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Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Seide

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Seide - Seide

recht gutes, viel verwendetes Gespinst liefern. Die Versuche sind auch, nachdem die Epidemie unter den Seidenraupen als in der Hauptsache erloschen betrachtet wird, meist wieder aufgegeben worden. Man hat auch noch keine Art gefunden, deren Gespinst gleiche Feinheit, Weichheit und Glanz besitzt, wie das des Maulbeerspinners. In Asien werden neben Kokons von Bombyx mori auch solche von Bombyx militta, dem Tussahspinner, und Bombyx selene, beide in Indien die Tussahseide liefernd, in China und Japan von Bombyx oder Saturnia cynthia = Fagara oder Ailanthus-Raupe, welche auf dem Götterbaume (Ailanthus gladulosa) lebt, in Ostindien noch von der Ricinusraupe (B. arryndia) verwendet. Auch ein Eichenblattspinner (B. Pernyi), welcher im nördlichen China und Japan heimisch und in Nordamerika gezüchtet wird, liefert etwas S. Ein japanesischer Eichenspinner, dessen Einführung man in Europa vielfach angestrebt hat, führt den Namen B. yama-maï. -

Es sei an dieser Stelle noch eines Fasermaterials gedacht, welches der Abstammung nach allerdings nicht hierher gehört, aber seiner Eigenschaften wegen neben die S. gestellt zu werden verdient, d. i. die Muschelseide von Pinna nobilis, welche von Italien aus in den Handel gebracht wird. Ans der bis 300 mm langen und 120 mm breiten Muschel hängt ein Faserbart heraus, welcher anfänglich, durch Pflanzenreste und Sand verunreinigt, sehr unscheinbar aussieht, aber bei der Bearbeitung durch Kämmen immer glänzender wird und schließlich einen großen Glanz und goldgelbe Farbe erhält und in der Sonne wie Goldstaub schillert. Die Fasern sind äußerst weich und zart und werden versponnen; sie dürften am geeignetsten für Stickereien und Posamenterien sein, während man sie jetzt zu groben plumpen Strümpfen und Handschuhen verarbeitet. Die ganze Jahresproduktion ist übrigens sehr klein. -

Die Verarbeitung der S. zu den verschiedenartigsten Webereiartikeln ist bekanntlich nicht in den Grenzen der Seidenerzeugung geblieben, sondern besteht auch in Gegenden, die wenig oder keinen Seidenbau haben. England mit seiner großartigen Seidenindustrie erzeugt keine Rohseide; Italien dagegen ist genötigt, sein Produkt roh oder gesponnen auszuführen und bezahlt an Frankreich und England jährlich große Summen für façonnierte Seidenstoffe, da es selbst nur noch glatte Ware erzeugt und damit etwa 20000 Menschen beschäftigt, die meistens in Como und Genua arbeiten. Die Ursache dieser Zustände wird dem Mangel an Zollschutz zugeschrieben, da infolge der Handelsverträge nur ein Eingangszoll von 1½% des Wertes besteht. -

In Frankreich bildet die Seidenfabrikation bekanntlich eine sehr großartige Industrie und hat dieses Land namentlich in façonnierten Stoffen wegen der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Muster noch immer ein bedeutendes Übergewicht, indes in glatten Stoffen andre Länder, namentlich die Schweiz, Deutschland und England, mit Erfolg konkurrieren können. Der älteste und bedeutendste Sitz der Fabrikation ist Lyon; die übrigen Hauptorte sind Paris, Nismes, Avignon, Tours etc. Den Wert der jährlich in Frankreich erzeugten Seidenwaren hat man auf 500 Mill. Francs veranschlagt, die Ausfuhr auf 380-460 Mill.; das Geschäft ist aber von Zeitumständen und Moden so abhängig und unterliegt daher solchen Schwankungen, daß sich nichts Bestimmtes aufstellen läßt. In Lyon hat nach eigenen Aufstellungen, die Seidenweberei von 1856-1865 so abgenommen, daß sich das letzte Jahr zu dem ersten verhielt wie 11 zu 74. Schwere Jahre für die Lyoner Seidenindustrie folgten auch auf den Krieg 1870/71; nur erst die letzten Jahre haben eine Besserung gebracht.

In der Schweiz und Deutschland geht die Seidenindustrie einen steteren Gang. Im ersten Lande sind Zürich und Basel die Hauptsitze derselben. Es wird besonders in glatten Stoffen gute Ware zu billigen Preisen geliefert. Es gehen dort etwa 40000 Webstühle und es werden für 150 Mill. Francs Seidenwaren produziert. Ziemlich dieselbe Ausdehnung hat die Industrie in Österreich oder vielmehr in Wien. In Deutschland findet sie sich in und um Crefeld, für halbseidene Sachen in Elberfeld. In Sachsen werden die schönsten, den Lyoner ebenbürtigen Waren in Annaberg fabriziert; außerdem bestehen Seidenwebereien in Frankenberg, Penig, Lößnitz. Auch in Berlin werden zum Teil schöne Seidenwaren, daneben aber mehr solche gearbeitet, bei denen Wohlfeilheit die Losung ist. In Bayern ist Augsburg ein Sitz der Seidenindustrie. Man schlägt die in Deutschland beschäftigten Webstühle auf 60000, den Wert ihrer Produkte auf etwa 100 Mill. Mk. an. -

Ein spezielles Eingehen auf die zahlreichen Waren, bei denen die S. ganz oder zum Teil das Material bildet, ist hier nicht thunlich. Die hauptsächlichsten Branchen und Arten sind an den betreffenden Stellen besonders aufgeführt. Die Menge der halbseidenen oder gemischten Waren ist nicht allein ungemein groß, sondern auch so wechselnd, einzelne Artikel sind so kurzlebig und die ihnen beigelegten Namen so willkürlich, daß ihre Aufstellung sehr schwierig wäre und doch wenig Nutzen haben würde. Nach der Art ihrer Herstellung scheiden sich die Seidengewebe, wie andre, in 1) glatte, 2) geköperte, 3) gemusterte, 4) Gaze, 5) Samt.

Unter den glatten oder leinwandartig gewebten Stoffen sind die gewöhnlichsten die Taffte, leichtere und schwerere Zeuge aus entschälter S. mit Organsinkette und Einschlag von Tramseide. Ganz leichte Gewebe bilden den Futtertafft (Avignon, Florence), etwas schwerere den Kleidertafft. Bei diesen ist die Kette ein-, der Einschuß ein- bis dreifädig. Doppeltafft (Marcelline) hat durchaus zweifädige Kette und zwei- bis dreifädigen Einschuß. Die dichtesten tafftartigen Zeuge heißen Gros mit vielen Beinamen, de Naples, de Tours, de Berlin, d'Orleans u. a. Sie haben zweifädige Kette und zwei- bis sechsfädigen Schuß, sind daher zum Teil sehr stark im Faden und zeigen deshalb eine Art von regelmäßiger Körnung auf der Oberfläche oder erscheinen gerippt, wenn dicke mit dünnen Fäden wechseln.

Zu den geköperten Stoffen gehören die verschiednen Sergen (Croisé, Levantin, Drap de Soie, Bombasin etc.) und der Atlas