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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ausverkauf; Auswachsen des Getreides; Auswanderung

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Ausverkauf - Auswanderung.

salz, Watte, Wolle, Einstreuen von Bärlapp, Gummi, Stärkemehl; zusammenziehende und dadurch stopfende Mittel (E. adstringentia), ebenfalls zum örtlichen Gebrauch, eine weit eingreifendere Gruppe, z. B. Blei-, Zinksalze, Vitriole und andre Metallmittel, Gerbsäuren, Kreosot etc.; entziehende oder zehrende Mittel (E. consumentia), welche die Stoffbildung überhaupt und in diesem Fall besonders die Erzeugung flüssiger Substanz im Organismus beschränken, wie Jod, Quecksilberoxyd und -Chlorid, Blei und Arsenik, dann auch die scharfen Mittel, welche wenigstens eine zehrende Nachwirkung zu äußern pflegen.

Ausverkauf, die gänzliche, wenigstens beabsichtigte oder auch nicht beabsichtigte (schwindelhafter A.) Aufräumung eines Warenlagers oder der Vorräte in einem Artikel, welche der Verkäufer meist durch Preisherabsetzung, Verheißung von Prämien etc. herbeizuführen sucht. Der A. wird oft nötig bei Orts- und Geschäftsveränderungen, mangelnder Nachfrage, bei großen Geschäften vor der Inventur.

Auswachsen des Getreides, das Keimen des reifen, auf dem Feld stehenden oder liegenden Getreides bei anhaltendem Regen und warmer Witterung, macht bisweilen die Ernte fast ganz wertlos. Die Mähmaschinen, welche die guten Tage besser ausnutzen lassen und überhaupt die Ernte rascher fördern, sind die besten Vorbeugungsmittel gegen das A. Auch sind hohe Stoppeln sehr erwünscht, weil das Getreide auf diesen hohler liegt, also besser abtrocknen kann; man legt es aber dann nur in dünnen Lagen und muß es häufig wenden. Schon gebundenes Getreide wächst auch in den Garben aus, wenn diese schlecht gelegt oder unrichtig gestellt sind. In sehr nassen Jahrgängen kann auch stehendes Getreide, besonders Weizen, auswachsen. Der Mohn ist dem Auswachsen ebenfalls leicht ausgesetzt. Ausgewachsenes Getreide muß, wenn es endlich eingescheuert ist, rasch ausgedroschen, die Körner aber müssen auf Horden und Darren bei höchstens 30° R. mäßig getrocknet werden. Diese getrockneten Körner sind zur Saat untauglich, sie eignen sich auch nicht zur Bierbrauerei und Branntweinbrennerei, und wegen der Veränderung, welche der Kleber erlitten hat, gibt das Mehl einen Teig, welcher die Kohlensäure bei der Gärung nicht hält und daher schliffiges Brot liefert. Dieser letztere Übelstand wird aber durch Zusatz von 30 g Salz zu 1,5 kg Mehl oder durch Zusatz von 1 Lit. Spiritus zu 100 kg Mehl vollständig beseitigt.

Auswanderung, das offene und gesetzliche wie auch das heimliche Verlassen des Landes, welchem man durch Geburt oder festen Wohnsitz angehört, in der Absicht, unter völligem Aufgeben des bisherigen Vaterlandes und der staatsbürgerlichen und heimatlichen Rechte sich in einem neuen Vaterland anzusiedeln. Hiernach unterscheidet sich die A. vom länger dauernden Reisen dadurch, daß bei ihr, sei es infolge förmlicher Entlassung aus dem Staatsverband, oder sei es wegen über eine bestimmte Zeitdauer hinaus fortgesetzten ununterbrochenen Aufenthalts im Ausland, die seitherige Staatsangehörigkeit verlorengeht. So wird die deutsche Staatsangehörigkeit durch einen zehnjährigen Aufenthalt in der Fremde eingebüßt. Hiergegen kann man sich jedoch schützen dadurch, daß man sich bei einem Reichskonsulat immatrikulieren läßt. Die genannte Frist von zehn Jahren kann durch Staatsvertrag auf fünf Jahre herabgesetzt werden, wenn die Staatsangehörigkeit inzwischen im fremden Land erworben wurde (sogen. Bancroft-Verträge, genannt nach dem frühern nordamerikanischen Gesandten Bancroft in Berlin, der zuerst 22. Febr. 1868 einen solchen Vertrag mit dem Norddeutschen Bund abgeschlossen hatte). Die Auswanderer beabsichtigen, sich im neuen Heim eine dauernde Existenz zu gründen. Hierdurch unterscheiden sie sich von den Emigranten, unter welchen politische Flüchtlinge verstanden werden, die im Ausland eine vorläufige Zufluchtsstätte suchen. In der angegebenen Begrenzung wäre die A. aus Kolonialstaaten nach deren Besitzungen eine A. im eigentlichen Sinne nicht zu nennen, vielmehr eine Kolonisation; dennoch schließen wir auch diese Art von A. in unsre Betrachtung ein, weil nur ein Zusammenfassen aller Richtungen einen klaren Einblick in das Getriebe einer überall regsamen Völkerbewegung geben kann.

