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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Berchtenlaufen; Berchtesgaden

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Berchtenlaufen - Berchtesgaden.

rühmter Geschlechter, so auch in der Karolingersage, wo ihr als Wahrzeichen ein eigentümlich großer Fuß (wohl der Schwanenfuß der Freia) beigelegt wird (vgl. Bertha 2). Wie Frau Holda, hütet sie die Seelen aller ungebornen, d. h. ungetauft verstorbenen, Kinder (in Thüringen Heimchen, anderwärts Wichtlein genannt), zieht mit ihnen von Land zu Land, setzt mit ihnen über Ströme und nimmt bald in einem Berg, bald in einer Grotte, bald im Wasser eines Teichs oder Brunnens (was ursprünglich alles auf die himmlische Szenerie der Wolkenberge etc. geht) ihren Aufenthalt. Zur Zeit der Wintersonnenwende feierte man ihren wie ihres Gemahls Wodan festlichen Umzug durch das Land, weshalb sie nach dem Glauben des Volks um Weihnachten noch immer entweder als wilde Wolkenjägerin erscheint, die nachsieht, ob die Mägde ihren Flachs abgesponnen haben, oder sich als Mutter der Heimchen mit ihrem Pflug sehen läßt, oder als grauköpfige Alte mit großer Nase und langen Zähnen artigen Kindern Geschenke bringt, ungehorsamen aber den Leib aufschneidet, um ihn mit Häckerling zu füllen, etc. Ihr Tag ist bald der 30. Dezember, bald der 2. oder 6. Januar, an welchem eine stehende Festspeise (Fische und Klöße) genossen werden muß. Vgl. Holda.

Berchtenlaufen (Perchtenlaufen), im Pinzgau und Salzkammergut der Umzug, welchen zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag gegen 100-300 Burschen am hellen Tag in den possierlichsten Masken, mit Kuhglocken und knallenden Peitschen versehen und mit allen Arten von Gewehren bewaffnet, veranstalten. Ein ähnlicher Brauch ist das Berchteljagen in Kärnten und das Berchtengehen in Oberbayern, letzteres von Weibern ausgeführt, die, mit Ketten, Hacken und Besen versehen, Gaben sammelnd umherziehen. Die Benennungen dieser Bräuche weisen auf den Umzug der alten Göttin Berchta (s. d.) zurück.

Berchtesgaden (Berchthosgaden, hierzu Karte "Berchtesgadener Land"), Landschaft in den Salzburger Alpen, das ehemalige Gebiet der Pröpste von B. umfassend, bildet die südöstlichste Ecke des bayrischen Regierungsbezirks Oberbayern, etwa 400 qkm (7 QM.) groß mit (1880) 8262 Einw. Das Berchtesgadener Ländchen ist ein großartiges Alpengebiet, das, von einem hohen Bergwall ummauert, sich als eine kolossale Masse von Kalkgebirgen zwischen der Saalach und Salzach ausbreitet. Auf der Südgrenze lagert die wüste, gewaltige Hochfläche des Steinernen Meers, aus welcher schroffe Felsberge, darunter der Schönfeldspitz (2651 m) und der Hundstod (2580 m), aufragen. Von diesem südlichen Felsenwall ziehen sich zwei Felsengrate von ungeheurer Starrheit in das Innere des Ländchens, von denen der östliche im zweigipfeligen Watzmann, der höchsten Spitze des Gebiets, 2714 m, der westliche im Hochkalter 2629 m Höhe erreicht. Durch diese Gliederung entstehen die drei Hauptthäler des Landes: das Seethal mit dem Ober- und Königssee zwischen dem östlichen Grenzwall und dem Watzmann, das öde und starre Wimbachthal zwischen dem Watzmann und dem Hochkalter und das Hinterseethal mit dem einsamen Hintersee zwischen dem Hochkalter und dem westlichen Grenzwall. Alle drei Thäler laufen parallel von SSW. nach NNO. und vereinigen sich zu einem größern Thal, das bei Ramsau beginnt und sich gegen O. zu bis zum Markt B. fortsetzt, von wo es mehr nördliche Richtung hinaus ins Salzachthal nimmt. Der Untersberg, im höchsten seiner drei Gipfel, dem Berchtesgadener Hochthron, 1975 m hoch, ist ein nach Salzburg hin vorgeschobener Posten des Hochlandes von B., der durch den Hallthurnpaß vom Lattengebirge im W. getrennt ist, und dem gegenüber auf dem östlichen Grenzwall (südöstlich von B.) die schön gewölbte Kuppel des Hohen Göll (2519 m) emporragt. Eine eigentliche Thalebene ist nicht vorhanden. Trotz der hohen Lage des Ländchens ist das Klima nicht rauh, da der breite Rücken des Untersbergs gegen die Nordstürme Schutz gewährt. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 7,66°, während der Sommermonate 14,3° C. Viehzucht, besonders aber das Salzgewerbe, Fällen und Triften des Holzes, Schachtelfabrikation und die weitbekannten Schnitzarbeiten in Holz, Elfenbein und Horn neben dem steigenden Fremdenverkehr ernähren die Bewohner, die zum Teil noch (Jäger und Holzknechte) in eigner Bergtracht erscheinen und einen dem Fremden schwerverständlichen Dialekt sprechen.

