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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Stammler
sprachliche Erziehung) kommt neuerdings die Beob-
achtung, daß auch Kinderkrankheiten, besonders
Infektionskrankheiten, das Stottern hervorrufen
oder doch verstärken können. - Die Perioden, in
denen sich das Stottern wesentlich verstärkt, ja in
einzelnen Fällen überhaupt erst entwickelt, sind die
Zeit der Zweiten Dentition und der Eintritt der
Pubertät. Diese Thatsache auf das Schulalter über-
tragen, bedeutet und erklärt zugleich die beobachtete
Zunabme des Stotterns im ersten und zweiten, und
im achten Schuljahre, abgeseben davon, daß die
Situation in der Schule dem in dieselbe eintreten-
den, bereits stotternden oder für das Stottern
prädisponierten Kinde das Sprecben besonders er-
schwert. Aus den in den letzten Jahren unter der
Schuljugend angestellten statist. Erhebungen über
Stottern hat sich auch die Thatsache ergeben, daß
die Zahl der Stotterer während der Schulzeit erbeb-
lich zunimmt, ja um das Dreifache wächst.
Das Stottern kommt in allen Sprachen und
Idiomen vor, auch die bisherige Annahme, daß in
der chines. Sprache wegen ihres kräftigen Rhyth-
mus nicht gestottert werde, hat sich als irrig er-
wiesen; die Chinesen haben auch ein besonderes
Wort für Stottern (kclii-ko). Nach den Beobach-
tungen einiger Autoren über die geographische
Verbreitung des Stotterns ist dies am bäufigsten
in Nordamerika, an den Meeresküsten von Nord-
afrika, besonders in Ägypten, Algerien, Tuni^; in
Europa ist das Stottern ganz besonders in Deutsch-
land, Rußland, Großbritannien, Frankreich u. a.
verbreitet, während es wieder in andern europ.
Ländern nur sporadisch auftreten soll. Chervin
nimmt für Deutschland eine verhältnismäßig gerin-
gere Zahl von Stotternden an, als er in Frankreich
ermittelt hat, und findet den Grund dafür in der
geogr. Lage, denn nach feinen Beobachtungen wird
Stottern immer geringer vom Nordwesten nach dem
Nordosten. In Frankreich werden bei den Rekrutcn-
aushebungen alljährlich statist. Aufnahmen über
das Stottern gemacht; danach ergeben sich 6,66 Stot-
ternde auf 1000 Rekruten. Das jährliche Wacks-
tum des Stotterns beträgt hier 0,92 auf 1000.
Die in Deutschland in den letzten Jahren seitens
vieler Orts- und Kreisschulbehörden vorgenomme-
nen Ermittelungen über das Stottern unter den
Schulkindern haben durchschnittlich etwa 1 Proz.
Stotternder ergeben, was für das Deutsche Reich
etwa 80000 Stotternde allein unter den Schulkin-
dern ergicbt. Berlin hatte nach einer im I. 1886
von Gemeindelehrern vorgenommenen Zählung
unter 155000 Gemeindeschulkindern 1550 Stotterer.
Eine in Elberfelo durch die Ortsschulbehörde zwecks
Feststellung des Stotterns in den dortigen Volks-
schulen angestellte Untersuchung von 18 500 Schul-
kindern hatte das Ergebnis, daß 1^ Proz. stotter-
ten; in Dresden ergaben sich fogar 2 Proz. Alle
diese Erhebungen haben auch die schon früher be-
kannte Thatsache bestätigt, daß das Stottern unter
dem männlichen Geschlecht häusiger ist, als unter
dem weiblichen.
Für die Heilung des Stotterns sind im Laufe
der Zeit von Pädagogen und Ärzten, auch von
Autodidakten die verschiedensten Methoden aufge-
stellt worden, die zum Teil auch veröffentlicht, zum
Teil aber geheimgehalten wurden. Epochemachend
auf diefem Gebiete ist die vom Taubstummenlehrer
Albert Gutzmann-Berlin 1879 bewirkte Veröffent-
lichung seiner Methode zur Heilung des Stotterns,
insofern diese in Preußen wie auch in andern deut-
schen Staaten umfangreiche öffentliche Maßnahmen
zur Bekämpfung der Sprachgebrechen unter der
Schuljugend zur Folge hatte.
