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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

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Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts.

vermittelte Wren die Kenntnis der französischen Auffassung der Antike, und was er da sah, machte auf ihn begeisternden Eindruck. Er wollte der heimischen Kunst auch eine Größe verleihen, welche antik und - englisch sein sollte. Die klassische Formensprache hatte er sich völlig angeeignet, die Einzelheiten werden mit einer Feinheit und Schärfe durchgebildet, welche bei den Italienern selten ist, die Willkürlichkeiten derselben gestattet er sich nie. Das über gewöhnliches Maß Hinausragende, auf die Sinne Wirkende, ins Uebergroße Gesteigerte, welches das innerste Wesen des Barock ausmacht, findet bei Wren seinen Ausdruck in der Gestaltung des Ganzen, im Grundgedanken und Anlage, nicht im Ueberschwang der Einzelheiten.

Der Riesenbrand, welcher 1666 in London über 13000 Häuser und 89 Kirchen zerstörte, gab Wren Gelegenheit, sein Können in großartigem Maßstabe zu erproben. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Hauptkirche Londons, St. Paul, wieder neu zu errichten, und was bei keinem anderen der großen Dome der Fall war, ihm war es vergönnt, den Bau von Anfang bis zu Ende (1675-1710) selbst durchzuführen (Fig. 646). Bei der Grundanlage mußte Wren auf die herrschenden gegensätzlichen Strömungen Rücksicht nehmen, auf den Zwiespalt zwischen den protestantischen Grundsätzen des Volkes und den katholischen Neigungen des Hofes. Der Protestantismus verlangte eine Predigtkirche, also Centralbau und Einfachheit (eine spätere Verordnung des Parlamentes setzte fest, daß Kirchen nur eine Abmessung von 18 m x 27 m haben dürfen), der Katholizismus den Langhausbau und denkmalmäßige Pracht. Wren fand eine geistreiche Lösung, um beiden Teilen entgegenzukommen. Er legte den Grundriß zwar in Form eines Langhauses an, spannte jedoch die Kuppel über die ganze Breite des dreischiffigen Langhauses, so daß sie bei ihrer mächtigen Ausdehnung in Breite und Höhe im Aeußeren, ebenso auch der Kuppelraum im Innern alles überwiegt und die Nebenräume von untergeordneter Bedeutung erscheinen. Chor und Langhaus sind von gleicher Länge, die beiden Querarme haben die gleiche Breite wie das dreischiffige Langhaus, sind jedoch kurz. Dem Langhaus ist noch ein kürzeres schmales Querschiff mit zwei Seitenkapellen vorgelagert, mit welchem die Vorhalle und die zwei Ecktürme verbunden sind. Die Schauseiten sowohl des Hauptschiffes wie der Querarme sind in zwei Geschossen angelegt, mit gekuppelten Säulenstellungen übereinander, aber mit Giebeln bekrönt. Das zweite Geschoß, und damit auch das Hauptgesimse, zieht sich rings um den ganzen Bau hin, obwohl an den Seiten hinter den Mauern kein Innenraum dem Geschoßaufbau entspricht, sondern die Dächer unter dem Gesimse liegen. Zu dieser "Unwahrheit" sah sich Wren aber veranlaßt, um dem Bau mehr "Körper" zu geben und dadurch die Kuppel noch zu heben. Die innere Anlage derselben ist beachtenswert, ein Ergebnis mathematischer Berechnung. Die Trommel besteht aus freistehenden Säulen, welche nach innen geneigt sind, ebenso ist der untere Kuppelmantel kegelförmig gebildet, auf den unteren Teil ist dann eine zweite pyramidenartige Kuppel aufgesetzt, die nur an der Spitze eine Rundwölbung besitzt. Die äußere Form zeigt eine vollendet schöne Führung der Rundlinien und edles Ebenmaß zwischen allen Teilen. Im Innern sind die baulichen Einzelheiten von vornehmer Eigenart, nur das Schmuckwerk weist barocken Reichtum auf. Mit diesem Meisterwerk hatte Wren der englischen Baukunst ein Vorbild gegeben, das nicht übertroffen werden konnte, sich selbst aber die erste Stelle unter den Kunstgenossen gesichert. Als das Parlament 1708 beschloß, dem neuen London 50 neue Kirchen zu stiften, wurde Wren mit der Ausführung betraut. Da es sich jetzt, nach Vertreibung der Stuarts und

^[Abb.: Fig. 650. Giovanni Bologna: Raub der Sabinerin.

Florenz. Loggia dei Lanzi.]