Der Marktflecken B. mit (1880) 1780 Einw. liegt 576 m ü. M. an der wärmsten und offensten Stelle des Ländchens am Südabhang des Untersbergs und bildet mit seiner nächsten Umgebung eine der entzückendsten Landschaften. B. ist Sitz eines Bezirksamtes und eines Amtsgerichts, hat 1 umfangreiches Chorstift (früher Residenz der Pröpste, jetzt königliches Schloß), 3 Kirchen (am bemerkenswertesten die altehrwürdige gotische Stiftskirche aus dem 12. Jahrh.), 1 königliche Villa (1850-55 erbaut), 1 Franziskanerhospiz, 1 Zeichen- und Schnitzerschule und ist der Stapelplatz für die Berchtesgadener Schnitzwaren. Von besonderer Wichtigkeit ist das Salzbergwerk, das an Knappen und andern Arbeitern in den Sudhäusern und Salinenforsten ca. 300 Menschen beschäftigt und eine jährliche Ausbeute von 500,000 metr. Ztr. Salz gewährt. Der Salzberg (Tuval) liegt östlich von B. und hängt mit dem von Hallein (Dürnberg) zusammen, enthält aber mehr Steinsalz als jener, daher das Wasser in den Sinkwerken eher gesättigt wird. Die Sole, welche 26½ Proz. Salz enthält, wird teils in B. selbst in dem großen Sudhaus Frauenreut versotten, teils durch eine hydraulische Reichenbachsche Maschine in die (seit 1817 bestehende) großartige Solenleitung gehoben, welche das Ramsauer Thal entlang über die Schwarzbachwacht nach Reichenhall, Traunstein und Rosenheim führt. Auch reines Steinsalz gewinnt man durch Sprengen. Der Salzberg von B. wird von Reisenden viel besucht und gewährt mit seinen verzweigten Stollen und Rollen (schrägen Fahrschächten), seinem unterirdischen See, den man mit einem Kahn befährt, und dem großen beleuchteten Sinkwerk Kaiser Franz ebensoviel Abwechselung wie Belehrung. B. wird als Luftkurort und Solbad während der Monate Juni bis September von mehreren Tausend Fremden besucht. - Zu B., das in den ältesten Urkunden Perthersgadmen heißt, erbaute um 1100 Irmgard, die Gattin Gebhards, Grafen von Sulzbach, ein Kloster für Augustinerchorherren, das sich 1122 zur Propstei gestaltete und unter Kaiser Friedrich I. 1156 Reichsunmittelbarkeit (dazu auch das Salzregal) erhielt. Doch gab es stets Streit mit den Erzbischöfen von Salzburg, die sich das Hoheitsrecht über das Ländchen anmaßten, bis man auf Betrieb des Propstes Jakob II. Pütrich die Herzöge von Bayern zu Koadjutoren erwählte und 1627 die Reichsunmittelbarkeit des Stiftes anerkannt wurde. Schon 1495 hatte der Propst den Titel "Reichsfürst" von Maximilian I. erhalten. Nach der Säkularisation (1803) kam B. an Salzburg, 1805 an Österreich, durch den 1810 zu Paris abgeschlossenen Frieden aber an Bayern, dem es seitdem angehörte. Das Stift zählte bis zu seiner Auflösung 47 Pröpste, deren letzter, Jos. Konrad von Schroffenberg, zugleich Fürstbischof von Freising und