Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ägypten

218

Ägypten (alte Kultur).

rung fester Städte wandten die alten Ägypter namentlich Untergrabungen an.

Besonders wohlgeordnet war nach Diodors Angabe die Rechtspflege. Das oberste Gericht bestand aus 30 Mitgliedern, je 10 aus den drei angesehensten Städten des Landes, Theben, Memphis und Heliopolis, und zwar ohne Zweifel aus den dortigen Priesterkollegien. Um jede persönliche Beeinflussung abzuschneiden, wurde alles schriftlich verhandelt. Die Gesetze waren uralt und wurden, als von den Göttern gegeben, heilig gehalten. Mit dem Tod wurden nicht nur Mörder (auch von Sklaven), sondern auch solche bedroht, welche einen Menschen hatten umbringen oder sonst Gewalt leiden sehen, ohne ihm zu helfen, obschon es in ihrer Gewalt gestanden; ferner Meineidige und einem spätern Gesetz zufolge auch die, welche bei der Obrigkeit trügerische Angaben über die Art ihres Unterhalts machten oder sonst auf unerlaubten Erwerb ausgingen. Feige und Flüchtlinge dagegen traf Ehrverlust, der aber für schärfer galt als die Todesstrafe. Es sind uns mehrere altägyptische Prozeßakten in hieratischer Schrift (z. B. Papyrus Abbott) erhalten, aus denen wir das Gerichtsverfahren der Ägypter am deutlichsten erkennen. Danach erfolgte auf die Einreichung der Klage der Zusammentritt des Gerichtshofs, der nach mündlicher Verhandlung über Schuld oder Unschuld urteilte, während die Verhängung der Strafe in einzelnen Fällen dem Pharao anheimgestellt wurde. Was Diodor von den ägyptischen Dieben erzählt, daß sie eine Art Zunft gebildet und unter einem Diebsobersten gestanden haben, bei welchem die Bestohlenen das Ihrige gegen Erlegung des vierten Teils vom Wert zurückerhalten konnten, steht mit alledem zwar in auffallendem Widerspruch; doch gilt diese seltsame Einrichtung noch in dem heutigen Ä. In Kairo bilden die Diebe wirklich eine Innung, die ihren eignen Vorsteher hat, von dem der Bestohlene das Entwendete gegen eine Vergütung zurückerhalten kann.

Der große Reichtum und die hohe Zivilisation Ägyptens mußten einen lebhaften Handel hervorrufen, der zwar mehr zu Lande als zur See und mehr von Fremden nach Ä. als von Ägyptern nach der Fremde getrieben wurde, aber doch die Produkte weit entlegener Länder nach Ä. brachte. Bekannt sind die Darstellungen im Tempel von Der el Bahari, aus denen hervorgeht, daß schon eine Königin der 18. Dynastie (Hâtschepsu) eine Expedition nach dem Punaland (Arabien oder Somalland) entsandte, um Erzeugnisse desselben nach Ä. überzuführen und zu verpflanzen. Auch das Mittelmeer scheinen die Ägypter schon in jener alten Zeit befahren zu haben, und unter Ramses III. waren sie selbst eine Seemacht, die verschiedene mittelländische oder kleinasiatische Völker mit Glück bekriegte. Schiffahrt fand sonst vornehmlich auf dem Nil und dessen Kanälen statt und war zur Zeit der Überschwemmung das einzige Kommunikationsmittel. Die Arbeiten und Beschäftigungen, überhaupt das ganze häusliche Leben der Ägypter tritt uns aufs anschaulichste in den Malereien der Grabkammern und den darin enthaltenen mannigfachen Geräten entgegen. Außer dem Ackerbau betrieben die Ägypter besonders Garten-, Wein- und Obstkultur, namentlich auch Viehzucht, indem sie Herden großen und kleinen Viehs, bis zu den Gänsen herab, hielten. Wenn dennoch das Gewerbe des Viehhirten verachtet war, so entsprang dies wohl ihrem Abscheu vor dem Nomadenleben. Lieblingsbeschäftigungen waren Jagd jeder Art mit Bogen und Pfeil, Schlingen und Hunden, sogar mit Löwen, die man zähmte, Vogel- und Fischfang. Auch die städtischen Gewerbe lernen wir aus jenen Darstellungen kennen: die gröbern und feinern Bearbeitungsarten des Holzes, das Behauen und Fortschaffen der Steine, das Weben der Zeuge, die Arbeiten der Goldschmiede und Juweliere, der Maler, Bildhauer etc. Die Höhe des Kunstfleißes beweisen die aufgefundenen Gegenstände. Die gewebtem Zeuge, namentlich die aus Leinen und Byssus, waren von ungemeiner Feinheit. Namentlich machte man auch von der Papyruspflanze ausgedehnten Gebrauch. Die Wurzel benutzte man als Brenn- und Nutzholz, aus der Pflanze selbst verfertigte man Decken, Kleider, Segel, sogar Fahrzeuge, namentlich auch das in Griechenland und Rom bis ins Mittelalter hinein gebräuchlichste Papier. Früh verstand man sich auf Anfertigung des Glases. Gewisse chemische Kenntnisse beweist die Beschaffenheit der Farben an den erhaltenen Gemälden. Man verstand sogar ein weißes gewebtes Zeug chemisch so zu bearbeiten, daß es, in Farbe getaucht, daraus wie mit den mannigfaltigsten Farben und Figuren bedruckt hervorging. In der Purpurfärberei scheinen selbst die Tyrer von den Ägyptern übertroffen zu sein.

