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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Algerien

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Algerien (Geschichte).

15. Juni zu Paris ratifiziert, durch den Frankreich in den Besitz eines beträchtlichen Teils von Oran und des größten Teils der Provinz Algier diesseit des Atlas kam. Unterdes zog Damrémont mit 15,000 Mann gegen Konstantine; 10. Okt. begann das Feuer der Belagerer, am 12. fiel Damrémont, von einer Kanonenkugel getroffen. Der Befehlshaber der Artillerie, Generalleutnant Graf Valée, übernahm das Kommando und stürmte 13. Okt. die alte Felsenfeste. General Valée wurde 1. Dez. 1837 zum Generalgouverneur von A. ernannt. Seit der Einnahme von Konstantine wurde das System planloser Kriegführung verlassen und das allmählicher Ausbreitung der französischen Herrschaft nach bestimmtem Plan und auf möglichst friedlichem Weg angenommen, welches gleich an Valée einen entschiedenen Verteidiger fand und die Sicherung der Provinz Konstantine, die fast unblutige Einnahme von Stora, Milah und La Calle (1838 und 1839) sowie die Vernichtung der Macht Achmed Beis zur Folge hatte.

Inzwischen eröffnete Abd el Kader, den Frieden von Tafna brechend, die Feindseligkeiten abermals. Wiederholte Verhandlungen und neue geplante Vereinbarungen blieben resultatlos. Abd el Kader predigte den Söhnen der Wüste überall den "heiligen Krieg" zur Vernichtung der Franzosen. Im November 1839 fielen die Araber über die Niederlassungen der Europäer her, und bis zum 24. Nov. waren die Franzosen und ihre Herrschaft vom platten Land verschwunden und auf die Festungen und festen Lager beschränkt. Erst im folgenden Frühjahr nach Eintreffen der nötigen Verstärkungen konnte Valée den Rachekrieg eröffnen, richtete aber wenig aus. Valée erhielt deshalb den Generalleutnant Bugeaud zum Nachfolger (22. Febr. 1841). Das von diesem angenommene System, einesteils den Feind durch ununterbrochene Razzias zu ermüden und daneben die Künste der Bestechung spielen zu lassen, andernteils in größern Expeditionen die Macht des Emirs aufzureiben und durch Besetzung und Zerstörung seiner festen Stützpunkte im Innern sein Ansehen zu untergraben und seine Hilfsquellen zu verstopfen, bewirkte glänzende Erfolge. 1841 wurde Mascara besetzt (30. Mai), dann Abd el Kaders letztes Bollwerk, Saida, zerstört (Oktober), und nachdem 1842 (30. Jan.) Tlemsen und (9. Febr.) das feste Tafrua gefallen waren, sah sich der Emir gezwungen, auf marokkanischem Gebiet Zuflucht zu suchen, worauf sich die meisten der ihm bisher anhängenden Stämme ergaben oder sich wenigstens ruhig verhielten. Schon wähnte man, nachdem ein Einfall Abd el Kaders abgeschlagen worden, die Pazifikation beendigt, als plötzlich im Sommer 1842 der Emir von neuem auf dem Kampfplatz erschien, viele Stämme ihm wieder zufielen und bald alles eben Gewonnene wieder in Frage gestellt war. Auch in den folgenden Feldzügen, an denen des Königs vierter Sohn, der Herzog von Aumale, teilnahm (welcher 1843 Abd el Kaders Smalah, d. h. sein bewegliches Lager, durch Überfall nahm), wurde den Franzosen kein entscheidender Erfolg zu teil, da der Emir in Marokko jederzeit nicht bloß eine Zuflucht, sondern auch Unterstützung zu neuen Einfällen in A. fand. Daß die hierfür geforderte Genugthuung verweigert und bei den angeknüpften Verhandlungen Verrat versucht wurde, machte 1844 für Frankreich zur Sicherung Algeriens den Krieg gegen Marokko notwendig. Nach mehrfachen Plänkeleien, in denen Abd el Kader mit seinen Reitern die Vorhut der Marokkaner bildete, griff Bugeaud 14. Aug. das weit ausgedehnte marokkanische Lager an. An den Furten des Flusses Isly begann der Kampf, der trotz des tapfern Widerstands und der überlegenen Reiterei der Marokkaner bereits mittags mit einem entscheidenden Sieg der Franzosen endete. Da gleichzeitig ein französisches Geschwader unter dem Prinzen von Joinville an der marokkanischen Küste erschienen war, Tanger (6. Aug.) und Mogador (10. Aug.) bombardiert und die vor letzterm Hafen liegende Insel (16. Aug.) erobert hatte, so kam unter Vermittelung Englands der Friede zwischen Frankreich und Marokko zu stande, wonach sich der Kaiser von Marokko verpflichtete, Abd el Kader keine Art von Vorschub zu leisten. Aber schon im Frühjahr 1845 stand der unermüdliche Abd el Kader wieder auf algerischem Gebiet. Der Krieg wurde von beiden Seiten mit steigender Grausamkeit geführt. Bugeaud arbeitete gleichzeitig unermüdet an der Verbesserung der algerischen Zustände; er gründete nicht nur militärisch eingerichtete Kolonien, sondern rief 1. Sept. 1845 auch die Zivilorganisation ins Leben. Im Mai 1847 kehrte er nach Frankreich zurück, worauf General Bedeau provisorisch als Generalgouverneur folgte. Abd el Kader gewann mehrere marokkanische Stämme, kämpfte 1847 glücklich gegen die Marokkaner, bedrohte Fes und schien nach der Herrschaft über Marokko zu streben, als er vom Sultan Abd ur Rahmân (11. Dez.) geschlagen und zum Übertritt auf französisches Gebiet genötigt wurde (21. Dez.). Als er sich aber nach der Wüste zurückziehen wollte, verlegten ihm die Franzosen den Weg, worauf er sich an sie ergab. General Lamoricière führte ihn 24. Dez. zu dem im September zum Generalgouverneur ernannten Herzog von Aumale, der ihn nach Frankreich bringen ließ. Durch die 1. Sept. 1847 eingeführte neue Verwaltungsordnung trat für jede der drei Provinzen Algier, Oran und Konstantine neben dem Militärgouvernement eine Direktion der Zivilverwaltung mit je einem Konseil unter dem Vorsitz des Direktors in Wirksamkeit.

