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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bergstraße; Bergsträßer; Bergsturz; Bergtalg

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Bergstraße - Bergtalg.

Bergstraße, Bezeichnung der am Fuß des gegen die Rheinebene abfallenden Odenwaldes hinlaufenden, schon den Römern bekannten Straße (Platea montana) wie auch der ganzen Gegend, welche von ihr durchzogen wird. Die B., die südlich von Darmstadt bei Bessungen anfängt und sich bis Heidelberg in einer Länge von 52 km erstreckt, gehört teils zum Großherzogtum Hessen, teils zu Baden, berührt die Städte Zwingenberg, Bensheim, Heppenheim und Weinheim und mehrere ansehnliche Dörfer und gehört zu den gesegnetsten Gegenden Deutschlands. Das überaus milde Klima läßt hier sehr geschätzte Weinsorten, feines Kernobst, selbst Mandeln gedeihen, und Haine schönen Laubwaldes (besonders Walnußbäume und Edelkastanien) bedecken die Seiten und Gipfel der nächsten Anhöhen, aus denen sich die Ruinen zahlreicher alter Burgen erheben. Unter den die B. begleitenden Bergen des Odenwaldes ist der 519 m hohe Melibokus, östlich von Zwingenberg, am bedeutendsten. Vgl. Franck, Die Burgen der hessischen B. (Darmst. 1868); "Führer durch die B. und den Odenwald" (3. Aufl., Weinheim 1882); Pasqué, Die B. (Zürich 1884).

Bergsträßer, Wein von den Abhängen der Bergstraße (s. Rheinhessische Weine).

