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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Malerei des 16. Jahrhunderts

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Die Malerei des 16. Jahrhunderts.

ein und zog schließlich (über Basel) nach Italien, wo er von den Werken Bellinis und Mantegnas starke Anregungen empfing. In dieser Wanderzeit bildete er namentlich auch seine Fertigkeit im Holzschnitt und im Kupferstich aus, welche ihm zunächst die Mittel bieten mußte, um 1494 in Nürnberg seinen Hausstand zu gründen. In der ersten Zeit (bis 1500) erscheint er daher hauptsächlich mit Zeichnungen (Fig. 566), zum Teil nach italienischen Meistern, beschäftigt, und auch in seinen Gemälden - z. B. in dem dreiflügeligen Altarwerk "Maria mit dem Kinde", jetzt in der Dresdner Galerie, und einigen Bildniswerken - ist das Hauptgewicht auf die Zeichnung gelegt, in welcher er bereits eine völlig selbständige Art bekundet, während die Farbenkunst noch unentwickelt ist. Aus diesen Jahren stammt das aus 15 Blättern bestehende Holzschnittwerk: Apokalypse (Offenbarung des hl. Johannes), ausgezeichnet durch großartige Auffassung, Kraft des Ausdrucks und strenge Formbehandlung.

Neben den "bestellten" Arbeiten betrieb Dürer mit niemals rastendem Fleiße Naturstudien und gewann dadurch die volle Sicherheit in der Beherrschung der Form, welcher er bedurfte, um das innerlich Geschaute und Empfundene mit ganzer künstlerischer Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Das Ergebnis dieser Studien zeigt sich hauptsächlich in den Ebenbildnissen, die um und nach 1500 entstanden; in dem Selbstbildnis und jenem seines jüngeren Bruders Hans (Fig. 567.) Es ist schwer zu sagen, welches von diesen beiden Meisterwerken den Vorzug verdiene, sie sind wohl als gleichwertig zu betrachten, wenngleich das Selbstbildnis gefallsamer erscheinen mag wegen des wundervoll innigen Ausdrucks der Augen. Es giebt wohl keinen zweiten Künstler, welcher mit gleich vollendeter Meisterschaft die Seele, die ganze innere Persönlichkeit, in dem Blicke der Augen lebendig zu machen verstände. Dieses Selbstbildnis wirkt wie ein "Idealbildnis", in welchem der Künstler das Urbild eines im Geist und Körper "schönen" und vollendeten Mannes geben wollte. Den ebenmäßigen Kopf umwallen lange Locken, welche mit ihren weichen, gefälligen Linien die scharfzügigen des Gesichtes ergänzen und zu dem Ausdruck der männlichen Kraft des Willens jenen der Milde des Gemütes fügen, wie andererseits die hohe prächtig gebildete Stirne und der volle geschlossene Mund die Gedankentiefe und die Glut der Empfindung verdeutlichen und aus der fein gezeichneten Hand der Adel des ganzen Wesens spricht. Die ganze Haltung ist von vornehmer Würde, und die Einzelheiten - Bart, Haar, Gewandung - sind mit einer liebevollen Sorgfalt ausgeführt, welche zeigt, wie sehr der Meister von dem Grundsatze durchdrungen war, daß in der Natur auch das Kleinste für die große Gesamterscheinung Bedeutung habe. Die höchste Lebenswahrheit vereinigt sich hier mit der Schönheit des Urbildlichen, und damit ist wohl das Höchste erreicht, was die Kunst anstreben kann.

Das andere Bild, Hans Dürer, weist die gleichen Vorzüge auf; die Schönheit und Gefälligkeit der Linien, die kraftvolle Herausarbeitung der für die Eigenart bezeichnenden Züge, die Wiedergabe des Seelischen in den Augen. Kann man das Selbstbildnis ein Idealbild eines geistig und künstlerisch thätigen Menschen nennen, so ist in Hans Dürer

^[Abb.: Fig. 567. Dürer: Hans Dürer.

München. Pinakothek. (Photographie Bruckmann.)]