In älterer Zeit, in welcher die Einzelwanderung durch Hemmnisse rechtlicher Art und durch mangelnde Verkehrsentwickelung (Schwierigkeit des Reisens, Unkenntnis fremder Länder) erschwert war, kamen Auswanderungen mehr in der Form von Massenwanderungen vor. Das Mutterland gab einen Teil seiner Bewohner zur Gründung von Kolonien ab, besiegte Völker wurden von den Siegern nach einer andern Gegend verpflanzt (Juden), ein Volk wurde durch ein andres aus seinen Wohnsitzen verdrängt, oder es wanderte, um anderwärts ein besseres Heim zu finden (Völkerwanderung, eine derselben ähnliche Erscheinung weist die moderne Zeit im "Trekken" der Boers in Südafrika wie in der Wanderung der Mormonen von Nauvoo nach Utah auf). Beispiele erzwungener A. aus späterer Zeit sind die Verjagung der Mauren aus Spanien, der französischen Protestanten unter Ludwig XIV., der Salzburger unter Erzbischof Firmian. In der neuern Zeit ist der Besuch fremder Länder durch Erweiterung der persönlichen Freiheitsrechte (Aufhebung der Hörigkeit, Gewährung freien Reiserechts, Wegfall einer großen Zahl polizeilicher Reiseerschwerungen) sowie durch eine großartige Verkehrsentwickelung außerordentlich erleichtert, und es trägt infolgedessen die moderne A. fast ausschließlich den Charakter der freiwilligen Einzelwanderung.

Die Motive, welche zum Aufgeben der Heimat veranlassen, können sehr verschiedene sein: religiöse, politische, ökonomische. Während die beiden ersten in früherer Zeit mächtige Triebfedern waren, ist in der Jetztzeit fast ausschließlich der Wunsch nach Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse maßgebend. Die Stärke der A. wird hiernach zunächst bedingt durch die Schwierigkeit, sich in der Heimat eine befriedigende Existenz zu schaffen. So kann eine länger dauernde Notlage ganze Scharen von Auswanderern über die Grenze treiben. Hatte doch Irland nach 1840 in kurzer Zeit über 30 Proz. seiner Bevölkerung durch A. verloren. Allerdings ist die Dichtigkeit der Bevölkerung nicht ausschließlicher Maßstab für die Schwierigkeit des Erwerbs, der unter Umständen durch Zunahme der Bevölkerung geradezu erleichtert werden kann. Auch in dünn bevölkerten Ländern kann infolge von Unfruchtbarkeit des Bodens, unzureichender Entwickelung von Industrie, Handel und Verkehr oder auch von besondern Rechtsgestaltungen (Bildung von Fideikommissen und Latifundien) die Ernährung eine sehr schwierige sein, wie denn in Deutschland die A. aus Mecklenburg und Pommern eine stärkere ist als aus der Rheinprovinz. Dann hängt die A. ab von den Aussichten, welche sich außerhalb des Heimatslandes bieten. Einen Beleg dafür gibt die Geschichte der wirtschaftlichen Zustände Nordamerikas in den letzten Jahren. Ganz in dem Maß, wie sich dieselben mehr oder wenig günstig gestalteten,