Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Babylonier. Assyrer. Chaldäer.; Babylonische Zeit; Die verschiedenen Herrschaftsgebiete; Kulturentwicklung

37 ^[Seitenzahl nicht im Original]

Mittel-Asien (Mittelstromland).

Babylonier. Assyrer. Chaldäer.

Kulturentwicklung. Wie das Nilland ist das Gebiet der beiden Riesenströme Euphrat und Tigris eine Hauptstätte ältester Kultur, und zwar jener der semitischen Völkergruppe, welche hier ihr Bestes leistete, oder anders gesagt, ihre höchste Stufe erreichte. Wahrscheinlich ist das fruchtbare Tiefland zwischen den Strömen auch der Ursitz, von dem aus Stämme (die Aramäer) nordwärts in das gebirgige Quellengebiet der Flüsse, westwärts nach der Meeresküste und südwärts nach Arabien vordrangen. Im mittleren Abschnitt des Gebietes - dem Mittelstromlande (Mesopotamien) - kam auch die Kultur zur frühesten Entwicklung. Die sicheren geschichtlichen Nachrichten und Zeugnisse reichen allerdings nicht so weit zurück, wie in Aegypten - nur bis etwa 1500 v. Chr. - und so muß die Frage offen bleiben, welche Kultur älter sei. Vielleicht kommt man der Wahrheit am nächsten, wenn man eine ziemliche Gleichzeitigkeit annimmt.

Die verschiedenen Herrschaftsgebiete. In der ältesten Zeit bestanden verschiedene Herrschaftsgebiete und demnach auch Kultur-Mittelpunkte, unter denen Bâbîlu, hebräisch Babel, griechisch Babylon genannt, eine besonders hervorragende Bedeutung erlangte, deren Herrscher dann auch Begründer eines großen, die verschiedenen Stamm- und Stadtgebiete zusammenfassenden Reiches wurden. Eine gewisse Selbständigkeit scheint zu allen Zeiten, auch während der größten Machtfülle Babylons, jedoch das nördliche Gebiet Aschshur (Assyrien) behauptet zu haben, dessen Herrscher endlich nach vielen Kämpfen das Uebergewicht über die babylonischen erlangten (seit 800 v. Chr.). Die assyrische Macht wurde wieder gebrochen durch den Stamm der Kaldi (Chaldäer), der von der Küste des persischen Meerbusens aus nordwärts vordrang und das "neubabylonische Reich" begründete (um 625 v. Chr.), dem die Perser (538 v. Chr.) ein Ende machten. Bei der Stammesgleichheit der Babylonier, Assyrer und Chaldäer - ihre Sprachen sind nur verschiedene Mundarten - ist ihre Kultur als eine einheitliche aufzufassen, und wenn man von einer babylonischen und assyrischen spricht, so bezeichnet dies Zeitabschnitte, nicht aber Wesensunterschiede. (Ich werde im folgenden der Kürze des Ausdrucks wegen die Bezeichnung "chaldäisch" für die ganze mittelasiatisch-semitische Kunst verwenden.)

Babylonische Zeit. Der erste Zeitabschnitt ist der babylonische. Die Bibel, wie auch ägyptische Berichte erzählen viel von der Macht und Herrlichkeit Babylons, das um 1400 v. Chr. bereits eine der berühmtesten Städte Asiens war, also auf einer bedeutend hohen Stufe der Kultur stand, welche starken Eindruck machte. Ueber den Entwicklungsgang bis dahin wissen wir natürlich nichts. Die Babylonier treten in die Geschichte ein mit ausgebildeten religiösen Vorstellungen, gesellschaftlichen Einrichtungen und entwickelten Arbeitsfertigkeiten. In letzterer Hinsicht standen sie schon damals den Aegyptern nicht nach, sie leisteten nicht minder Großartiges im Bauen wie in den Gewerben, deren Erzeugnisse weite Verbreitung fanden und den westasiatischen Markt beherrschten.

Mit den Aegyptern hatten die asiatischen Semiten außer der Begabung für Arbeitsfertigkeiten noch einige andere Züge gemein, den Nützlichkeitssinn, die Pflege der Wissen-^[folgende Seite]