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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Cholera
Kochschen Schule, welche in dem Cholerabacillus
den alleinigen Erreger der C. nachgewiesen hat,
nicht nur leicht erklärlich ist, sondern geradezu ein
erfülltes notwendiges Postulat dieser Anschauung
darstellt, wobei das Resultat geradezu mit der Erakt-
heit eines Laboratoriumexperiments eingetroffen
ist. - Schon der streng durchgeführten epidemio-
logischen Forschung gegenüber wird also die loka-
listische Lehre ganz unhaltbar, selbst wenn man von
der Natur des Erregers ganz abstrahiert: vollends er-
hellt aber die Unmöglichkeit dieser Theorie und zwar
Punkt für Punkt, wenn wir noch die Lebensbedin-
gungen des thatsächlich als Choleraerreger nachge-
wiesenen Cholerabacillus in den Kreis der Betrach-
tung ziehen; derselbe würde in den tiefern Boden-
schichten überhaupt keine Existenzbedingungen fin-
den, könnte ferner (ebenso wenig wie andere Bakte-
rien), einmal in diese tiefern Schichten gelangt, je-
mals weder durch Luft-, noch durch Wasserströmun-
gen wieder an die Oberstäche geführt werden; end-
lich ist, wie bereits oben erwähnt, eine Verbreitung
des Cholerabacillus durch die Luft und eine Infek-
tion durch Einatmung vollständig unmöglich. Hier-
nach ist die lokalistische Lehre als endgültig abge-
than zu betrachten, und es liegt auch gar kein Grund
vor, sie in irgend einer Form erneuern zu wollen,
da die Kochsche Anschauung sämtliche epidemiolo-
gische Eigentümlichkeiten der C. ohne Nest erklärt
und nicht der mindeste Anlaß zum Zurückgreifen
auf Bodenverhältnisse u.s.w. gegeben ist. Es zeigt
fich vielmehr eine glänzende Übereinstimmung der
thatsächlich wie statistisch ermittelten epidemiologi-
schen Verhältnisse mit den Folgerungen, welche aus
den im Laboratorium studierten biolog. Eigen-
tümlichkeiten des Kommabacillus für die Verbrei-
tungsweise der C. gezogen werden müssen. Hiernach
müssen als Hauptfaktoren für das Zustandekommen
von Choleraepidemien nebendem specifischen Erreger,
dessen Anwesenheit die erste und selbstverständliche
Voraussetzung darstellt, angesehen werden der un-
mittelbare Verkehr mit infizierten Personen und
Sachen, der sich freilich in seinen fast unberechen-
baren Zufälligkeiten oft nicht übersehen lassen wird,
die Vermittelung durch gemeinsames infiziertes
Trink- und Brauchwasser, endlich noch die verschie-
dene individuelle Disposition.
Diese individuelle Disposition für C. ist durchaus
nicht sehr verbreitet; meist erkranken nur 2-3Proz.
der Bevölkerung unter schweren Symptomen; in
jeder Familie, in jedem Hause erkranken meist nur
wenige Personen. Daneben kommen freilich noch
viel leichte Fälle als einfache Diarrhöen vor, die in
der Negel keine weitere Beachtung finden, dessen-
ungeachtet aber zur Verbreitung der Seuche viel bei-
tragen können. 'Neuerdings hat man mehrfach auch
eine wechselnde Virulenz des Keimes selbst für die
verschiedene Entwicklung der Epidemien verantwort-
lich machen wollen, wofür jedoch bisher weder stich-
haltige experimentelle noch epidemiologische Daten
beigebracht werden konnten; im Gegenteil spricht
vieles gegen diese Anficht.
