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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

Klosterhof von S. Paul außer den Mauern. Schließlich mag noch zur Veranschaulichung der bisweilen vorkommenden besonderen Säulenformen (S. 239) der Klosterhof von S. Paul in Rom dienen, bei welchem geknotete und gewundene Säulen gekuppelt vorkommen. Für die eigenartigen Kapitälformen, die sich bei derartigen Säulen vorfinden, giebt uns Fig. 262 ein Beispiel.

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Bildnerei und Malerei. Die darstellenden Künste, Bildnerei und Malerei, bleiben in Gefolgschaft der Baukunst und ordnen sich dieser vollständig unter. Natürlich stehen sie wie diese auch ganz im Dienste der Religion, und auch ihre ausübenden Meister sind in der Regel Leute der Kirche. Die germanische Eigenart tritt auch hier scharf zu Tage, vor allem aber das Bestreben nach Selbständigkeit; man sucht für die neue eigene Auffassung die entsprechenden neuen Formen zu finden. Dies hat nun allerdings zur Folge - zumal auch die Arbeitsfertigkeit noch nicht ausgebildet ist - daß die Werke anfänglich unbeholfen und roh erscheinen, selbst hinter jenen der karolingischen Zeit zurückstehen, so daß ein vorschneller Beurteiler wohl von einem Verfall der Kunst sprechen könnte. In Wahrheit hat man es aber mit ursprünglichen Anfängen einer neuen Kunstweise zu thun, die sich während dieses Zeitraumes in der Malerei zwar nur sehr bescheiden, in der Bildnerei aber überraschend schnell zu einem hohen Grade von Schönheit entwickelt.

Die antike und christliche Naturauffassung. Für die genannten Kunstzweige sind zum Teil wesentlich andere Umstände maßgebend, als sie bei der Baukunst obwalten; in erster Linie bestimmend ist die jeweilige Auffassung der Natur und die dadurch bedingte Stellung zu derselben. Den Germanen war - und ist - eine große Liebe zur Natur eigen, daher auch ein starkes, richtiges Naturgefühl und die Anlage zur verständigen Erkenntnis. Damit scheint es nun im eigentümlichen Widerspruch zu stehen, daß im romanischen Zeitalter manche Werke der bildenden Künste geradezu gegen die Naturwahrheit verstoßen, als ob kein Verständnis für die natürlichen Formen vorhanden wäre. Diese Erscheinung findet jedoch ihre Erklärung darin, daß in diesem Zeitraum die christliche Auffassung zur vollen Herrschaft gelangt, welche im scharfen Gegensatze zu jener der Antike steht, die noch bis in die karolingische Zeit hinein ihren Einfluß übte. Die Kunst will ja die Erscheinungen der Natur nicht sklavisch nachbilden, sondern sie "idealisiert" wiedergeben, d. h. nach einem in der Vorstellung lebendigen "vollkommenen Urbild" schön gestalten. Die Antike knüpfte nun unmittelbar an die sinnliche Natur an, und nach ihrer Vorstellung sah sie das vollkommene Urbild nur in einer über das gewöhnliche Maß hinausragenden Natürlichkeit; verständlicher kann ich dies vielleicht ausdrücken damit: die antiken Götter waren nur vervollkommnete Menschen. Nach der christlichen Auffassung erscheint aber die "ideale Welt" als eine von der sinnlichen grundverschiedene, ja zu derselben im Gegensatze stehende, da sie rein geistig, übersinnlich ist. Folgerichtig gingen daher die Griechen in der Bildnerei zunächst an die Durchbildung der menschlichen Form und dann erst an die Gestaltung des geistigen Ausdrucks. Die christlich-germanische Kunst strebte jedoch von

^[Abb.: Fig. 269. Kanzel aus dem Dom zu Salerno.]