Die Pariser Februarrevolution aber störte die eben beginnende Entwickelung. An Stelle des Herzogs von Aumale ernannte die provisorische Regierung (28. Febr. 1848) den General Cavaignac zum Generalgouverneur, welcher eine mildere und liberalere Praxis einführte. Als Cavaignac im Mai als Deputierter für das Departement Lot in die Nationalversammlung trat, wurde Changarnier Generalgouverneur in A. Unter Cavaignacs Einfluß beschloß die Nationalversammlung, daß A. französisches Gebiet bleiben und vier Deputierte der Kolonie an den Beratungen über algerische Angelegenheiten teilnehmen sollten. Der Krieg gegen die Stämme dauerte inzwischen fort, und wiederholte Aufstände hielten die französische Armee unausgesetzt in Atem. Im September wurde General Charron Generalgouverneur. Um die Bevölkerung in A. zu vermehren, wurden seit September 1848 einige Kolonien von Arbeitern aus Paris dahin geführt, welche jedoch nicht gedeihen wollten. Die schon früher beschlossene Deportation Verurteilter nach A. kam seit dem Staatsstreich vom 2. Dez. 1851 zur Ausführung, indem Lambessa neben Cayenne zur Deportationskolonie bestimmt wurde. In den folgenden Jahren machte namentlich Kabylien die Aufbietung bedeutenderer Streitkräfte nötig. 1851 erhoben sich fast alle Gebirgsstämme zwischen Dschidschelli, Philippeville und Milah. Auf einer der kühnsten und gefahrvollsten Expeditionen besiegte General Saint-Arnaud innerhalb 80 Tagen sämtliche empörten