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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Japanisches Heerwesen
eine Menge Gebäude, z. B. Tempel für Nebengötter,
Hallen für einen heiligen, von jungen Mädchen dar-
gestellten Tanz u. s. w. enthalten. Der Eingang zum
Tempelhof (^diro) bildet das ^ori-i (f. Tafel: Vud -
vhismus I, Fig. 7 links), ein einfaches Thor von
bestimmter Form, an desfen Querbalken oft ein
Strohfeil, an dem eigentümlich gefaltete Papier-
streifen herabhängen, befestigt ist. Im Tempel felbst
ist meist nur ein metallener Spiegel aufgestellt. Vor
dem Tempel hängt eine Schelle mit einem Seil, in
cinen Holzkasten darunter wirft man kleine Münzen.
Die Priester (^Nnnustii) unterscheiden sich nur bei
aottesdienstlichen Handlungen, wie Opfern (von
Früchten und Gemüse), durch die Kleidung von an-
dern Menschen; sie sind verheiratet und haben ihr
Amt häusig ererbt. Die Priester kann man, nebst
dem Hof und den Bewohnern einiger Gegenden, aus
denen der Buddhismus verbannt war, allein als
reine Shintoisten bezeichnen. Denn während sonst
jeder Japaner zwar bei seiner Geburt dem Schutze
der Shintögottheit in seinem Wohnort anvertraut
wird, gehört er nach seiner Familienabstammung zu-
gleich zu einer der buddhistischen Sekten des Landes.
Von den beiden großen Systemen, in die der
Buddhismus (s.d.) im Laufe der Zeit sich trennte,
ist das des Mahäyana, der Nordbuddhismus, nach
langer Wanderung über China und Korea nach Ja-
pan gekommen, und zwar nach den japan. Chrono-
logien im 6. Jahrh. n. Chr. Die Verehrung des
Stifters Aäkyamuni (in Japan Shaka genannt) und
anderer heiligen tritt hier hinter die der Verkörpe-
rung zweier abstrakter Ideen zurück, des Amidabuts'
(im Sanskrit ^mit^dka Luääba), der Personifika-
tion des unendlichen Lichtes, und der Kannon (im
Sanskrit ^valokit^vkra), der Personifikation der
unendlichen Gnade und Barmherzigkeit. Außerdem
giebt es noch unzählige äii mworeg, die andern
Religionssystemen, wie dem Vrahmanismus, Shin-
töismus u. a., entstammen. Die Gottheiten werden
bildlich verehrt, und manche der Statuen, wie der
bekannte Daibuts' von Kamakura (s. Tafel: Vud-
d h ismus I,Fig. 5), gehörenzudenschönsten Erzeug-
nissen der japan. Kunst. Der japan. Buddhismus zer-
fällt in 12 Sekten, aber nur sechs davon sind bedeu-
tend. Die Haupttempcl sind in oder bei Kioto. Einige
der Sekten sind aus China gekommen, andere sind in
Japan entstanden. Am einfachsten sind die Lehren der
Iödöshinshu, "der wahren Sekte vom Paradies",
deren Lehre fast monotheistisch geworden ist und deren
Satzungen sehr vereinfacht sind, so daß man sie
die protestantische unter den buddhistischen Sekten
genannt hat. Die Zahl ihrer Tempel beträgt
19000, die Zahl aller buddhistischen Tempel über
72000. Das Einkommen der Tempel besteht jetzt
nur aus den Sporteln und Gaben der Gläubigen,
die frühern reichen Einkünfte aus den Tempelgütern
sind durch Konfiszierung der letztern Anfang der
siebziger Jahre genommen worden. Die Zahl der
Priester beträgt über 140000 (darunter kaum 1000
Nonnen). Sie leben im Cölibat (mit Ausnahme der
Priester der Iodoshinshu) und enthalten sich der
Fleischspeisen. Ihre Hauptpflichten bestehen in der
Ausführung von Begräbnisfeierlichkeiten, Lesen von
Totenmessen, Predigen, wozu aber kein bestimmter
Tag wie bei uns ausersehen ist. Ihr Einfluß ist bei
der ländlichen und gewerbtreibenden Bevölkerung
größer als bei den gebildeten Klassen, die sich
an die Moral der chines. Weisen, wie Confucius
und Mcncius, halten oder auch dem Materialis-
mus huldigen. Große Ähnlichkeit besteht zwischen
dem buddhistischen und kath. Ritus; man kennt das
Räuchern mit Weihrauch, Abzählen von Kugeln am
Rosenkranz, reichen Schmuck der Tempel und Altäre,
Wallfahrten nach berühmten Tempeln, Verkauf von
Amuletten u. s. w. In der jüngsten Zeit strebt man
eine geistige Reform des Buddhismus an, haupt-
sächlich, um dem eindringenden Christentum ent-
gegenzutreten.
