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Indische Ethnographie
Volk ist fast ganz hinduisiert und hat seine Mutter-
sprache bis ans den kleinen Rest aufgegeben.
Von den Draviden haben nur noch die in den Ge-
birgen lebenden Stämme ihre Eigenart bewahrt.
Die Draviden der Ebene sind schon früh ganz brah-
manisiert worden, und in der ind. Litteratur nehmen
sie einen hervorragenden Platz ein. Am bekanntesten
sind von den Bergvölkern die Toda (s. d., Bd. )5) in
den Nilgiri um Ütakamand herum. Sie können als
die besten Vertreter ihrer Nasse angesehen werden.
Sie sind hohe, muskulöse Gestalten mit großen
Nasen, schönen, braunen Augen und feinem, lockigem
Haar, das ebenso wie ihre Haut ganz dunkel ist, und
schwarzen, üppigen Bärten. Die Toda leben aus-
schließlich von der Büffelzucht. Es herrscht bei ihnen
die Polyandrie. Die Frau wird gekauft und gehört
den Brüdern einer Familie gemeinschaftlich. Die
Kinder werden der Neihe der Geburt nach den Brü-
dern vom ältesten anfangend zugeteilt, so daß von
Eltern- und Kinderliebe nicht viel die Nede sein kann.
Von den weiblichen Kindern läßt man nur das älteste
leben; die übrigen werden erdrosselt. Die Folge da-
von ist, daß die Toda im Aussterben begriffen sind;
der Census von 1891 verzeichnet nur noch 736. Bei
der Hochzeit beugt sich die Frau, nachdem sie in das
Haus ihrer Männer gebracht worden ist, nieder, und
jeder der Männer setzt ihr der Neihe nach erst den
rechten und dann den linken Fuß auf den Kopf. Sie
geht dann Wasser zum Kochen holen und tritt damit
in ihre Nechte als Hausfrau ein. Wie bei einzelnen
Kolhstämmen ist auch bei den Toda das Begräbnis
außerordentlich kostspielig. Bald nach dem Tode fin-
det die Verbrennung statt, wobei man einige Büffel
schlachtet, damit es dem Toten im Jenseits nicht an
Milch fehle. Diesem "grünen Begräbnis" folgt etwa
ein Jahr später "das dürre Begräbnis", wozu alle
verwandten Stämme eingeladen, 40-50 Büffel ge-
schlachtet und nach Absingung von Klageliedern ge-
tanzt und geschmaust wird. Da durch diese Sitte
der einzige Wohlstand des Volks, die Büsfclherden,
zu Grunde gerichtet wird, sind die Engländer da-
gegen eingeschritten, und es ist jetzt üblich, daß für
mehrere Tote zusammen das Fest gefeiert wird, um
mehr als die vorgeschriebenen zwei Büffel auf ein-
mal schlachten zu können. Die Toda zerfallen in
fünf Kasten. Aus den beiden ersten wird der Dorf-
Priester genommen, der sich durch bestimmte Cere-
monien für sein Amt vorbereiten muß. Dieses Amt
besteht darin, daß er die Büffelkühe zu pflegen und
zu melken hat. Außer diesen Dorfpriestern giebt es
unter den Toda noch drei Einsiedler, die in großem
Ansehen stehen, weil man von ihnen glaubt, daß die
Geister in ihnen wohnen. Sie fragt man daher in
schwierigen Fällen um Nat. Der Fragende darf aber
erst nach eingeholter Erlaubnis aus der Ferne mit
ihnen sprechen, Frauen sich ihnen überhaupt nicht
nähern. Sie müssen stets nackt gehen; selbst in der
talten Jahreszeit ist ihnen nur ein Lendcntuch ge-
stattet. Eine Herde heiliger Büffel dient lediglich zu
ihrem Gebrauche. Sie tragen den charakteristischen
Namen Palal, "Milchmann"; ihre Gehilfen heißen
Kavilal, "Hirt". - In den Nilgiri sind von wilden
Stämmen noch zu nennen die Kurumba, Kotar
und Badag ar. Unter ihnen sind die Vadagar ein
ackerbautreibendes, schon stark hinduisiertes Volk,
das sich zum Givadienst in sehr entarteter Gestalt
bekennt. Die Kurumba stellen den Vadagar die Prie-
ster. Die Kotar sind Handwerker, überaus schmutzig
und verachtet. Sie verzehren selbst Aas und sind dem
Opiumgenuß ergeben. Ihre Zahl wird auf 1201
angegeben, die der Kurumba auf 5288, die der
Vadagar auf 30 656.
