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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Seide

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Seide - Seide

Raupe rund um sich herum zunächst ein lockeres, grobes, durchsichtiges Netz und dann innerhalb desselben in 7-8 Tagen eine dichte ei- oder walzenförmige Hülle, den Kokon (frz. cocon, engl. coccon), deren innerste Schicht ein pergamentartiges Häutchen ist. Die Länge des einzigen, die ganze Hülle bildenden Fadens soll 3500-3700 m betragen, wovon jedoch für die Verarbeitung zu langer S. nur etwa 300-600, selten bis 900 m zu erlangen sind. Die Kokons haben höchstens die Größe eines Taubeneies, sind aber meist kleiner. Nur die weiblichen haben die Eiform; die männlichen zeigen in der Mitte eine Einschnürung. Die Farbe ist meistens weiß oder hellgelb, auch grünlich, rötlich etc. Nach 2-3 Wochen brechen aus den Kokons die Schmetterlinge hervor und die Geschlechter suchen sich auf. Ist es nicht auf Nachzucht, sondern auf Seidegewinnung abgesehen, so verhindert man das Auskriechen durch Tötung des eingeschlossenen Tieres mittels Hitze, da die verlassenen Kokons, weil durchbissen, keinen ganzen Faden mehr geben und nur als Abfallseide dienen können. Das Töten wird entweder durch die Hitze eines Backofens bewirkt oder durch heiße Wasserdämpfe, indem man die Kokons in einem Siebe über siedendes Wasser setzt. Dämpfe von Terpentinöl, Kampfer, brennendem Schwefel haben dieselbe Wirkung. Mit dem Abtöten des Kokons ist das Geschäft des kleinen Seidenzüchters beendet. Die folgende Bearbeitung, das Abhaspeln, ist Sache besonders darauf eingeübter weiblicher Hände und geschieht in Frankreich und Italien in besondern Anstalten, den sog. Filanden. Die hier zu bearbeitenden Kokons werden vorher nach Farbe und Beschaffenheit, die festen und lockern besonders, sortiert, fleckige, doppelte und sonst fehlerhafte ausgeschossen. Durch Einlegen in heißes Wasser wird der natürliche Leimüberzug, mit welchem die Fadenwindungen aufeinander kleben, erweicht; beim Abhaspeln liegen und drehen sich die Kokons ebenfalls in warmem Wasser; die Arbeiterin schlägt dieselben vorher mit Reisig, um die noch anhängende Flockwolle zu entfernen und die Fadenanfänge der guten S. zu entdecken; von diesen nimmt sie die bestimmte Anzahl, drei bis acht und mehr, und haspelt sie von eben so viel Konkons zu einem einzigen Faden auf. Gläserne Führungsringe für die einzelnen Fasern und andre kleinere Vorrichtungen dienen zur Sicherung der Arbeit und zur guten Beschaffenheit des Fadens; die Arbeiterin hat zudem ihre ganze Aufmerksamkeit und Sorgfalt anzuwenden, da von ihrer Arbeit die Güte des Produktes zum guten Teil abhängt. Die Fäden legen sich auf dem vier- bis sechsarmigen Haspel dicht neben einander, sodaß es aussieht als sei er mit einem glänzenden Seidenband bezogen. Die innerste Schicht des Kokons ist durch Klebstoff so fest verbunden, daß sie pergamentartig erscheint und keinen Faden mehr entläßt; sie kommt mit zur Abfallseide. - Die auf den Haspeln selbst trocken gewordenen Strähne bilden die Rohseide oder Greze (frz. grège, grèye; engl. raw silk); sie hat in diesem Zustande, trotzdem der Faden hart und starr ist,

schon verschiedne Verwendungen, zu Gaze, Blonden u. dgl.; die meiste S. wird indes durch Kochen in Seifenwasser von dem äußern Überzuge, der den Faden einhüllt und eine leimartige Beschaffenheit hat, befreit. Dieser Überzug ist auch der Träger der gelben und andern Färbungen; gekochte S. erscheint daher immer weiß. Dieses Kochen heißt das Entschälen oder Degummieren; die Fäden sind dadurch dünner, geschmeidiger und glänzender geworden. Gewöhnlich wird die S. hiernach noch mit Schwefeldämpfen gebleicht; die naturweiße ist indes immer besser, besonders zum Färben. Für gewisse Zwecke, zu Geweben, die etwas steifer und glanzloser sein dürfen, wird die S. kürzere Zeit gekocht und heißt dann halbgekochte, souplierte oder Soupleseide. - Zur Verwendung für Gewebe wird die S. erst noch gezwirnt (filtiert, mouliniert). Die hierzu dienenden Zwirnmühlen sind komplizierte, in neurer Zeit sehr verfeinerte Maschinen. Die Rohseide wird hier, nachdem sie von den Strähnen auf Spulen gebracht ist, je nach ihrer Bestimmung zwei-, drei- und mehrfach zusammengedreht. Man dreht auch die nicht zu duplierende Rohseide, damit der Faden runder wird und sich bei der spätern Bearbeitung nicht in die einzelnen Bestandteile spaltet. Die Drehung der Einzelfäden geschieht auch für gewisse Sorten dann, wenn sie später noch paarweise oder mehrfach zusammenzudrehen sind. Die beiden hauptsächlichen und wesentlich verschiednen Sorten sind Organsin und Trama oder Ketten- und Einschlagseide. Die erste wird aus der besten Rohseide hergestellt, aus gedrehten und duplierten Fäden unter fester Drehung; die zweite besteht aus ungedrehten Einzelfäden, wird auch beim Zwirnen nur schwach gedreht und ist daher von lockerer, weicher Beschaffenheit. Andre Sorten sind Nähseide, Strickseide, Stickseide etc. Der Stärke- oder Feinheitsgrad der gezwirnten S. wird durch Nummern angegeben und die Bestimmung derselben heißt das Titrieren. Es geschieht durch Abmessen einer bestimmten Zahl von Stab oder Metern und Wiegen derselben auf einer feinen Wage. - Die S. ist ein in hohem Grade wasseranziehender Körper, nimmt aus feuchter Luft rasch Wasser auf, kann sich um 20, 30% damit beschweren und immer noch trocken erscheinen, was begreiflich beim Handelsverkehr mit diesem Artikel in Rücksicht gezogen werden muß. Es gibt daher an den Plätzen mit vielem Seidenverkehr, z. B. in Deutschland in Krefeld, Elberfeld, Berlin, besondere Prüfungsämter, sog. Konditionierungs- oder Trockenanstalten, wo man den Wassergehalt und wahren Handelswert der Ware ermitteln lassen kann. Aus den dort eingelieferten Garnballen entnehmen die Beamten verschiedne Probesträhnen, wiegen sie sehr genau und setzen sie einige Stunden in einem mit Dampf erhitzten Apparat einer Temperatur von 105-110° C. aus, wiegen mehrmals nach, bis keine Abnahme mehr stattfindet, und berechnen aus dem Gewichtsverlust der Probe den Handelswert des Ganzen. So wasserfrei, wie sie hier erhalten wird, ist die Handelsware natürlich niemals; man rechnet nicht darauf, son-^[folgende Seite]