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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Religionen

varna, das eigentlich "Farbe" bedeutet, wonach man gewöhnlich annimmt, daß diese Kasteneinteilung überhaupt erst entstanden ist nach Unterwerfung der "schwarzen Farbe" der Eingeborenen, die zur vierten Kaste der Çūdra gemacht worden seien, eine Ansicht, die in der neuern Zeit mit Recht immer mehr bekämpft worden ist. Neben den vier Kasten müssen schon die alten Gesetzbücher eine große Zahl von Zwischenkasten anerkennen, die durch Vermischung der Kasten untereinander entstanden sind, und darunter sind nicht wenige, die ihrem Ursprunge nach auf Vermischung zwischen Ariern und Nichtariern zurückgehen, ein Prozeß, der uralt ist, wie der Unterschied der Stände selbst. Der ind. Staat baut sich seit seinem Bestehen auf der Dorfgemeinschaft auf. Das Dorf bildete eine so gut wie selbständige Einheit in sich; innerhalb des Dorfes schlossen sich wieder einzelne Familien enger aneinander, die durch Herkunft, Beruf, Verwandtschaft, gemeinsame Verehrung eines bestimmten Gottes u. dgl. näher zu einander geführt wurden. In ihnen erbten sich Sitten und Gebräuche fort, die sie von ihren Stammesgenossen unterschieden und an denen sie zäh festhielten. Diese Unterschiede brachte der Brahmanismus in ein System, an dem keine Religion in Indien ernstlich gerüttelt hat und das so mit ind. Sitte und Anschauung verwachsen ist, daß es bis heute dem ganzen Lande den Stempel aufdrückt. Es giebt heute eine ungeheure Menge von Kasten in allen Ständen und allen Teilen des Landes, die sich durch Ehe- und Speisegesetze, durch Beobachtung bestimmter Sitten und Gebräuche auf das ängstlichste voneinander absondern. Besonders die Speisegesetze sind tief einschneidend in das ganze tägliche Leben. Niemand darf eine Speise annehmen, die von Leuten einer niedern Kaste zubereitet oder nur berührt worden ist, und niemand gemeinschaftlich mit Leuten einer solchen Kaste essen. Im größten Teile von Indien sondern sich die Kasten in zwei Klassen, solche, von denen man Wasser annehmen darf, und solche, deren Berührung es verunreinigt. Die Beschäftigung war schon in der alten Zeit durchaus nicht streng an die Kaste gebunden, und ist es heute noch weniger. Leute derselben Kaste haben oft ganz verschiedene Berufe. Die vier sog. Kasten der Brahmanen, Kshatrija, Vaiçja und Çūdra waren überhaupt gar nicht Kasten im modernen Sinne, sondern Stände- oder Gesellschaftsklassen. Und diese Stände sind noch heute vorhanden, aber zum Teil unter anderm Namen und in Kasten zersplittert. Die Brahmanen (s. d., Bd. 3) oder Pandits (Sanskrit Paṇḍita, "Gelehrter") in Kaschmir haben sich von allen am reinsten erhalten. Sie sind in Kaschmir an Zahl nur 40-50000, fast alle Çivaïten und bilden eine einzige Gemeinschaft im Gegensatz zu andern Teilen Indiens, z. B. Gudschrat, wo es mehr als 70 verschiedene Brahmanenklassen giebt. Sie zerfallen in zwei Teile, die Aristokraten und die Plebs. Unter den Aristokraten nehmen die geachtetste Stellung etwa 30-40 Familien ein, die noch Sanskrit studieren, als Lehrer und Priester fungieren und vom Maharadscha von Kaschmir ein Gehalt bekommen. Den übrigen Teil der Aristokratie bilden die Beamten und Großkaufleute, die das Sanskrit aufgegeben haben und Persisch studieren. Die Plebs besteht aus den sog. Batschbhattas, die als Schreiber fungieren und die Handleistungen bei den verschiedenen Ceremonien vornehmen, und aus den Priestern an den Wallfahrtsplätzen, die noch tief unter den Batschbhattas stehen. Im übrigen Indien zerfallen die Brahmanen in eine große Zahl von Kasten ganz verschiedenen Ranges und ganz verschiedener Beschäftigung, die nicht etwa alle untereinander heiraten oder miteinander essen. Die Brahmanen sind keineswegs heute nur Priester und Gelehrte; im Gegenteil, die Mehrzahl betreibt weltliche Geschäfte. Ein sehr großer Teil von ihnen pflegt den Landbau, so daß sie alle Arbeit dabei selbst verrichten; nur in einzelnen Provinzen, wie Bengalen, führen sie nicht selbst den Pflug. Sie sind ferner Kaufleute, Ingenieure, ja auch Soldaten, wie schon in alter Zeit; außerdem sind sie brauchbare Beamte der engl. Regierung. An Bildung und Intelligenz sind sie fast überall an der Spitze, und so sehr sie auch im einzelnen unter sich geteilt sind, so bilden sie doch eine geschlossene Masse in ihren Ansprüchen auf die erste Stellung unter den Kasten und haben diese auch noch immer erfolgreich durchzuführen gewußt. - Eine einflußreiche Kaste bilden ferner heute die Schreiber, deren Zahl auf 2555867 angegeben wird. Ihr gewöhnlicher Name ist Kājasth (Sanskrit Kāyastha). Sie werden ursprünglich zu den Çūdra gezählt, erheben aber den Anspruch auf Abstammung von den Kshatrija. Besonders zahlreich sind sie in Bengalen und den Nordwestprovinzen, wo sie als Regierungsschreiber, aber auch in höherer Stellung, als Wirtschaftsbeamte bei den Gutsbesitzern und als Volksanwälte fungieren. - Von andern bekannten Kasten seien noch erwähnt die Banjan, Bhat, Dschat, Radschput, in Südindien die Naïr und Paria. In den Kasten sind alle Arten menschlicher Beschäftigung vertreten mit Sitten und Gebräuchen, die nach Land und Provinz wechseln.

