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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Cholera
ohne Vermittelung eines äußern Trägers des In-
fektionsstoffes geleugnet; der damals noch unbe-
kannte Infektionsstoff werde vom Cholerakranken
nicht in fertigem, infektionstüchtigem Zustande aus-
geschieden, sondern müsse im Boden erst eine ge-
wisse Umwandlung erfahren, um dann eine neue
Ansteckung bewirken zu können. Jene besondern
Eigenschaften des Bodens, welche diese Umwandlung
des primären, von Erkrankten ausgeschiedenen, an
sich unwirksamen Krankheitskeimes, den von Pet-
tenkofer bei dem damaligen Fehlen jeglicher nähern
Kenntnis desselben einfach als x bezeichnete, be-
wirken, hielt dieser Forscher dann für gegeben, wenn
in einem lockern, mit organischen fäulnisfähigen
Stoffen imprägnierten und zeitweise durchfeuchteten
Boden das Grundwasser sinke; welcher Art die
unter solchen Verhältnissen im Boden zur Wirkung
gelangenden Faktoren seien, ob etwa gar ein zweiter
organisierter Keim hierbei mitspiele ldib lastische
Tbeorie Nägelis), war übrigens ebenfalls völlig
unbekannt, weshalb diese Bodenwirkung als zweite
Unbekannte einfach mit x bezeichnet wurde. Unter
der Einwirkung dieses ^ sollte nun im Boden der
vorher unwirksame Keim heranreifen und als fer-
tiges, infektionstüchtigcs 2 durch Luftströme aus
dem Boden in die Atmosphäre geführt werden; von
hier aus fei dann die Möglichkeit einer Aufnahme
in die Luftwege des Menschen und biermit einer
Neuinfektion gegeben. Als thatsächliche Grund-
lagen für seine Hypothese führte von Pcttenkofer
hauptsächlich die Existenz einer örtlichen und zeit-
lichen Disposition oder Immunität gegen C. an.
So giebt es z. B. geradezu immune Orte, wozu
selbst große Städte wie Lyon, Versailles, Hannover,
Stuttgart, Frankfurt a. M. gehören, während an-
dere Städte befonders häufig von C. befallen wer-
den. Ähnliches sollte auch für größere Gegenden so-
wie andererseits für kleine, dicht benachbarte Be-
zirke, z. V. verschiedene Stadtteile, gelten; die Unter-
schiede sollten sich in allen Fällen auf die Beschaffen-
heit des Untergrundes zurückführen lassen. Betreffs
der jahreszeitlichen Verteilung der Cholerafälle hebt
von Pettenkofcr hervor, daß sowohl in Indien wie
in Europa die stärkste Entwicklung der Epidemien
stets mit dem Tiefstand des Grunowasscrs zusammen-
falle. Ferner werden als Stützen der lokalistischen
Lebre das Fehlen größerer Choleraepidemien auf
Seeschiffen (wo ja der Einfluß des Bodens ganz in
Wegfall komme) sowie die Gruppierung der Cbo-
leraepidemien nach den natürlichen Drainagcgebie-
ten eines Landes, nach den Flußläufen, angeführt.
Viele der angeführten epidemiologischen Thatsachen
sind nun als solche auch heute noch als richtig an-
zusehen; doch ist die Deutung derselben nicht ge-
nügend begründet, und für viele Thatsachen ist eine
ganz andere, ungezwungenere, vollständig einwands-
freie Erklärung möglich. Hier sei nur erwähnt, daß
z. V. die örtliche Immunität gewisser Städte sich
in viel einfacherer Weise auf die daselbst herrschen-
den günstigern socialen Zustände zurückfübrcn läßt,
zumal von einigen dieser Orte auch eine bedeutend
geringere Gefamtsterblichkeit ermittelt worden ist, und
andererseits durch statist. Erhebungen feststeht, daß
Armut der Bevölkerung der epidemischen Verbrei-
tung der C., und zwar in weit Höbcrm Maße als
bei andern Infektionskrankheiten, Vorschub leistet.
