Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

333

Germanische Kunst.

die lange Bauzeit und die künstlerische Selbständigkeit der nach einander thätigen Bauleiter sich hinlänglich erklärt. Aber die Verschiedenheiten äußern sich mehr nur in den Einzelheiten, so daß im Allgemeinen doch Einheitlichkeit gewahrt ist. Gerade dieser Wechsel der verschiedenen Stilrichtungen - man kann an dem Dom alle Entwicklungsstufen der Gotik verfolgen - bedingt den hohen Reiz, während andererseits die in der Neuzeit entstandenen Teile dadurch nüchtern wirken, daß ihre Formen mit ängstlicher Sorgfalt den älteren strenge nachgebildet wurden und daher gleichmäßig erscheinen, anstatt daß man auch hier die freie Erfindungsgabe hätte walten lassen.

Das Innere hat große Aehnlichkeit mit jenem der Hauptkirche zu Amiens, zeichnet sich vor diesem aber durch schlankere Gliederung der Einzelheiten und größere Höhe der Spitzbogen aus. Die Pfeiler sind nun vollkommen zu der auf S. 288 geschilderten Form ausgebildet, während bei dem vermutlichen Vorbilde noch der Kern deutlich sichtbar ist. Die Anlage zeigt die Form des lateinischen Kreuzes, das Langhaus ist fünfschiffig, das Querhaus dreischiffig; der Abschluß des ersteren ist ein siebenseitiges Vieleck mit Umgang und Kranz von sieben Kapellen. Das Hauptschiff endet mit dem runden Chor, die beiden zunächst anliegenden Seitenschiffe laufen in den Umgang aus, während die äußeren Seitenschiffe ihren Abschluß in dem Kapellenkranz finden.

Stephansdom in Wien. Auf die Eigenheiten des Stephansdomes in Wien als Hallenkirche ist schon hingewiesen worden. Einige derselben fallen beim Betrachten des Bildes (Fig. 304) sofort auf, und zwar wohl zunächst das ungewöhnlich hohe Dach und die Stellung des Turmes, der nicht an der Vorderseite, sondern als Anbau an der Südseite des Langhauses vor dem Querschiffe sich erhebt. (Der zweite nördliche Turm wurde nur angefangen.) Die Ursache dieser Verschiebung war der Wunsch, die malerische, romanische Westseite der Kirche unverändert zu erhalten. Beachtenswert ist, daß der Turm schon von unten an sich so stark und rasch verjüngt, daß er einer ungeheuer steilen Pyramide gleicht. Die auffällige Höhe des Daches ist zum Teil dadurch gerechtfertigt, daß es alle drei Schiffe, die fast gleiche Höhe haben, überdeckt. Die Ausgestaltung der Einzelheiten ist sehr reich, besonders schön sind die Portale mit ihrem bildnerischen Schmuck. Auch im Innern zeigen sich viele Eigenheiten, von denen namentlich die ungemeine Schlankheit der Pfeiler, deren weite Abstände und die Netzgewölbe, mit ihren vielgestaltigen Verschlingungen der Rippen, hervorzuheben sind. Der Neubau von St. Stephan begann mit dem dreischiffigen Chor, der 1340 eingeweiht wurde; daran schloß sich (1359) der Ausbau des Langhauses und die Aufführung des Turmes, der 1433 vollendet war. Von den am Bau Beschäftigten ist nur der Name des Meisters Wenzel gesichert.

Dom zu Meißen. Einen Uebergang zwischen den Formen des Hausteinbaues und den des norddeutschen Backsteinstiles findet man an der Westseite des Domes zu Meißen, gleichfalls einer Hallenkirche. (Fig. 305.)

Die wagerechten Gliederungen werden nicht so stark zurückgedrängt und das Maßwerk ist einfacher. Um

^[Abb.: Fig. 320. Inneres vom Dom zu Mailand.]