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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

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Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts.

Kreisöffnung durchbrochenen Gewölbe baut sich dann erst eine hohe Turmkuppel auf, deren gleichfalls sehr schlanke Laterne mit einer Haube abschließt. Drei Seiten des Quadrates enthalten Thore, auf der vierten ist eine halbkreisförmige Nische hinaus gebaut, welche den durch einen Lettner abgeschlossenen Altarraum enthält, zu dem seitlich Freitreppen hinaufführen. In diesem befinden sich an den Seiten ein Lesepult und die Kanzel, während die Mitte der Abendmahltisch einnimmt. Die Ecken des Quadrates bilden übereck gestellte, mit Türmen bekrönte Treppenhäuser, welche die Aufgänge zu den vier übereinander angeordneten Galeriebühnen aufnehmen, welche ungemein malerisch wirken. Der Altarraum und die Galeriebrüstungen sind mit bescheidenem Barockschmuck ausgestattet. In dem Grundriß war ein völlig neuer Gedanke in meisterhafter Form zum Ausdruck gebracht worden, die Anlage erscheint vollständig "zweckmäßig", sie entsprach dem Bedürfnisse des protestantischen Gottesdienstes mit der Abendmahlsfeier und der Predigt. Im ganzen Aufbau und in den Einzelheiten sind alle antiken Formen vermieden; der Bau wirkt durch die schlichte Gliederung der Massen mit den großzügigen Linien; er ist vollkommen einheitlich, wie es die italienische Renaissance verlangt, und doch kommt jeder Teil zu der seiner Aufgabe entsprechenden Geltung, wie dies in der deutschen Eigenart liegt. Das Werk ist eine durchaus im deutschen Geiste empfundene und in völliger Selbständigkeit ausgeführte Schöpfung, welche der deutschen Baukunst zur hohen Ehre gereicht. Als Gegenstück dazu erscheint die Hofkirche (Fig. 625), welche in deutsch-italienischem Stil aufgeführt wurde.

Andere Bauten. Wenn auch für die Entwicklung der eigen-deutschen Bauweise hauptsächlich der Kirchenbau maßgebend war, so entstanden um jene Zeit (zwischen 1680 bis nach 1700) doch auch einige weltliche Bauten, an welchen die deutsche Eigenart ausgeprägt erscheint; von diesen sind namentlich bemerkenswert das Lusthaus im großen Garten zu Dresden und die Börse in Leipzig, die beide reichen, malerisch wirkenden Schmuck zeigen.

Eine besondere Art von Kirchenbauten verdient noch eine kurze Erwähnung, nämlich die sogenannten Friedens- und Gnadenkirchen in Schlesien. Nach dem westfälischen Frieden war hier der Katholizismus eingeführt worden, und den Protestanten blieben nur drei Kirchen (die Friedenskirchen in Jauer, Schweidnitz und Glogau) zugestanden, für welche die Bestimmung galt, daß sie nur als Fachwerkbauten errichtet werden durften. Da sie eine große Gemeinde zu fassen hatten (in jener zu Schweidnitz hatten 7500 Menschen Platz), so wurden sie großräumig angelegt; die Baufügung mußte sich natürlich dem vorwiegenden Baustoffe (Holz) anpassen. Im Jahre 1709 erhielten die Protestanten nicht nur 121 Kirchen zurück, sondern auch das Recht, sechs neue (Gnadenkirchen) zu bauen, bei deren Anlage man an dem Vorbilde der Friedenskirchen festhielt. Eine künstlerische Gestaltung war dabei ausgeschlossen, aber als Leistungen des Handwerkes sind sie immerhin beachtenswert.

Hugenottenstil. Die aufstrebende deutsche Kunst, welche aus dem Volksgeiste heraus einen eigenen Stil zu bilden suchte, begegnete jedoch im 16. Jahrhunderte Hemmungen, welche um so bedenklicher waren, als die Gunst der Fürsten dieselben unterstützte. Vorgänge in Frankreich übten dabei eine verhängnisvolle Rückwirkung. Im Jahre 1685 war das Edikt von Nantes aufgehoben worden, welches den französischen Protestanten (Hugenotten) die Religionsfreiheit gewährleistet hatte, und dies veranlaßte eine starke Auswanderung. Die Hugenotten wandten sich hauptsächlich nach England, Holland und Brandenburg; und sie brachten nicht nur französische Künstler, sondern auch französischen Kunstgeist mit in die neue Heimat. Die Niederlande erfuhren zunächst den Einfluß dieser der antiken, klassischen Auffassung huldigenden Richtung, welche die niederländische Kunst in neue Bahnen lenkte. Für diese war bisher Naturwahrheit und Lebenstreue das Endziel gewesen, jetzt wurde gelehrt, daß die Kunst die Natur veredelt wiedergeben solle und das Vorbild die Antike sei, deren Auffassung und Formen daher maßgebend sein müßten. Dies gelte für alle Kunstzweige, somit auch für die Baukunst. Die neue Richtung war schon um 1700 in Holland siegreich zum Durchbruch gelangt, inzwischen war sie aber auch