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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Städtisch-Petersdorf - Stammeln
Städtifch-Petersdorf, s. Petersdorf.
Staffeltarif, s. Eisenbahntarife. München.
*Staehlin, Adolf von, starb 4. Mai 1897 in
^ Stammeln und Stottern. In den Begriff
Stammeln faßt die wissenschaftliche Sprachheilkunde
die sämtlichen peripheren oder artikulatorischen
Sprachstörungen zusammen, wozu also auch das
Lispeln, das Näseln u. a. gehören. Der Stammler
kann immer sprechen, da er von psychischen Affekten
nicht beeinflußt wird, feine Rede ist also nie von
jenen krampfhaften Erscheinungen begleitet, wie sie
in der Rede des Stotternden bemerkt werden; aber
er spricht die Laute undeutlich oder auch ganz falsch,
ja manche gar nicht. Dies wechselt nie bei ibm,
sondern er spricht denselben Laut zu allen Zeiten
ebenso undeutlich, ebenso falsch oder auch garnicht.
Das Forschen nach den Anfängen des Stammelns
führt in den bei weitem meisten Fällen in die Kind-
heit des Menschen und zwar bis in seine erste Laut-
sprachentwicklung zurück. Jedes Kind stammelt in
der ersten Periode seiner Sprachentwicklung; nicht
selten zieht sich diese Entwicklungserscheinung noch
bis in die ersten Jahre der Schulzeit und weiter,
selbst bis ins spätere Leben hinaus, eine Folge
von mangelhafter sprachlicher Erziehung oder von
überaus langsamer sprachlicher Entwicklung.
Nach Kußmaul ist das Stammeln bald ein ange-
borener, bald ein erworbener Fehler, bald ist er nur
funktionell durch fchlechte Erziehung und mangel-
hafte Übung hervorgerufen, bald von organischer
Natur. Danach werden zwei Arten des Stammelns
unterschieden, nämlich a. das funktionelle
Stammeln, d. das organische Stammeln.
Dazu kommt noch das Stammeln, welches mit tief-
stehenden Geistesfähigkeiten verbunden ist, wie es
in Idiotenanstalten fo häufig angetroffen wird.
Bekannte Formen des Stammelns sind das
3-Stammeln (Gammacismus), das 1-Stam-
meln (Lambdacismus) und das r-Stammeln
(Rhotacismus).
Eine der verbreitetsten Formen des Stammelns
ist das Lispeln (V1a68ita8 oder Sigmatismus),
ein Fehler in der Aussprache vorzugsweise der
s-Laute (s, s, ß, z, sch). Der Grund des Lispelns
ist in der Regel falsche Zungenlage, es können aber
auch Abnormitäten in der Kieferbildung und Zahn-
stellung, oder Zahnlücken die Ursache sein.
Das Näseln, ebensowohl ein Gewohnheitsfehler,
wie in organischen Verhältnissen begründet, besteht in
der Trübung der Stimme durch näselnden Beiklang.
Man unterscheidet verstopftes Näseln (Nino-
pQoniH oikmLa) und offenes Näfeln (I^inopko-
Das funktionelle Stammeln wird durch
zweckmäßige Artikulationsübungen unter fachmän-
nischer Leitung in kurzer Zeit beseitigt; bei dem
organischen Stammeln sind für die Vornahme
der gleichen Übungen häufig erst noch die ursäch-
lichen organischen Verhältnisse zu bessern. Die
größten Fortschritte hat die Wissenschaft hier bei den
Gaumendefekten (Wolfsrachen) in den letzten Jahren
gemacht. Diefer in der Regel angeborene Organ-
fehler wirkt sehr nachteilig auf die Sprache. Stam-
meln und starkes Näseln sind die Charakteristik".
