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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei des 16. Jahrhunderts

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Die Malerei des 16. Jahrhunderts.

Giorgione. Von Giorgione sind nur wenige Werke vorhanden, die zweifellos von ihm stammen, diese genügen aber vollständig, um ihm seine Stellung unter den ersten Meistern der Malkunst zu sichern. Er überragt Palma in gedanklicher Hinsicht und wenn er auch nicht die Farbenglut Tizians erreicht, so ist er ihm in der feinfühligen Zusammenstimmung der Farbentöne ebenbürtig. Ueberhaupt erscheint er unter den Dreien als der "dichterisch" Veranlagte, voll tiefer Empfindung und immer edel maßvoll. Auch die Formgebung behandelt er nicht nebensächlich, sondern sehr gewissenhaft und nähert sich in diesem Punkte mehr der Auffassung Lionardos, als die beiden anderen. Den Hauptreiz seiner Gemälde bilden die träumerische Ruhe und die keusche Anmut, das Sinnende und Sehnende in seinen Gestalten; vor allem aber die wundervolle Stimmung der Landschaften, welche ein Hauch stiller Heiterkeit verklärt. Dies starke Gefühl für die Schönheit der unbeseelten Natur, das einem echt dichterischen Gemüt entquillt, ist für seine Eigenart besonders bezeichnend.

Am reinsten tritt uns diese entgegen in den Bildern: "das ländliche Konzert" und die sogenannte "Familie des Giorgione". Welchen Vorgang das letztere darstellt, ist noch immer eine strittige Frage; möglicherweise dürfte die Bezeichnung: "Adrastos und Hypsipile" die richtige sein. Ebenso unsicher ist die Deutung eines dritten Bildes, welches drei Männer in einer Landschaft darstellt, die von den einen als "Feldmesser", von anderen als morgenländische Weise oder Astrologen bezeichnet werden. Ich möchte mich der Auffassung zuneigen, daß Giorgione überhaupt gar nicht beabsichtigte, einen ganz bestimmten, bekannten Stoff zu behandeln, sondern daß er sich einfach die Vorwürfe "erfand", um in denselben seine malerischen Empfindungen und Gedanken, oder sagen wir sein "Können", zum Ausdruck zu bringen. Es wären somit reine Stimmungsbilder, in denen Landschaften und Gestalten um ihrer selbst willen da sind und nicht etwas "bedeuten" oder "vorstellen" sollen; mit anderen Worten, es sind Farbendichtungen. Als solche wirken sie auch auf den Beschauer, sie regen in diesem "Stimmungen" an. Dieser sinnigdichterische Zug ist sonst dem venetianischen Wesen fremd und Giorgione erscheint daher weniger von seiner Heimat abhängig, als Palma Vecchio, welcher ganz von deren Geist erfüllt ist.

Palma Vecchio. Venedig hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Machtstellung erreicht, es war eine Weltstadt und eine Weltmacht geworden, die in allen europäischen Fragen eine bedeutsame Rolle spielte. Die "Gesellschaft" dieser Weltstadt besaß alle jene Vorzüge und Fehler, welche "vornehmen" reichen Kreisen eigen sind: Prachtliebe, Geschmack und Kunstsinn auf der einen Seite; üppige Sinnenlust und geistige Oberflächlichkeit auf der anderen Seite kennzeichnen das venetianische Leben. Dazu kam noch als besondere Eigentümlichkeit, daß in Venedig die Frauen eine andere Stellung einnahmen, als an den sonstigen mittel- und oberitalienischen Fürstensitzen, wo sie sich auch rege an dem geistigen Leben beteiligten. In Venedig finden wir die morgenländische Auf-^[folgende Seite]

^[Abb.: Fig. 541. Correggio: Ganymed.

Wien. Kaiserl. Gemäldesammlung.]