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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts

679 ^[Seitenzahl nicht im Original]

Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts. ^[Titel nicht im Original]

Spanien.

Eigenart der spanischen Baukunst. Wenn man das Wort "barock" in der üblichen Nebenbedeutung anwenden will, so könnte man vielfach schon die spanische Renaissance als Barock bezeichnen. Die strengere Richtung, welche die Einfachheit der reinen Antike in etwas schwerfälliger und düsterer Weise aufnahm, hatte nur etwa ein halbes Jahrhundert lang Bestand. Der führende Hauptmeister, Juan de Herrera, und sein hervorragendster Nachfolger, Francisco de Mora, hatten ganz die Wege Palladios eingeschlagen, ohne daß irgend eine unmittelbare Einflußnahme stattgehabt hätte. Es trat eben ein zeitweiliger Rückschlag gegen die bisher vorherrschend gewesene malerische und phantastische Stilrichtung ein, welcher noch durch äußere Umstände begünstigt wurde, nämlich durch die Neigung des Königs Philipp II. zum finsteren Ernst und erhabenen Feierlichkeit. Dieser klassische Stil konnte dem spanischen Geiste nur in einem Punkte wirklich entsprechen: in dem Zuge nach gewaltiger Großartigkeit, deren Wirkung man durch riesige Abmessungen zu erreichen suchte. Im Uebrigen aber war das Einfache und Schmucklose gar nicht nach dem Sinne der Spanier, die gerade weit mehr an einem Ueberschwang in den Formen Gefallen fanden. Ihr Kunstgeschmack, wie er sich geschichtlich entwickelt hatte, entbehrte stets der anmutigen Feinheit, die man sonst in den besten Zeiten bei anderen Völkern findet; er ist immer auf das Derbe, Ueppige, Abenteuerliche gerichtet, daher sind die Formen krauser und verwickelter als anderswo, die Farben kräftig bunt, eher gegensätzlich als zusammengestimmt. Die spanische Einbildungskraft ergeht sich eben gerne im Abenteuerlichen und Ueberschwänglichen, der Hang zur Maßlosigkeit ist immer vorhanden.

Es erscheint daher wohl nur natürlich, daß die klassische Richtung nicht volkstümlich werden konnte und rascher wieder in den Hintergrund gedrängt werden mußte, als sie aufgekommen war. Die Wendung erfolgte schon in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, unter dem Einflüsse der Maler aus dem Kreise Francisco Herreras des Aelteren, die selbstverständlich für eine freiere, malerischere Auffassung eintraten. Der erstaunliche Aufschwung, den weiterhin die spanische Malerei unter Velasquez und Murillo nahm, und die gleichzeitige Blüte, der Bildnerei, welche ganz in der spanischen Eigenart entwickelt war, hätten auch dann die Abkehr von der klassischen Richtung herbeigeführt, wenn nicht noch außerdem der allgemeine Umschwung in Italien und Frankreich eingetreten, die Kunstweise der Bernini und Borromini zur Herrschaft gelangt wäre.

Der vielseitige Alonso Cano, als Bildner einer der Ersten, in der Malerei durch Velasquez-Murillo zu stark in Schatten gestellt, dann Francisco Herrera der Jüngere hatten erheblichen Anteil an dieser Entwicklung der Baukunst im Sinne des Schmuckhaften, sie blieben aber noch ziemlich maßvoll und bethätigten die neue Weise mehr in der Ausgestaltung des Innern und an den Einzelheiten. Von Herrera stammt auch der Entwurf zu der Hauptkirche "Unser lieben Frau von Pilar" in Zaragoza, ein Bau von streng spanischer Art von fremden Zügen unbeeinflußt. Die Kirche ist von bedeutenden Abmessungen, 137 m lang und 70 m

^[Abb.: Fig. 654. Bernini: Pluto u. Proserpina.

Rom. Villa Ludovisi.]