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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

672 ^[Seitenzahl nicht im Original]

Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts. ^[Titel nicht im Original]

England.

Eigenart der englischen Bauweise. Die Entwicklung der Baukunst in England zeigt viel Aehnlichkeiten mit jener Hollands. Auch hier finden wir das zähe Festhalten an der Gotik, dann die Begeisterung für Palladio, schließlich den Sieg des "Klassizismus", nur daß dazwischen eine Richtung sich einschaltet, die man als "englisches Barock" bezeichnen kann. In England war die Reformation, richtiger gesagt die Lostrennung von der römischen Kirche, weniger aus dem Volke hervorgegangen, als vielmehr von dem Könige Heinrich VIII. demselben aufgedrängt worden. Die "anglikanische Kirche" hatte auch anfänglich die katholische Glaubenslehre unverändert beibehalten, erst allmählich nahm sie die protestantischen Lehren auf, aber auch jetzt noch blieben die Kirchenverfassung nach katholischem Vorbilde, sowie viele gottesdienstliche Formen der römischen Kirche bestehen. Die strenggläubigen Protestanten (Puritaner = Reingläubige, oder Dissenters = Andersgläubige) standen außerhalb der englischen Hofkirche. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es somit drei religiöse Parteien auf englischem Boden: die Katholiken, die Anhänger der "englischen Hochkirche" und die strenggläubigen Protestanten. Unter der Regierung der Königin Elisabeth hatte sich England zu einer einflußreichen politischen Machtstellung emporgeschwungen und nach dem Untergange der spanischen Armada begann seine Vorherrschaft zur See und damit im Welthandel. Nur Holland theilte sich noch mit ihm in diese Handelsherrschaft. Die äußeren Verhältnisse waren somit jeglichem geistigen Aufschwunge günstig und wir sehen daher auch ein reges Leben auf allen Kulturgebieten sich entfalten.

Ein bezeichnender Zug des englischen Volkstums ist das zähe Festhalten an dem Ererbten und Ueberlieferten, namentlich in allen Formfragen. Fortschrittlich ist es nur in Dingen des Erwerbslebens, im Handel und Gewerbe, in allen sonstigen Anschauungen ist es "konservativ", oft bis zur Rückständigkeit. Dies paart sich aber mit einem stark ausgeprägten Selbstbewußtsein, welches in allen Dingen die volkliche Eigenart streng bewahrt. Nirgends können fremde Anschauungen und Einflüsse schwerer Wurzel fassen als in England; niemals wird Fremdes schlankweg aufgenommen, immer erst in volklichem Geiste umgebildet.

Es wurde gezeigt, wie die Gotik in England eine eigentümliche Sonderart annahm, weil die normannisch-romanischen Ueberlieferungen nachwirkten, und diese englische Gotik war so tief im Volke eingewurzelt, so ganz nach dessen Wesen ausgebildet, daß die Renaissancebewegung lange keinen Boden gewinnen konnte. Die englische Gotik war zum reinen Schmuckstil geworden und in Kleinlichkeit verfallen, sie konnte in den Einzelheiten Reizvolles schaffen, im Großen war sie kraftlos. Auch dann, als man sich mit der Renaissance zu beschäftigen anfing, kam man nicht zu einer freien Auffassung der Grundgedanken der neuen Kunstrichtung, sondern nahm nur in völlig äußerlicher Weise deren Formen herüber, um das Schmuckwerk damit zu bereichern. Die englische Renaissance ist im Grunde genommen nur eine mit neuem Flitter umkleidete Gotik.

Jones. Erst im 17. Jahrhundert kam die italienische Kunstauffassung auch in England zu einer gewissen Geltung und zwar durch Inigo Jones (1572-1651). Dies war aber auch nur möglich geworden durch den Umstand, daß der kunstsinnige König Karl I. und dessen Hof auch für fremde Kunst Empfänglichkeit und Verständnis besaßen. Zwei Lords hatten Jones veranlaßt, nach Italien zu gehen und dort Studien zu machen. Von dort kam er nach Kopenhagen als Hofbaumeister und schließlich zurück nach London, wo er zum Oberaufseher der königlichen Bauten ernannt wurde. Jones hatte sich ganz der Auffassung Palladios angeschlossen; in den schönen Verhältnissen, in der klaren Einfachheit sah er das Wesen der Antike. Mit einer seltenen Sicherheit übertrug er die Formensprache Palladios auf die englischen Verhältnissen und Bedürfnissen entsprechenden Bauten, hauptsächlich Landschlösser. Einzelne derselben sind so streng im Geiste Palladios gehalten, daß sie von diesem selbst herrühren könnten, wie beispielsweise das Banketthaus in Schloß