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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Austern

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Austern (gemeine Auster).

ihrer konvexen Schale an Zweige von Steinkorallen anheftet; O. arborea Chem. (O. parasitica Gm., Baumauster, Stockauster), traubenförmig an Wurzeln und im Wasser stehenden Stämmen der Mangle- und andrer tropischer Bäume, sehr wohlschmeckend; O. cristata Lam. (Hahnenkammauster), im Mittelmeer; O. adriatica Lam. (Pfahlauster von Venedig), sehr wohlschmeckend; O. virginiana, O. canadensis und O. borealis Lam., an den nordamerikanischen Küsten; O. Hippopus Lam. (Pferdefuß), groß, dick, weniger wohlschmeckend, im Kanal, und O. edulis L. (gemeine Auster). Diese wichtigste Art findet sich weitverbreitet an den europäischen Küsten, kolonienweise angesiedelt auf den sogen. Austernbänken, welche besonders auf wenig schlammigem Boden und in Tiefen bis zu 40 m und mehr vorkommen. Löst man durch einen zwischen die Schalen und längs der glatten Deckelfläche eingeschobenen Spatel den Schließmuskel, so klafft das Gehäuse, und man sieht das Tier wie in einer Schüssel liegen. Die Abbildung zeigt letzteres nach Entfernung des rechten Mantelblattes; a ist die Schale, b das Schloß mit tiefer dreieckiger Höhle für das Schloßband, c die linke Mantelhälfte, d die vier Mundlappen zu beiden Seiten des Mundes, e der Afterdarm, f die Leber, g das Herz, h der Schließmuskel, l der Eingeweidesack; k die vier Kiemenblätter. Die Auster gehört zu den wenigen zwitterigen Muscheln; in der Zwitterdrüse liegen die Blindsäckchen, welche die Eier oder Samenfäden erzeugen, durcheinander, und ein und dasselbe Säckchen kann halb männlich, halb weiblich sein. Gewöhnlich scheint jedoch ein und dasselbe Individuum in der Brutperiode zuerst Eier, später ausschließlich Samenfäden zu liefern, so daß trotz des anatomisch möglichen Hermaphroditismus fast stets die Geschlechter getrennt sind. Darum werden auch in den Austernbänken die Eier der einen Hälfte der Muscheln von dem Samen der übrigen befruchtet werden. Völlig sichergestellt sind diese Verhältnisse übrigens bisher noch nicht. Eine erwachsene Auster trägt über 1 Mill. Eier. Die Laichzeit dauert vom Juni bis in den September. Die Eier gelangen hierbei aus der Geschlechtsdrüse nicht etwa ins Meer, sondern verbleiben in der Auster selbst und überziehen ihren "Bart" als eine schleimig-körnige Masse. Die jungen, aus den Eiern ausgeschlüpften Larven sehen den Erwachsenen herzlich wenig ähnlich, besitzen noch zwei gleiche Klappen und schwimmen mittels eines mit Wimpern besetzten, vor dem Mund gelegenen Organs, des sogen. Segels, das sie auch zwischen die Klappen zurückziehen können, munter umher. Sie sind alsdann noch nicht 0,2 mm groß, vermögen sich selbständig zu ernähren und steigen zunächst zur Oberfläche des Meers empor, um sich nach kurzem Umherschwärmen auf den Grund sinken zu lassen. Nun beginnt nach Verlust des Segels, für das kein neues Bewegungsorgan eintritt, die Periode des Stilllebens. Meist werden sie sich in der Nähe der Alten ankitten (s. oben) und so die Bank vergrößern helfen; geraten sie jedoch auf ungünstiges Terrain, auf welchem sie von Sand oder Schlamm zugedeckt oder von Pflanzen überwuchert werden, so gehen sie unrettbar zu Grunde. Als Nahrung dienen mikroskopische Pflanzen und Tiere sowie in Zersetzung befindliche organische Körper, welche ihnen das eingesogene Wasser zuführt. Sehr stark leiden sie durch den Frost. Ihre Feinde sind ferner die Fische, Krebse, Seesterne und Schnecken. Erst nach mehreren Jahren erreichen sie die nach Standort und Rasse sehr verschiedene volle Größe. Die vielen größern oder kleinern, dick- oder dünnschaligen, mehr oder weniger blätterigen Sorten sind nichts als durch lokale Einflüsse entstandene Varietäten einer und derselben Art. Die A. sollen 10-12 Jahre alt werden, aber schon in 3-4 Jahren sind sie marktfähig.

Die A. finden sich reichlich an den englischen und französischen Küsten und an der norwegischen Küste bis 65° nördl. Br. Die etwa 50 schleswigschen Austernbänke (s. das Kärtchen) liegen an den Abhängen der tiefern Rinnthäler des Wattenmeers in 1½-9 m Tiefe und sind meist schmale Streifen von 100 m Breite und 1000 m Länge. Der Grund besteht aus Sand, kleinen Steinen und Muschelschalen. Einzelne A. finden sich in einigen Stromrinnen des ostfriesischen Wattenmeers, viele leben auf den Fisch ergründen der südlichen Nordsee; das Befischen dieser Bänke ist aber schwierig, weil dieselben meist über 30 m tief liegen. Auch sind diese A. nicht so wohlschmeckend wie die A. der schleswigschen Bänke, werden aber viel größer; in England und Frankreich dienen sie hauptsächlich zu Pasteten und Saucen, in Deutschland werden viele auch frisch gegessen. An der jütischen Küste gehen die A. um Skagen herum bis ins Kattegat. Im Limfjord fehlten sie früher, seitdem aber 1825 das Land im W. von der See durchbrochen worden ist, haben sie sich hier von selbst angesiedelt und bilden jetzt schon einen bedeutenden Handelsartikel. Im Belt fehlen gegenwärtig A., haben aber, wie eine fossile Austernbank beweist, östlich von Kiel gelebt und sind erst, nachdem das Ostseewasser für sie auf die Dauer zu salzarm geworden, eingegangen. Erwachsene A. leben allerdings auch in Wasser von nur 1,7 Proz. Salzgehalt längere Zeit, die Larven haben jedoch mindestens 3 Proz. nötig. Außerdem ist der Mangel an Ebbe und Flut einer reichlichen Ernährung hinderlich. Auch an der Westküste von Frankreich, im Mittelmeer, im Adriatischen und im Schwarzen Meer finden sich A.; die reichsten Austernbänke aber hat Nordamerika (besonders die Chesapeakebai, Massachusetts und Virginia); 20 Meilen nördlich von der Mündung des Hudson werden noch A. gewonnen. Die australischen Bänke liegen vorzugsweise in Neusüdwales und Tasmania.

Der Fang der A. ist sehr einfach; wo die Bänke

^[Abb.: Auster, nach Entfernung des rechten Mantelblattes.]