Besonders zahlreich und lehrreich sind die das Hauswesen und das gesellige Leben betreffenden Abbildungen. Sie berichtigen die ehemals herrschende trübe und finstere Vorstellung von dem Leben in Ä. Sie zeigen die Häuser der Reichen geräumig, bequem und mannigfach geschmückt; es fand sich darin das verschiedenartigste Hausgerät, Tische, Sessel, Ruhebetten, Vasen etc., vor, oft von geschmackvoller Form und kostbarem Material. Auch liebte man allerlei Erheiterungen und Ergötzlichkeiten, wie Würfel-, Brett- und Ballspiel, und selbst von Stiergefechten finden sich Andeutungen. Bei Gastmahlen und geselligen Zusammenkünften herrschten Luxus und Üppigkeit; die Gäste wurden von Sklaven gesalbt und bekränzt. Daß die Frauen an solchen Genüssen teilnahmen, beweist, daß das weibliche Geschlecht im alten Ä. größere Freiheit genoß als bei den meisten andern Völkern des Orient und selbst bei den Griechen. Die oft unmäßig genossenen Tafelfreuden erhöhte man durch Musik, Gesang und Tanz. Wenn aber Herodot erzählt, daß dabei ein hölzernes Totenbild jedem Gast mit den Worten dargereicht worden sei: "Trinke und sei fröhlich, denn wenn du gestorben bist, wirst du sein wie dieser", so scheint diese Mahnung an die Vergänglichkeit des irdischen Daseins nur in der Absicht gegeben zu sein, um auf die Notwendigkeit einer höhern und dauernden Befriedigung hinzuweisen. Denn überall walteten bei den alten Ägyptern religiöse Beziehungen. Sie galten daher den Griechen für ein in heiligen Dingen ausnehmend eingeweihtes und kundiges Volk. Uns scheinen ihre religiösen Vorstellungen durch seltsamen Aberglauben entstellt und abschreckend abenteuerlich, zudem ist die ägyptische Götterlehre aus den hieroglyphischen Schriften noch wenig aufgeklärt, und die Angaben der griechischen Schriftsteller sind weder übereinstimmend noch zuverlässig. Auch mischen sich vielfache Mißverständnisse ein, indem man griechische Mythen und Philosopheme mit ägyptischen vermengte. Überdies vermischen sich die Gottheiten vielfach. Im allgemeinen war die ägyptische Religion Naturreligion und zwar Sonnenkultus: die Verehrung der Sonne ist als der frühste Kern