Bergsturz (Bergschlipf, Rüfenen, v. ital. rovina, "etwas Zusammengestürztes"), das Loslösen und Herabstürzen großer Fels- und Erdmassen von Gebirgen. Die Ursachen können sehr verschiedenartige sein: Frostwirkung, Erosion durch Luft und Regen, Erdbeben, Auflösung unterlagernden Materials, wohl auch Unvorsichtigkeit im Abbau technisch wichtiger Gesteine. Besonders häufig tritt die Erscheinung ein (und wird dann gewöhnlich Bergschlipf genannt), wenn Gesteinsmassen auf geneigten Thonschichten lagern, die durch Wasseraufsaugung schlüpfrig werden und dann den darüber auflagernden Gebirgsmassen als Gleitfläche dienen, auf der sie zu Thal rutschen. Ursächlich verwandt mit dem B. sind ferner die Erdfälle (s. d.). Besonders reich an Bergstürzen ist die Schweiz, wo sich deren allein über 150 nachweisen lassen. Einer der bedeutendsten und verheerendsten war der B. von Goldau 2. Sept. 1806, wo der Spitzbühl, ein Teil des Roß- oder Rufibergs, infolge anhaltender Regengüsse hinabglitt und die ungeheure Trümmermasse sogleich das ganze Dorf, mehrere Weiler und Höfe auf der gegenüberliegenden Thalseite, den ganzen Thalgrund und einen Teil des Lowerzer Sees verschüttete und ein Schlammstrom das Dorf Lowerz größtenteils zerstörte. Die herabgeglittene Masse war 4 km lang, mehr als 320 m breit und 32 m dick und wurde zu 40 Mill. cbm berechnet. Am 4. Sept. 1618 waren auf gleiche Weise die Dörfer Plurs (Piuro) und Schilan (Chilano) am Südabhang der Alpen bei Chiavenna mit 2430 Einw. unter dem Sturz des Contobergs begraben worden. Bekannte Fälle aus älterer Zeit sind: die Verschüttung der altrömischen Stadt Velleja (um das 4. Jahrh. n. Chr.) durch den Erdfall vom Berg Rovinazzo, die man 1747 unter 6 m hohem Schutt wieder auffand; der Untergang der römischen Stadt Tauretunum, am Genfer See unfern der Dents d'Oche gelegen, die 563 durch einen B. fortgerissen ward, dessen Masse noch jetzt in Gestalt eines Vorgebirges am See sichtbar ist. Ein andrer berühmter B., genannt Slavini di San Marco, fand 883 im Etschthal zwischen der Lenomündung und dem Dorf San Marco statt, der das beinahe 2 km breite Thal auf etwa 3 Mill. qm bedeckte. Im J. 1248 wurden 4 Dörfer am Fuß des Monte Granier, unfern Chambéry, unter Kalktrümmern begraben; 1377 stürzte der Hügel Perrier im französischen Departement Puy de Dôme in das Crouzethal mit dem Dorf Pardines hinab. In ähnlicher Weise sind kultivierte Landstriche begraben am Fuß des Bernina, der Dent du Midi, der Dent du Mayen, des Rigi etc. Von den Diablerets in den Berner Alpen (bei Sion) stehen jetzt nur noch 3 Hörner; die übrigen stürzten 1714 und 1749 zusammen, unter einem 30 m hohen Steinwall 18 Menschen und eine große Menge Vieh begrabend, von welcher Katastrophe die 3 großen Derborenceseen herrühren. Ähnliche Bergstürze fanden statt bei Yvorne unfern Aigle 1584, bei Tirano im Veltlin 1808, bei Felsberg unfern Chur 1834, an der Küste von Ostdevon in England zwischen Axmouth und Lyme Regis 1839; ferner bei Gragnano am Monte Sant' Angelo südöstlich von Neapel 1841, wobei über 100 Menschen ums Leben kamen; am Ararat beim Erdbeben von 1840; bei Paks im ungarischen Komitat Tolna 1847, wo der sogen. Schanzenberg zum Teil in die Donau stürzte; in Norwegen 1847, wo das Dorf Helsingegard verschüttet ward; im Toscanischen 1855, wo der Belmonte in das Thal herabstürzte und das Tiberbett verschüttete; im Kanton Wallis 1855, wo sich infolge eines Erdbebens von der Spitze des Wetterhorns eine Felsenwand loslöste und in das Thal hinabstürzte, während gleichzeitig Bergstürze im Vispthal, in Graubünden, an dem Calanda-Ausläufer Eck, bei Pfäfers, im Rhônethal u. a. O. erfolgten. In neuerer Zeit hat der B. von Elm im Sernfthal, Kanton Glarus, eine traurige Berühmtheit erlangt. Am 11. Sept. 1881 löste sich der Nordrand des benachbarten Tschingelbergs ab und bedeckte das Thal mit einem 1½ km langen, 300-400 m breiten Schuttstrom, dessen Masse Heim auf mindestens 10 Mill. cbm schätzt. 22 Wohnhäuser, die doppelte Anzahl von Ställen wurden verschüttet, 114 Menschen getötet. - Erscheinungen, welche oben als Bergschlipfe von dem eigentlichen B. unterschieden wurden, gehören beispielsweise längs des Steilrandes der Schwäbischen Alb zu den häufigen Erscheinungen. Es sind hier die Schichten, mit denen der braune Jura (Dogger) schließt, die Ornatusthone (s. Jurasystem), welche der Erweichung unterliegen, die Felsen des weißen Jura (Malms), welche auf ihnen rutschen. Besonders bekannt geworden ist der Bergschlipf des Plettenbergs (1851), durch welchen der bewaldete Berghang auf eine Länge von 1 km in die Tiefe stürzte. Großartige Erscheinungen dieser Art spielten sich 1870 und 1871 in Ecuador ab, wo Tertiärschichten, ein Wechsel von Thonen und Sanden, die mit einer Neigung von über 20° gegen das Meer einfielen, in Bewegung gerieten. Ungleichmäßigkeit der Fortbewegung rief Stauungen und hierdurch lokale Hebungen bis zu 20 und 30 m Höhe hervor. - Allgemeine Vorsichtsmaßregeln gegen B. und ihre verheerenden Folgen lassen sich nicht angeben. Im einzelnen Fall können Wasserkorrektionen, Sprengungen, Schutzwälder etc. von guter Wirkung sein; verdächtige Stellen sind gut zu überwachen, da sich der B. gewöhnlich durch vermehrtes Abbröckeln der Gesteine ankündigt. Bei Elm wurde versucht, eine das Dorf mit einem neuen B. bedrohende Masse durch Beschießen zum Abstürzen in einer ungefährlichen Richtung zu bringen; der Versuch blieb aber resultatlos. Vgl. Baltzer, Über Bergstürze in den Alpen (Zürich 1875); Buß und Heim, Der B. von Elm (das. 1881); Rothpletz, Der B. von Elm (Berl. 1881); Heim, Über Bergstürze (Winterth. 1882).

Bergtalg (Bergwachs), s. v. w. Ozokerit.