Vgl. Steele, The law and custom of Hindoo castes within the Dekhan Provinces (2. Aufl., Lond. 1868); Sherring, Hindu tribes and castes (3 Bde., Kalkutta 1879); Kitts, Compendium of castes and tribes found in India (Bombay 1883); Ibbetson, Report on the census of the Panjáb, Bd. 1 (Kalkutta 1883); Nesfield, Brief view of the caste system of the North-Western Provinces and Oudh (Allahabad 1885); Risley, The tribes and castes of Bengal (2 Bde., Kalkutta 1891); Ethnographic glossary (ebd. 1891 fg.); Baines, Census of India (1891); General Report (Lond. 1893); Senart, les cates dans l'Inde. Les faits et le système (Par. 1896).

Indische Religionen. Unter den Religionen des heutigen Indiens sind vier, die nicht in Indien selbst entstanden, sondern durch Eroberer oder Einwanderer in das Land gebracht worden sind: der Islam, der Parsismus, das Judentum und das Christentum. Der Islam fand Eingang seit dem Eroberungszuge von Mahmūd von Ghasni 1001, gewaltsame Bekehrungen der einheimischen Bevölkerung traten aber in größerm Umfange erst ein seit dem fanatischen Aurangseb (1658-1707), und der Islam hat seitdem beständige Fortschritte gemacht. Heute bekennt sich ein Fünftel der gesamten Bevölkerung von Indien, nach dem Census von 1891 im ganzen 57321164 Menschen, zum Islam. Die Hauptmasse der eingewanderten Mohammedaner sitzt im westl. Indien, vor allem in Sindh und im Pandschab, ferner nördlich in Kaschmir und südlich im Dekan in Maisur. Bei der bekehrten einheimischen Bevölkerung bildet der Islam oft nur die Hülle, unter der sich die alte Religion verbirgt, und in den Provinzen, wo Brahmanismus und Islam gleich viel Bekenner haben, fungiert der Brahmane