Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

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Germanische Kunst.

dieser Bau überhaupt so viel besondere Eigentümlichkeiten aufweist, daß er als eine der merkwürdigsten Erscheinungen der ganzen gotischen Stilrichtung zu betrachten ist.

Auch bei dem Meißner Dom, dem unter den Hallenkirchen wohl die zweite Stelle gebührt, treten solche Eigentümlichkeiten auf, welche hier vielleicht darauf zurückzuführen sind, daß ursprünglich keine Hallenkirche geplant war.

Unter den norddeutschen - kirchlichen - Backsteinbauten darf man als den bedeutsamsten die Marienkirche zu Danzig hervorheben, bei der namentlich das Innere großartig gestaltet ist, während die Marienkirche zu Prenzlau durch die überaus zierlichen Giebelbildungen an dem Aeußeren des Chores sich auszeichnet. (Zur vollen Entfaltung seiner Eigenart kam dieser norddeutsche Stil in den weltlichen Bauten, von denen später die Rede sein wird.)

Entwicklungsgang der Gotik in Deutschland. Bauhütten. - Wesentlich bezeichnend für die ganze Richtung - insbesondere aber für die Hochgotik - ist es, daß sie die größte Freiheit in der Anwendung der Grundgesetze und Formen gestattete, und daher eine unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zeitigte. Jedes der halbwegs bedeutenden Werke erweist sich von einer gewissen Selbständigkeit und hat irgend etwas Eigentümliches, so daß es fast notwendig wäre, auf alle einzeln einzugehen, um einen vollständigeren Ueberblick über die Gesamtentwicklung zu geben. Andererseits läßt sich der Gang derselben doch mit einigen allgemeinen Sätzen kennzeichnen, wenn man sich auf die entscheidenden Dinge beschränkt, und ersehen kann man diesen Gang auch an den meisten Hauptwerken, da sich die Formen des reichen (hochgotischen) und des Schmuckstiles (Spätgotik) infolge der langen Bauzeiten an denselben vorfinden. (Seltener ist der strenge Stil vertreten.) Ich will nun versuchen, einige solcher Leitsätze aufzustellen und sodann noch auf einige Beispiele von besonderer Eigenart hinweisen. - Was im 13. Jahrhundert entstanden ist, läßt erkennen, daß jeder Meister noch ganz seiner persönlichen Auffassung folgte, und das, was er gelernt und gesehen, in seinem Sinne zu verarbeiten suchte. Im 14. Jahrhundert finden wir bereits die leitenden Gesetze festgestellt, und die Meister brauchten nicht mehr durch eigene Versuche solche aufzufinden; die Handfertigkeit ist ausgebildet und die Arbeiter sind handwerksmäßig geschult; noch ist aber das eigene Kunstgefühl bei Meistern und Bauleuten lebendig und man wendet die Gesetze frei und in selbständiger Weise an. Mit dem 15. Jahrhundert beginnt die schulmäßige Auffassung die künstlerische Freiheit einzuengen, während die vollentwickelte Arbeitsfertigkeit zu allerlei Künsteleien sowohl in Baufügung, wie in Schmuckformen verleitet. Da im Wesentlichen nichts Neues

^[Abb.: Fig. 298. Aus dem Hofe der Kirche San Juan in Toledo.]