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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien
gegründet, von denen am Jahresschluß bereits 250 !
wieder eingegangen waren. Mit Einschluß der
letztern verschwanden im gleichen Jahre überhaupt
544 periodische Blätter. Nur 1789 Blätter schreiben
rein italienisch, 16 Zeitungen sind französisch geschrie-
ben. Von den 8257 polit. Gemeinden des Königreichs
hatten 274 einen eigenenZeitschriften- oderZeitungo-
verlag. Rom zählte 265 Zeitschriften; dann folgen
Mailand, Turin, Florenz und Neapel mit 223,130,
103 und 86 Blättern. Von den übrigen Städten
sind zu erwähnen Genua und Palermo (je 46),
Bologna <37) und Venedig (28). Von den Blättern
befaßten sich 596 mit polit. oder religiösen Tages-
fragen, 318 mit Verwaltung und Volkswirtschaft,
191 mit Handel, Industrie und Landwirtschaft,
145 mit religiösen Angelegenheiten, 143 mit littcrar.,
geschichtlichen, archäol. und bibliogr. Dingen, 126
mit Medizin, Hygieine, Anthropologie, 87 mit
Pädagogik u. s. w. Zeitungen in ital. Sprache er-
scheinen in Österreich-Ungarn 38, in der l^cbweiz 24,
auf Malta 14, in Deutschland und Frankreich je 2,
welche zweisprachig erscheinen, und in den Vereinig-
ten Staaten von Amerika und in Argentinien je 17.
(Vgl. 8tcUi3tica, äkiia Lt^mpH porioälca noli' anno
1893, Nom 1894.) Recht häufig zeigte sich in den
letzten Jahren der plötzliche Gesinnungswechsel
polit. Blätter. So wurde 1893 "(^it^L" ohne
Nedaktionswechsel Leiborgan Crispis, ebenso "Opi-
niono lideralo" nach einem Wechsel der Redaktion
offiziöses Organ Nudims. Der "(^ori-iLi-s äi^apoli",
der einige Zeit hindurch crispinisch war, gab Sommer
1895 plötzlich das Signal zu der großen Campagne
gegen Crispi. "I^opolo I^om^no" ist ganz farblos,
aber wegen der stadtischen Nachrichten unentbehr-
lich und auch von den Fremden nächst "Iriduna",
"NeLLaFZero" und "Don ^Iiisciotte" viel gelesenes
NormalblattRoms. Eingegangen sind seit 1893: "I)i-
ritto", "?ai-Iaui6nto", "I^oiciietto", "(^iornalk" u. a.
Geschichte. Obwohl der König 1. Jan. 1894 die
Verbesserungsbedürftigkeit der materiellen Zustände
in Sicilien anerkannte, dauerten dort die Mitte Dez.
1893 ausgcbrochenen Unruhen fort, die erst nach er-
heblicher Verstärkung der Garnisonen, Vcrhangung
des Belagerungszustandes und Verhaftung der Füh-
rer der Bewegung, darunter des Abgeordneten De
Felice, sich legten. Kleinere Unruhen erhoben sich
auch in Calabrien und der Romagna, besonders in
Bari, Neapel und Ancona, ernstere, die 17. Jan.
gleichfalls zur Verhängung des Belagerungszustan-
des führten, in Massa-Carrara. Vor der Kammer,
die 20. Febr. Zusammentrat und Crispi wegen der
Maßregeln gegen die Aufrührer ein Vertrauens-
votum erteilte, erkannte Sonnino die traurige Fi-
nanzlage an und schlug vor, dem voraussichtlichen
Deficit für 1894/95 von 177 Mill. Frs. durch Er-
sparnisse von 45 Mill. und Steuererhöhungen von
150 Mill. Frs. entgegenzutreten. Die Kammer be-
willigte nun zwar 21. Mai das Heeresbudget für
sich allein, bewirkte aber durch ihre sonstige Ableh-
nung der Vorschlüge Sonninos 5. Juni eine Minister-
krisis. Da Zanardelli, Rudilü und Brin die Neu-
bildung des Kabinetts ablehnten, so mußte sie Crispi
wieder übernehmen, der das Finanzministerium an
den bisherigen Ackerbauminister Voselli übertrug,
dessen Posten der bisherige Abgeordnete Barazzuoli
übernahm, während Sonnino Schatzminister wnrde.
