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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Germanische Kunst

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Germanische Kunst.

ihm herrührt, ist zweifelhaft, jedenfalls dürften dabei Gehilfen stark mitgearbeitet haben. Giovannis eigene Leistungen erscheinen in gewisser Hinsicht, namentlich was die Schönheit der Menschenkörper betrifft, noch übertroffen in den prächtigen Flachbildwerken des Domes zu Orvieto (Fig. 332), welche jedoch das beste Zeugnis für den Einfluß ablegen, den er ausübte.

Dieser machte sich während des ganzen 14. Jahrhunderts und fast im ganzen Lande geltend, allerdings nicht ausschließlich und alleinherrschend, denn auf die Bildnerei wirkte jetzt nicht minder bedeutend, ja man könnte fast sagen in noch höherem Maße, Giotto ein, welcher der Schwesterkunst, der Malerei, die führende und bestimmende Rolle für das gesamte Kunstwesen verschafft hatte. Das Verhältnis der Beiden zu der Bildnerei der Folgezeit ließe sich vielleicht in der Weise kennzeichnen, daß Giotto mehr die gedankliche Seite der Richtung, dagegen Giovanni Pisano die Kunstfertigkeit selbst, also die bildnerische Formgebung bestimmte und zwar von der ihnen gemeinsamen Grundanschauung aus, daß die Kunst von der Natur ausgehen müsse.

Nachfolger Pisanos. Diese Doppel-Einwirkung tritt bereits zu Tage bei dem nächsten großen Meister der Bildnerei, Andrea Nini, der ebenfalls Pisano genannt wird (1273-1349). Er war Schüler Giovannis (kein Verwandter), ließ sich dann - nach 1305 - in Florenz nieder und machte dieses auch zur tonangebenden Hauptstätte für die italienische Bildnerei. Sein Hauptwerk, die Erzthüre der Taufkapelle in Florenz (1330-39), erregte nach den Berichten der Chronisten, ungemeines Aufsehen. In der That sind die Flachbildnereien an dieser Thür von hoher Schönheit: in der Zusammenstellung und Anordnung groß gedacht, in dem Ausdruck der Gestalten voll lieblicher Anmut. Das "Malerische" bricht hier bereits siegreich durch und bestimmt die ganze Art des Werkes. (Fig. 333 u. 334.)

Dieser neuen, "malerischen" Richtung folgte sein Sohn Nino Pisano, der im Ausdruck lebendiger Natürlichkeit, wie auch in der feinen Behandlung des Marmors seinen Vater noch übertraf. Aus Andreas Schule ging dann auch Andrea di Cione, genannt Orcagna (+ 1368) hervor, der als Baumeister, Maler und Bildner gleich Bedeutendes leistete und die gewonnenen Fortschritte der Bildnerei wieder für die Malerei nutzbar machte.

Sein Altargehäuse in Orsanmichele zu Florenz ist eine der vollendetsten Schöpfungen der Bildnerkunst; edle Schönheit paart sich hier mit ergreifender Wahrheit.

Durch die genannten Meister war in Toskana die Bildnerei auf eine Höhe gebracht worden, welche es erklärt, daß sie für ganz Italien vorbildlich blieb.

In Oberitalien folgt man der toskanischen Richtung ebenso wie in Süditalien; in Mailand ist ein Pisaner, Balduccio, thätig, die schönen Grabdenkmäler der Königin Maria und des Königs Robert in Neapel sind von Toskanern gefertigt. Daß dabei Florenz den Vorrang behauptet, habe ich bereits erwähnt, der ursprüngliche Ausgangspunkt Pisa tritt ganz in den Hintergrund, seit Orcagna es verlassen hatte; und auch Siena konnte nur die zweite Stelle einnehmen, obwohl hier eine große Anzahl tüchtiger Kräfte thätig war, die aus der

^[Abb.: Fig. 334. Andrea Pisano. Die Astronomie.

Flachbild vom Campanile des Domes zu Florenz.]