Die Chirurgie suchte deshalb durch Operation den
Defekt im Gaumen zu schließen, die Technik (Zahn-
technik) ihn durch Obturator zu verstopfen. Schon
Gräfe und Dieffenbach nahmen Operationen dieser
Art vor, aber erst von Langenbeck gab im 1.1861
der Angelegenheit einen lebhaftern Fortgang, in-
dem er die Methode der Operation der Gaumen-
defekte durch ein neues Verfahren verbesserte. Be-
treffs der Obturatoren stehen sich zwei Systeme
gegenüber, das Suersensche, wonach der Pflock des
Obturators hart ist, und das Schiltskysche, welches
nur weiche Obturatoren liefert. Für die Sprache
wurde aber erst ein absoluter Erfolg gesichert, als
vom 1.1880 an durch Professor Dr. Julius Wolff-
Verlin das von diefem mit Eifer wieder aufgenom-
mene und geförderte Langenbecksche Operationsver-
fahren mit dem Schiltstyschen Rachenobturator und
mit der sprachgymnastischen Behandlung des Taub-
stummenlehrers Albert Gutzmann-Berlin in Verbin-
dung gebracht wurde. In der Litteratur sind auch
Fälle bekannt gegeben, in denen allein durch Ope-
ration und jene methodische Sprachgymnastik ein
absoluter sprachlicher Erfolg erzielt wurde.
Stottern ist nicht wie Stammeln ein Fehler
in der Aussprache, sondern ein Fehler in der Rede.
Der Stotternde kann alles richtig aussprechen, aber
er kann es nicht immer sofort, er kann es nicht in
allen Situationen fließend. Ihm mangeln in der
Regel nicht normale Sprachorgane, vollkommenes
Gehör, geistige Dispositionsfähigkeit, und doch ver-
mag er häusig selbst beim besten und stärksten Willen
nicht zu reden. Der ausfallende Wechsel im Sprach-
vermögen der Stotternden ist ein hervorragendes
Symptom des Stotterns. Unter Stottern wird also
die Sprachstörung verstanden, die sich besonders im
Anfange, aber auch im Fortgange der Rede als augen-
blickliches Hindernis, als plötzliches Stocken äußert.
Die Ursachen dieser Störung sind unwillkürliche
Muskelzusammenziehungen im Gebiete der Sprach-
muskulatur, also in den Atmungs-, den Stimm-
und den Artikulationsmuskeln. Die mediz. Wissen-
schaft bezeichnet diese unwillkürlichen Muskelzusam-
menziehungen als Krumpfe oder Spasmen, und
das Stottern felbst als eine fpastifche Koordina-
tionsneurose (Kußmaul), und auch sonst gehen die
Ansichten darüber nicht mehr auseinander, daß das
Stottern ein centrales Leiden ist; auch wird von
kompetenter Seite nicht bestritten, daß Stottern mit
der Zeit und in vielen Fällen einen krankhaften
psychischen Zustand herausbildet; dieser ist aber
immer nur die Folge, nie die Ursache des Übels, in
ihm drückt sich daher auch nie das eigentliche Wesen,
die Pathologie des Stotterns aus.
Zum Wesen des Stotterns gehören einige ganz
bestimmte, ihm allein eigene Erscheinungen. Jene
Krämpfe äußern sich nämlich entweder in der Weise,
daß die abnormen Muskelkontraktionen nur kurze
Zeit andauern, dann durch kurze Pausen der Er-
schlaffung unterbrochen werden, um sofort von
neuem aufzutreten (der Stotternde fpricht in die-
sem Falle z.B.: B,V,B Bauer), oder in denjenigen
abnormen Muskelkontraktionen, bei welchen der
krampfhaft kontrahierte Muskel längere Zeit in
einer Kontraktion verharrt- der Stotternde fpricht
in diesem Falle z. B.: B-auer (der Strich hinter
dem B deutet das unfreiwillige Verweilen bei diesem
Laut an). - Eine andere charakteristische Erschei-
nung beim Stottern sind die bekannten Mitbewe-
gungen, d. h. abnorme Bewegungen, welche bei
willkürlichen Bewegungen in andern, zu den ge-
wollten Bewegungen nicht in Beziehung stehenden
Muskeln auftreten (^trümpell).
Zu den bekannten Ursachen des Stotterns (Ver-
erbung der Anlage, schlechtes Beispiel, vernachlässigte