Die Gutzmannsche Methode, welche sich außer
auf eine reiche Erfahrung und Forschung des Autors
selbst ganz auf die wissenschaftlichen Forschungen,
insonderheit von Johannes Müller, Kußmaul, Du
Vois-Reymond, stützt, ist auf streng physiol. Grund-
lage durchgeführt und ist eine Suggestivtherapie
nur in dem Sinne, als der Stotterer durch Übung
der Atmung, der Stimme und der Artikulation zu
dem Bewußtsein und zu der Überzeugung kommt,
daß er die für das normale Sprechen nötigen Mus-
kelbewegungen in der Gewalt hat und ausführen
kann. Infolge der Cirkularerlasse des preuh. Unter-
richtsministcrs von Goßler vom 31. Dez. 1888 und
vom 18. Juli 1889, worin auf die von den königl.
Negieruugen zu Potsdam und Düsseldorf über die
Erfolge in den Schülerkursen für Stotterer in Pots-
dam und Elberfelo gegebenen Berichte hingewiesen
ist, beginnen die öffentlichen Maßnahmen gegen
vorhandene Sprachgebrechen unter der Schuljugend
in Preußen allgemein zu werden. Die interessierten
Behörden senden Lehrer ab zur Teilnahme an den
in Berlin unter der Leitung des Autors der Methode
für Ärzte und Lehrer stattfindenden Lehrkursen über
Sprachstörungen. Zur Zeit sind in vielen Städten
Preußens, auch anderer deutscher Staaten, in den
größern und größten fast ohne Ausnahme, auch in
einigen Landkreisen öffentliche Schülerkurfe für
Stotterer eingerichtet. Nach den über die in diesen
Schülcrkursen erzielten Erfolge vorliegenden, zum
Teil amtlich beglaubigten Berichten wird die Mehr-
zahl (80 Proz.) der an den Kursen teilnehmenden
sprachgebrechlichen Kinder in etwa vier Monaten
(bei täglich einer Übungsstunde) von ihrem Übel
völlig befreit, ein kleiner Prozentsatz wird in dieser
Zeit nnr gebessert und nur in ganz verschwindend
wenigen Fällen wird ein Erfolg überhaupt vermißt.
Neben diesen öffentlichen Emrichtnngen zur Ab-
stellung des Stotterübels bestehen in Deutschland
eine ganze Anzahl älterer und jüngerer privater
Stotterheilanstalten. In den Gutzmannschen Sprach-
heilanstalten in Berlin wird nicht allein das Stot-
tern behandelt, sondern es kommen sämtliche Sprach-
störungen zur Behandlung.
Die in allerjüngster Zeit von manchen gemachten
Versuche, das Stottern durch Hypnose zu heilen,
waren erfolglos.
Litteratur. Chervin, ZtHtistihus äu de^ie-
ment 6N 5V3NC6 (1878); Julius Wolfs, über die
Behandlung der Gaumenspalten, in Langenbecks
"Archiv für klinische Chirurgie", Bd.33, Heft i;
Schiltfky, Über weiche Obturatoren und ihre Be-
ziehung zur Chirurgie und Physiologie (Berl. 1881);
Du Vois-Reymond, über die Übung (ebd. 1881);
Strümpell, Lehrbuch der speciellen Pathologie und
Therapie (2 Bde., 9. Aufl., Lpz. 1895); Coe'n, Patho-
logie und Therapie der Sprachanomalien (1886);
A. Gutzmann, Die Gesundheitspflege der Sprache
(Bresl. 1895); H. Gutzmann, Vorlesungen über die
Sprache und ihre Heilung (Berl. 1893); Mediz.-
pädagogische Monatsschrift für die gefamte Sprach-
heilkunde, hg. von A. und H. Gutzmann (Berlin).
Stammler, Rudolf, Jurist und Rechtsphilofoph,
geb. 19. Febr. 1856 zu Alsfcld in Hessen, studierte in
Gießen und Leipzig, trat dann in den Hess. Iustiz-
dienst, habilitierte sich 1880 in Leipzig, wurde 1882