Das neue Finanzprogramm, das weitere Ersparun-
gen zusicherte und weniger neue Steuern verlangte,
5and dann 29. Juni die Zustimmung der Kammer.
Die Zusammenkünfte, die der König mit Kaiser Nil"
belm II. in Venedig, dann mit der Königin von
England in Florenz hatte, bewiesen das gute Ein-
vernehmen I.s mit diesen Mächten, und bald darauf
gab Crispi ebenfalls eine entschiedene Erklärung für
das notwendige Festhalten am Dreibund ab, wäh-
rend gleichzeitig der Einspruch Frankreichs gegen
den Vertrag, durch den England und I. ihre In-
teressensphären in den Regionen des Golfs von Aden
abgrenzten, zurückgewiesen wurde. Kurz darauf
schlug General Varatieri(s.d.) die Derwische 17.Juli
bei Kassala und eroberte diesen ihren Hauptstütz-
punkt. Günstig auf die Verhältnisse in Erythräa
wirkte auch die Einsetzung des Paters Michael di
Carbonare zum Leiter der apostolischen Prüfektur,
wozu sich der Papst 7. Sept. verstand.
Ebenso wie Frankreich wurde auch I. durch eine
Reibe anarchistischer Attentate beunruhigt. Am
8. März fand eine Bombenexplosion vor der Depu-
tiertenkammcr statt, 16. Juni folgte ein mißlungenes
Attentat auf Crifpi, und 30. Juni wurde der Jour-
nalist Bondi in Livorno wegen einiger gegen die
Anarchisten gerichteter Zeitungsartikel ermordet.
Drei fcharfe Anarchistengesetze, die die Kammer
11. Juli genehmigte und wodurch bei unzureichen-
den Beweisen wieder Zwangswohnsitz eingeführt
wurde, waren die Antwort auf diefe Frevelthaten.
In Sicilien war zwar im August der Belagerungs-
zustand aufgehoben worden, dann aber, infolge
neuer Unruhen, 4. Sept. die Leitung der Polizei dem
Commandeur des 12. Armeekorps übertragen wor-
den; doch wurden 22. Sept. mehrere an den Ruhe-
störungen Beteiligte amnestiert. Mit Entschieden-
heit ging Crispi auch gegen die Socialisten vor,
deren Vereinigungen in I. 22. Okt. aufgelöst wur-
den. In dem Prozeß der Lauca Homang. (f. Ita-
lien, Bd. 9) sprach das Geschworenengericht 28. Juli
sämtliche Angeklagte infolge des Umstandes frei,
daß wabrcnd der Untersuchung amtlich beschlag-
nahmte Aktenstücke Tanlongos beiseite geschafft wor-
den waren. Diese Dokumente, die zahlreiche polit.
Persönlichkeiten, darunter namentlich Crispi, kom-
promittieren sollten, waren in die Hände des da-
maligen Ministerpräsidenten Giolitti gelangt, der
sie 11. Dez. der Kammer anslieferte, die deren Ver-
öffentlichung im Druck beschloß. Die erregte De-
batte über diese Angelegenheit veranlaßte 15. Dez.
die plötzliche Vertagung der Kammer, der 8. Mai
1895 ibre Auflösung folgte, während schon vorher
Giolitti auf Crispis Antrag wegen Verleumdung
vor den Untersuchungsrichter geladen war; die un-
erquickliche Angelegenheit fand dadurch ihr Ende,
daß der Kassationshof die Gerichte für inkompetent
erklärte, ohne Genehmigung der Deputiertenkammer
gegen Giolitti vorzugeben, und daß die Kammer
13. Dez. bescbloß, die Sache ruhen zu lassen. Erst
auf den 26. Mai wurden die Neuwahlen festgesetzt.
Mitentscheidend hierbei mochte der Wunsch sein, in-
zwischen zu einem wichtigen Erfolg in Erythräa zu
gelangen, wo General Varatieri Ras Mangascha
von Tigre, der I. mehrere Jahre Treue gezeigt, sich
aber dann erhoben hatte, nach einigen siegreichen
Gefechten bei Coatit und Senaft zum Frieden ge-
nötigt batte, der den Italienern Adua und Adigrat
einbrachte. Bei dem Wahlkampf drehte sich alles um
die Person Crispis, für den sich jedoch die Stimmung
im Lande entschied, hauptsächlich weil es der Oppo-
sition an Geschlossenheit und einem tlaren Programm
l fehlte und weil man den Übergang der Regierung