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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

wegung der Gestalten, der anmutige Fluß der Linien, die sorgfältige Durchbildung der Züge, müssen besonders hervorgehoben werden. - Die Bildwerke am Dome zu Bamberg zeichnen sich gleichfalls durch solche Vorzüge aus. Der Kopf Kaiser Heinrich's II. (Fig. 327) ist von einer scharfen Lebenswahrheit, die ihn fast als Ebenbild erscheinen läßt. Die Darstellung des jüngsten Gerichts im Bogenfelde (Fig. 328) ist beachtenswert durch die meisterhafte Ausnutzung des Raumes, feierlich ist die Gestalt Christi, von hoher Anmut Maria und Johannes. Um so auffallender ist, daß die Seligen und Verdammten den gleichen lächelnden Ausdruck in den Zügen tragen.

Italien. Niccolo Pisano. Zu Beginn des XIII. Jahrhunderts war die italienische Bildnerei auf einen nicht sehr erfreulichen Stand "heruntergekommen"; im Süden arbeitete man handwerksmäßig nach verderbten antiken Ueberlieferungen, im Norden herrschte geradezu Formlosigkeit. Hier war man allerdings bemüht, wieder zu einer besseren Kunstübung zu gelangen, und vor allem war in Niccolo Pisano (1206-1278) ein Meister erstanden, der eine neue Richtung einschlug. Diese bestand im wesentlichen darin, daß Niccolo das innere, geistige Wesen der Antike besser erfaßt hatte, als seine Vorgänger, und nun auch verständnisvoll bessere Vorbilder aus derselben entnahm. Das Uebel, an dem die Kunst krankte, lag darin, daß man ganz davon abgekommen war, unmittelbar nach der Natur zu bilden, und nur mit überlieferten Formen hantierte, die im Laufe der Zeit immer schlechter und ausdrucksloser geworden waren. Niccolo hatte vielleicht gefühlt, daß die Kunst wieder den Weg zur Natur selbst einschlagen müsse; wenn er nun auch diesen Weg noch nicht finden konnte, so hatte er doch erkannt, daß die Antike denselben gegangen war und daher ihr wahrer Gehalt eben in der künstlerischen Wiedergabe der Natur nach unmittelbarer Auffassung beruhe, und weiter dann, daß man auf ihre ursprünglichen reinen Formen zurückgreifen müsse, um Gleichwertiges - Gestalten von innerlicher Bedeutung und den Ausdruck lebendiger Handlung - zu erzielen.

Man hat allerlei Vermutungen darüber geäußert, wie Niccolo zu seinem Stile gelangt sein könne: Einflüsse süditalischer und byzantinischer, auch deutscher Künstler, ja sogar das Bestehen einer verborgenen Bildnerschule angenommen, in welcher die Antike fortgelebt habe; ich meine, die Erklärung ist einfacher: Niccolo war einer der Begnadeten, welche, indem sie alles beobachten, was ihnen begegnet, mit klaren Augen "sehen", wo die anderen übersehen.

^[Abb.: Fig. 332. Erschaffung der Eva.

Flachbild vom Dom zu Orvieto.]