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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien
in die Hände der Umstürzler fürchtete. So wurde
unter schwacher Beteiligung des parlamentsmüdcn
Landes eine zu zwei Dritteln ministerielle Kammer
gewählt, bei deren Eröffnung 10. Juni der König
vor allem die endgültige Regelung der Finanzen
forderte, dagegen eine Amnestierung der Aufständi-
schen von Sicilien und aus der Lunigiana in Aus-
sicht stellte und auf die notwendige Verständigung
und gegenseitige Hilfsbereitschaft unter den ver-
schiedenen Gesellschaftsklassen hinwies. Der König
hob ferner das Fortbestehen des Dreibundes und die
enge Freundschaft mit England hervor, während er
von Frankreich völlig fchwieg. In der Wahl des
Negierungskandidaten Tommaso Villas zum Kam-
merpräsidenten erreichte Crispi einen ersten Sieg,
weitere in der Wahl einer ergebenen Budgetkommis-
sion und Ablehnung der Angriffe Cavallottis auf
seine Person sowie der Vorhalte Colombos, Zanar-
dellis, Cavallottis und Rudims wegen der stattge-
habten notgedrungenen Dekretierung neuer Steuern
ohneVewilligung des Parlaments. Auch derVudget-
entwurs sür 1895/96 und die Finanzmaßregeln Vo-
sellis und Sonninos fanden die Zustimmung der
Kammer. In Hinsicht auf Afrika, wo zwar die Ge-
fahr eines Angriffs der Derwische auf Kassala vor-
läufig verschwunden, aber der erhoffte Frieden noch
immer nicht erzielt war, begnügte sich die Kammer
mit den Erklärungen Crispis und des Ministers des
Auswärtigen, Vlanc, daft man ohne weitere Schwie-
rigkeiten eine Bestrafung des Verräters Menilek zn
erreichen denke. Durch das 20. Sept. als National-
feiertag glänzend begangene 25jährige Gedächtnis-
fest der Einnabme Roms und durch die fcharfen
Worte, die Crispi bei dieser Gelegenheit bei Ent-
hüllung des Garibaldidentmals auf dem Ianiculus
sprach, war dem Papst zwar nicht zu nahe getreten
worden' dennoch antwortete er in einem Briefe an
den Kardinal-Staatssekretär mit Abweisung jedes
Friedens ohne Herstellung der weltlichen Macht und
hintertrieb den beabsichtigten Besuch des Königs
von Portugal in Nom. Der auf 21. Nov. zusammen-
derufenen Kammer legte Sonnino einen dnrchsich-
tigen und erschöpfenden Bericht über die Finanz-
lage vor und hoffte auf Erhaltung des Gleichgewichts
und Erziclung eines kleinen Überschusses für das
Finanzjahr 1896/97. Sehr lebhaft wirkte auf die
Kammer, daß der Schatzministcr die Ausgleichung
der Grundsteuer wieder zur Sprache brachte. Ohne
Erfolg blieb der Angriff Barzilais auf die Negierung
wegen angeblicher Wahlbestechungcn, und die An-
gelegenheit Giolitti begrub die Kammer 13. Dez.
endgültig. Inzwischen hatte aber die Regierung be-
reits der erste schwere Schlag in Abessinicn getroffen,
wo Baratieri die Sicherheit durch die Befestigungen
von Adigrat, Adua und Makale und die Besetzung
von Antalo gewährleistet geglaubt hatte. Nach
Sammlung seiner Lcnte, angeblich 90000 Mann,
war Negus Mcnilck Anfang Dezember vorgerückt;
bei Amba Aladschi, nur zwei Tagemärsche von Ma-
kalc, stieß Ras Makonnen 8. Dez. auf Major Tofelli
mit 2400 Italicnern, von denen kanm 300 mehr
zurückkamen, worauf General Arimondi Makale dem
Major Galliano zur Verteidigung überlieft und sich
nach Adigrat, etwa 90 km, zurückzog, wo Varatieri
etwa 20000 Mann sammelte. Die Kammer, die
alsbald 4 Mill. Frs. bewilligt batte, wnrde. trotz
der Aussicht auf 30-40 Mill. Mehrausgaben, ver-
fassungswidrigcrweise vertagt, während in der Presse
sich eine heftige Debatte mit Frankreich entspann,
von dem man annahm, daß es Menilck mit Führern
und Waffen unterstütze. Indessen rückten Ras Ma-
konnen und Ras Alula, angeblich als Deckung des
Majors Galliano, der sich tapfer in Makale ver-
teidigt und endlich, 22. Jan. 1896, auf freien Abzug
kapituliert hatte, bis gegen Adigrat vor, und An-
fang Februar fammelten sich die Abcssinier vor Adua
in sehr starken Stellungen, während Baratieri die
erbetenen Verstärkungen von 8-10000 Mann nach-
gesandt wurden. Ehe aber noch diese eingetroffen
und ehe die endlich wieder berufene Kammer zu-
sammengetreten war, waren die Verhandlungen
zwischen Varatieri und Menilek, der die Räumung
des Landes bis zum Mareb und Abänderung des
Vertrags von Uccialli in seinem Friedensangebot
verlangte, abgebrochen, und 1. März hatten die
Italicner die schwere Niederlage von Adua (s. d.)