Der Katholicismus, der zuerst 1549 durch
Lavier nach Japan gebracht wurde und nach beinahe
100 Jahren über eine Million Bekenner gezählt
haben soll, wurde 1638 nach blutigen Verfolgungen
verboten. Gründe waren teils die Streitigkeiten der
portug. und fpan. Priester, teils der Argwohn der
Regierung Japans, daß die Christen eigennützige
Eroberungspläne hegten. Die jetzige Regierung
nahm anfangs ebenfalls eine feindselige Stellung
ein, gewährte aber seit Anfang der siebziger Jahre
völlige Religionsfreiheit. Gegenwärtig beträgt die
Zahl der japan. Christen etwa 100000 Seelen, von
denen etwa 45000 zum Katholicismus, 20000 zur
griech. Kirche, die übrigen zu den verschiedensten
prot. Sekten, wie Presbyterianern, Kongregationa-
listen, Methodisten, Baptisten, Unitariern u. s. w.
gehören. Seit 1885 wirken auch einige deutsche
Missionare in Tokio. Die Bibel ist seit Mitte der
achtziger Jahre vollständig übersetzt. Die Mifsions-
gesellschaften fuchen vielfach durch Errichtung von ge-
wöhnlichen oder höhern theol. Schulen (wie Doshisha
in Kioto) Anhänger zu gewinnen. In den letzten
Jahren (bis 1893) ist ein kleiner Rückgang des
Christentums zu verzeichnen.
Vgl. Chamberlain und Ma^ou, N^Hdook lor
^i-HV6ii6i-8 in^aMn (4. Aufl., Lond. 1894): Cham-
berlain, 11iiliA8 ^a.MQ686 (ebd. 1891); Bunyn
Nanjö, 8ü0rt liiätor^ ot tk6 12 ^HpHnsäk IZuääiiiät
86et8 (Tokio 1887); Loomis, 8tlUi8tic8 of^IissionZ
(jährlich); Cobbold, ilsliFion in ^HMn (Lond. 1894).
^IapanischesHeerwesen. I.Landhecr. Statt
der frühern, aus den Kontingenten der Taimio
und den Truppen des Shogun bestehenden 5)eeres-
macht wurde in dem letzten Vierteljahrhundert fast
ganz nach preuß.-deutschem Muster, welches den
japan. Verhältnissen geschickt angepaßt wurde, ein
vollständig modernes Heerwesen geschaffen. Die
Reorganisation begann mit dem Gesetz vom 28. Dez.
1872, welches in Japan die allgemeine Wehrpflicht,
allerdings mit vielen Ausnahmen, einführte. Wei-
tern Fortfchritt machte die Reorganisation durch die
Gesetze vom 15. Aug. 1884 und 21. Jan. 1889. Ja-
pan stellt im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl nur
wenig Truppen auf im Gegenfatz zu den europ. Groß-
mächten, 3. B. Frankreich, dem es an Einwohnerzahl
überlegen ist; die Wehrkraft des japan. Staates ist
also außerordentlich entwicklungsfähig. Bei der Re-
organisation waren zunächst franz.,später ausschließ-
lich deutsche Offiziere thätig.
Jeder Japaner ist vom 17. bis 40. Lebensjahre
wehrpflichtig, die Dienstpflicht beginnt mit dem
1. Jan. desjenigen Kalenderjahres, in welchem das
21. Lebensjahr vollendet wird. Die Dienstzeit be-
trägt 3 Jahre im aktiven Heer, 4 Jahre in der Re-
serve, 5 Jahre in der Landwehr. Alle Wehrpflich-
tigen, die nicht zu den drei Kategorien gehören, bilden
den Landsturm (vom 17. bis 40. Lebensjahre). Bei
Ausbruch des Krieges mit China setzte sich das japan.
Heer folgendermaßen zusammen: Das stehende Heer
bestand aus 1 Garde- und 6 Liniendivisionen', jede