Unter den kultivierten Draviden stehen an Bil-
dung und Intelligenz obenan die Tamulen. Sie
wohnen an der Küste Koromandel von Palikat an
bis zum Kap Komorin und an der Küste Malabar
von Komorin bis Triwandcram, sowie in dem gan-
zen Hochlande dieses Gebietes. Tamulen sind auch
die Kuli, die Arbeitcrbevölkerung im nördl. und nord-
westl. Ceylon und auf Mauritius und zum größten
Teile auch die sog. Kalinga in den Seestädten Hinter-
indiens und im Malaiischen Archipel. Ihre Zahl be-
trägt in Indien 15 229 759. Über ihre Sprache und
Litteratur s. Tamil (Bd. 15). Sie haben auch für das
Sanskrit ein eigenes Alphabet ausgebildet, das
Grantha genannt wird. An Zahl das größte dravi-
dische Volk sind die nördlich von den Tamil sitzenden
Telugu, 19885137. Ihr Gebiet reicht von Palikat
bis Gandscham, wo Orissa beginnt. Im Norden
stoßen sie an das Land der Marathen und Gond so-
wieOrissa,imWestenandasGebietderKanaresen.
Diese wohnen in Maisur und Kanara und erstrecken
sich westlich bis an das Land der Marathen. Ihre Zahl
ist 9 751885. Telugu und Kanaresisch haben eigene
Alphabete, die sich sehr ähnlich sehen. Das Telugu-
alphabet wird viel auch in Sanskritwerken gebraucht;
das altkanaresische Alphabet heißt Halakannada.
Dem Altkanaresischen nahe, aber jetzt stark durch
Tamil und Malajalam beeinflußt, steht das Kudagu
oderKurg. Die Kudagu, an Zahl 37 218, bewohnen
das Bergland zwischen Maisur im Osten und Nord-
malabar und Südkanara im Westen. Die Kurg
können fast noch zu den unkultivierten Stämmen ge-
rechnet werden. Sie sind noch nicht brahmanisiert und
haben auch keine eigentliche Litteratur; Polyandrie
ist bei ihnen herrschend. An der Küste Malabar von
Tschandragiri bei Mangalur im Norden bis Triwan-
deram im Süden sitzen die Malajalam, von allen
Dravidcn die exklusivsten und borniertesten, so daß
die gewandten Tamil fast allen Handel in den Händen
haben und überall im Lande auch Tamil gesprochen
wird. Ihre Zahl ist 5428250. Auch das Malaja-
lam bat ein eigenes Alphabet. Nördlich von ihm ist
das Gebiet des Tulu oder Tuluva, das kein eigenes
Alphabet und auch keine eigene Litteratur hat. Die
Baseler Mission hat das kanaresische Alphabet einge-
führt. Tulu wird in einem schmalen Küstenstriche um
Mangalur von 491728 Menschen gesprochen. Die
Befürchtung, daß es dem Kanarcsischen erliegen
werde, ist kaum begründet, zumal die Tulu für das
konservativste unter dm dravidischcn Völkern gelten.
Mit der Kultur sind aus Nordindien auch sehr viele
Sanskritworte in die kultivierten dravidischen Dia-
lettc eingedrungen, am wenigsten ins Tamil, am
meisten ins Malajalam. Die Sprachen haben sie
aber ihrem Lautsystem so angepaßt, daß ihr sanskri-
tischer Ursprung oft kaum noch zu erkennen ist.
Für Arier und Draviden charakteristisch ist die
uralte gesellschaftliche Einteilung in Kasten (s. d.,
Bd. 10). Die Gesetzbücher der Brahmanen teilen das
Volk in vier Kasten, die Priester (Brahmana), dieKrie-
ger,zu denen Fürsten und Adel gehören (Kshatrija), die
Äckerbauer, Handwerker und Kaufleute (Vaicja) und
die dienende Kaste (Aüdra). An die Spitze' werden
die Priester gestellt, für die Vorrechte gefordert wer-
den, die ihnen in Wirklichkeit nie in diesem Umfange
gewährt worden sind, wenn sie auch als erste Kaste
anerkannt wurden. Das Sanskritwort für Kaste ist