beurteilten Erscheinungen, indem damit
eine belangreiche Verschiebung in den Einkommens-
verhültnisfen verbunden ist, eine Entlastung der
Schulduer, namentlich auch der öffentlichen Körper-
schaften (durch die Möglichkeit von Konversionen in
älterer Zeit eingegangener Schuldverbindlichkeiten
u. s. w.), eine Erschwerung des Rentnerlebens, des
Versicherungswesens u.s. w. eintritt. Innerhalb des-
selben volkswirtschaftlichen Gebietes besteht die Ten-
denz zur Ausgleichung des Zinsfußes für die ver-
schiedenartigen Kapitalanlageplätze, was durch Ab-
strömen von Kapital von den minder einträglichen
zu den einträglichern bewirkt wird. Übrigens giebt
auch heute noch die Theorie über den Zins in der
Nationalökonomie zu Streitfragen verschiedenster
Art Anlaß, wie denn von socialistischer Seite die
Berechtigung des Zinses überhaupt entschieden in
Abrede gestellt wird. - Vgl. Böhm-Bawerk, Kapi-
tal und Kapitalzins (2 Bde., Innsbr. 1884-89)
und Artikel Zins im "Handwörterbuch der Staats-
wissenschaften", Bd. 6 (Jena 1894); 'Aulnis de
Bourouill, Der Zinsfuß. Die Ursachen seines Sin-
kens und seine nächste Zukunft, in den "Jahr-
büchern für Nationalökonomie und Statistik", Bd. 52
lIena 1889); Neurath, Das Sinken des Zins-
fußes (Wien 1893).
Zinsenverficherung, ein Zweig der Hypothe-
tenversicherung (s. d.), besteht darin, daß dem Gläu-
biger gegen Entrichtung einer Prämie der richtige
Eingang seiner Zinsen gesichert wird. Doch findet
die Z. nur im Hypothekarkredit Anwendung.
Zinseszins, Zinsen, die entstehen, wenn die
ljährlich) fälligen Zinsen zum Kapital hinzugefügt
und mit diesem zusammen zinsbar angelegt werden.
Ein so verzinstes Kapital würde sich bei 5 Proz. in
14^5 Jahren verdoppeln, in 22^ Jahren verdrei-
fachen u. s. w. Die Tabelle aus der folgenden Seite
soll dieses Wachsen für ein Kapital von 100 M. ver-
anschaulichen. Hiernach werden 100 M. zu 4^ Proz.
nach 9 Jahren 148,6i M. betragen u. s. w. Die
allgemeine Formel lautet, wenn c das Anlagekapital,