erlitten und sich bis zu dem 120 Km entfernten Addi
Caie zurückziehen müssen. Schmerz und Entrüstung
erfüllte Rom und I. bei Eintreffen dieser Nachrich-
ten und wandte sich sowohl gegen den General, der
so lange gezaudert hatte, um endlich so kopflos anzu-
greifen, dann aber auch gegen Crispi, der den tollen
Krieg gegen Abessinicn heraufbeschworen und auf
eigene Faust weiter geführt hatte. Nachdem der
Senat und seine eigenen Freunde Crispi zum Rück-
tritt aufgefordert hatten, bat er 3. März den König
nm seine Entlassung, doch ließ sich dieser erst am 5.
zur Unterhandlung mit Saracco wegen Neubildung
des Kabinetts bewegen. Saracco kam mit Ricotti
und Rndim zu keinem Einverständnis, worauf Ricotti
den Auftrag übernahm. In dem von ihm zu stände
gebrachten Kabinett übernahm er selbst den Krieg,
Rudiin den Vorsitz, das Answärtige der Herzog von
Sermoneta, den Schatz Colombo, die Finanzen
Vranca, die öffentlichen Arbeiten Perazzi, die Ma-
rine Vrin, den Unterricht Gianturco, den Ackerbau
Guicciardini, Post und Telegraphie Carmine. In
der am 5. zufammengetretenen Kammer kam es noch
zu stürmischen Demonstrationen gegen Crispi; auch
wurde viel von der nationalen Ehre und der des
Heeres gesprochen, das Land aber, dem das neue
Kabinett sofort die Amnestierung der rnilitargericht-
lich verurteilten Unruhestifter von Sicilien und aus
der Lunigiana, darunter De Felice, Barbato, Vosco
und Vcrro, entgegenbrachte, nahm mit Genugthuung
die Nachricht auf, daß Valdissera, der als Nachfolger
Varaticris in Erythräa den Oberbefehl übernommen
hatte, auf weitere Truppennachschübe verzichte, und
daß das Kabinett keine Ausdehnungspolitik treiben
wolle, vielmehr bereit sei, Frieden zu schließen, falls
dies ohne Beeinträchtigung der ital. Waffenehre ge-
fchehen könne. Daran, die afrik. Kolonie völlig auf-
zugeben, wie die radikalen Kolonialfeinde forderten,
konnte natürlich nicht gedacht werden, doch war man,
wie Rudim in der Deputiertenkammer erklärte, de-
reit, Tigre zu räumen und nur die Linie Mareb-
Velefa zu behaupten. Dazu bedürfte es aber einer
neuen Anleihe von 140 Mill. Lire, die von den
Kammern mit großer Majorität bewilligt wurde.
Als ein glückliches Ereignis, um die Kriegslust
Menilcks zu dämpfen, war es anzusehen, daß es
den im Roten Meer stationierten ital. Kriegsschiffen
gelang, 8. Aug. einen mit Waffen und Munition für
den Negus bcladcnen Holland. Dampfer Doclwyk
nnweit Pcrim aufzubringen und mit Beschlag zu be-
legen, überhaupt zeigte sich Menilek einem Friedens-
schluß nicht abgeneigt, nur verlangte er, als souve-
räner Herrscher und gleichberechtigte Macht ange-