Das angeführte Zusammenfallen von Grundwasser-
tiefstand und jahreszeitlicher Choleraausbreitung
ist ferner nur rein zufällig; auch sind in Indien
selbst Abweichungen von der Negel zu verzeich-
nen. Auch auf Seeschiffen sind Epidemien von C.
beobachtet worden; ihre relative Seltenheit erklärt,
sich durch die Möglichkeit schärferer ärztlicher Kon-
trolle. Insbesondere aber erklärt sich die Gruppie-
rung der Cholerafälle nach Flußläufen sehr einfach
durch die direkte Infektion des Fluhwassers mittels-
Cboleradejektionen von Schiffern, Anwohnernu.s. w.
Betreffs genauer kritischer Analyse der von Pet-
tenkofer vorgebrachten Argumente fei auf Flügges
eingebende Arbeit in der "Zeitschrift für Hygieine
und Infektionskrankheiten", Bd. 14, verwiesen.
Hiernach liegt in den mitgeteilten epidemiologischen
Thatsachen nicht der mindeste zwingende Grund vor,,
der zur Annahme der lokalistischen Theorie nötigte.
Im Gegenteil sind neuerdings mehrfache sichere
epidemiologische Thatsachen festgestellt worden,
welche den Voraussetzungen dieser Lehre direkt wider-
sprechen und sie völlig unannehmbar erscheinen
lassen. Hierher gehören vor allem die in größter
Zahl nachgewiesenen Fälle von direkter Übertra-
gung der C. von Kranken auf Gesunde, wofür be-
sonders die im Litteraturverzeichnis angeführten
Arbeiten von Flügge über die neueste oberschlesische
sowie von Amsterdamsky über eine 1894er russ. Epi-
demie einzusehen sind; in beiden, auf Hunderte von
Füllen ausgedehnten Epidemien handelte es sich
ausschließlich um unmittelbare Kontaktinfektionen.
Allerdings läßt sich eine solche direkte Ansteckung,
da sie nur durch Berührungen mit den Kranken,
dessen Dejektionen oder Gcbrauchsgegenständen, nie-
mals aber durch die Luft zu stände' kommen kann,
und da der Cholerakeim gegen äußere Schädigun-
gen sehr wenig widerstandsfähig ist, sebr leicht durch
zweckmäßige Lebensführung, Reinlichkeit und des-
infizierende Mahnahmen vermeiden; zudem ist, wie
noch zu besprechen, die individuelle Disposition re-
lativ gering. So können also durch die unmittelbare
Ansteckung allein nie explosionsartig auftretende
gleichzeitige Massenerkrankungen zu stände kommen.
Ganz unvereinbar mit der lokalistiscben Lehre sind
ferner die neuerdings mehrfach mit Sicherheit kon-
statierten Fälle einer Verbreitung der C. durch in-
fiziertes Trinkwasser; hierbei treten, besonders wenn
es sich um größere Wasserversorgungsanlagen han-
delt, wirkliche Masscnerkrankuugen auf, und die
Art der Wasserversorgung zeigt sich von alleinigem,
beherrschendem Einfluß auf die Verbreitung der Epi-
demie, unbekümmert um alle Bodenverhältnisse u.s.w.
Ein wahrhaft klassisches Beispiel hierfür liefert das
Verhalten der großen 1892er Epidemie in Ham-
burg und Altona. Hamburg, welches damals mit
unfiltriertcm Elbwasser versorgt war, wurde in
furchtbarer Weise heimgesucht, während Altona, das
filtriertes Wasser bezog, abgesehen von den aus der
Nachbarstadt eingeschleppten Fällen, fast ganz ver-
schont blieb, obgleich alle sonstigen Vebauungs-,
Bodenverhältnisse u. s. w. beiderseits ganz gleich
waren. Die Grenze zwischen beiden Städten be-
zeichnete streng die Schranke für die Ausbreitung,
der C.; dies ging so weit, daß sogar ein inmitten
eines stark verseuchten Hamburger Stadtgebietes
gelegenes Hamburger Grundstück, das aber von
Altona aus mit Wasser versorgt war, vollständig
frei blieb. Die Vertreter der lokalistischen Lehre
haben vergebens versucht, dieses prägnante Beispiel
einer direkt, ohne jede Beteiligung des Bodens er-
folgten Masseninfektion mit ihrer Tbeorie in Ein-
klang zu bringen, während es vom Standpunkt der
Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.