Was die Prophylare der C. und die Mah-
nahmen gegen die einmal ausgebrochene Seuche
betrifft, so hat Koch in streng logifcher Weise auf
oer Versammlung des Deutschen Vereins für öffent-
liche Gesundheitspflege zu Magdeburg 1894 betont,
daß sich die Maßnahmen in erster Linie gegen das-
jenige notwendige Glied in der Kette der Ursachen
Der Choleraepidcmien richten müssen, das wir genau
Artikel, die man unter E verm
kennen und demnach rationell zu bekämpfen und zu
vernichten vermögen, nämlich gegen den specifischen
Erreger. Fällt dieses Glied aus, dann ist die ganze
Kette des ursächlichen Zusammenhangs zerstört und
die Entstehung der C. verhindert. Eine Bekämpfung
der Hilfsurfachen, deren Wirksamkeit noch weniger
bekannt und auch vielfach sehr schwer kontrollierbar
ist (wie besonders der menschliche Verkehr), ist für
sich allein unzuverlässig, als sekundäre Maßnahme
dagegen neben dem Kampf gegen den Cholcrabacil-
lus selbstverständlich von großem Nutzen. Auch die
Besserung der allgemeinen hygieinischen Verhält-
nisse, die Assanierung der Städte u. s. w., die früher
von lo kaustisch er Seite einseitig betont worden ist,
soll nicht unterschätzt werden, zumal sie achtbare
praktische Erfolge aufzuweisen hat. Das Haupt-
gewicht ist aber auf die Bekämpfung des Erregers-
zu legen, welche vornehmlich zwei Aufgaben hat,
einmal das Eindringen und die Weiterverbreitung
der Erreger zu hindern und dann die einmal ange-
siedelten Cholerabacillen mit Sicherheit zu ver-
nichten. Als zahlenmäßiger Beweis für den Erfolg
einer solchen rationellen Choleraprophylaxe diene
eine Angabe vonKolle sin der "Zeitschrift fürHygieine
und Infektionskrankheiten", Bd. 19., Lpz. 1895), wo-
nach in den I. 1892, 1893 und 189-1 in Rußland
etwa 800000 Menschen an C. starben, während in
der gleichen Zeit im Deutschen Neich nur 9000
Todesfälle zu konstatieren waren (mit eingerechnet
die große Hamburger Epidemie von 1892).
Der Opiumbehandlung Cholerakranker schickt man
neuerdings zweckmäßig eine Darreichung von Kalo-
mel voraus, das hier, wie auch bei andern Durch-
fällen, in doppelter Hinsicht günstig wirkt, einmal,
indem es durch seine abführende Wirkung große
Massen der schädlichen Substanzen und zahlreiche
Cholerabacillen aus dem Darmkanal rasch entfernt,
zweitens durch die desinfizierenden Eigenschaften,
die es im Darm entfaltet.
In neuester Zeit scheint nach den Laboratoriums-
versuchen Kolles und den in großem Maßstabe (an
etwa 40000 Menschen) in Indien ausgeführten
Versuchen Haffkines eine Schutzimpfung gegen C.
möglich zu sein. Der Impfschutz scheint allerdings
nur etwa ein Jahr lang anzuhalten. - Über die auf
der internationalen Sanitätskonferenz in Dresden
(15. April 1893) vereinbarten Mahregeln s. Seuchen-
gesetze (Bd. 14).
Litteratur. Mazanec, Die C. (Prag 1892);
Die C. in Hamburg in ihren Ursachen und Wir-
kungen (3 Tle., Hamb. 1893); Kreidmann, Ursache,
Vorbeugung und Bekämpfung der C. (ebd. 1893);
Flügge, Die Verbreitungsweise und Abwehr der C.
(Lpz. 1893); Proust, 1^ ä6t?6N86 äo I'llurope contre
w Oii0l6i-H (Par. 1893): Die C. im Deutschen Neiche
im Herbst 1892 und Winter 1892/93. I. Die C.
in Hamburg. Von Gasfky (in den "Arbeiten aus
dem kaiferl. Gefundheitsamt", Bd. 9, Berlin); Koch
in der "Zeitschrift für Hygieine und Infektionskrank-
heiten", Bd. 14 und 15 (Lpz. 1893); Kochs Neden
auf dem 10. internationalen mediz. Kongreß in
Berlin 1890 (in den "Verhandlungen des 10. inter-
nationalen mediz. Kongresses in Berlin vom 4. bis
9. Aug. 1890", Bd. 1, Verl. 1891) sowie auf der
Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche
Gesundheitspflege zu Magdeburg 1894 (in der
"Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Ge-
sundheitspflege", Bd. 27, Vraunschw. 1895); Flügge,
Die Verbreitungsweise und Verhütung der C. auf
Ht, sind unter K aufzusuchen.