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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bernstein

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Bernstein (Geschichtliches, Monopolisierung).

Königsburg des Menelaos glänzte von Gold, Elektron, Silber und Elfenbein. Herodot teilt zuerst die Mythe vom Phaëthon mit, welche später Ovid in den "Metamorphosen" poetisch verarbeitet hat. Thales kannte die anziehende Kraft des geriebenen Bernsteins und vergleicht dieselbe mit der des Magnets. Tacitus wußte, daß die Ästyer (Esthen), welche auf der rechten Küste des Suevischen Meers wohnen, den B., den sie selbst Glesum nennen, als Auswurf des Meers sammeln und an die Römer verhandeln; er spricht von den Einschlüssen und hegt keinen Zweifel, daß B. erhärteter Baumsaft sei. Diodor, Strabon und Plinius haben alles zusammengestellt, was über den B. damals bekannt war; nach Plinius soll man ihn Succinum genannt haben, um anzuzeigen, daß er aus dem Saft (succus) der Bäume entstanden sei, und Plinius selbst leitet ihn von einer Pinie ab. Schon Pytheas hatte zur Zeit Alexanders d. Gr. eine Entdeckungsreise unternommen, um die Heimat des Zinnes, des Bernsteins und köstlicher Felle zu erkunden; er erzählt, daß der B. auf der Insel Abalus im Ozean, gegenüber dem germanischen Volk der Guttonen, von den Wellen angetrieben werde, aber er ist schwerlich über die Weser oder Elbe hinausgekommen, und so kann Abalus nicht auf das Samland bezogen werden. Plinius spricht bestimmter und verlegt die Bernsteininseln, Glessarien oder Elektriden, ins Germanische Meer, gegenüber Britannien, so daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Alten B. aus der Nordsee erhalten haben. Die erste sichere Andeutung der samländischen Küste gibt Dionysios von Halikarnaß, und wenn Plinius erzählt, daß die Germanen den B. hauptsächlich nach Pannonien gebracht haben, von wo er durch die Veneter rings am Adriatischen Meer verbreitet wurde (daher die Fabel vom Ursprung des Bernsteins aus dem Po), so kann auch hierin wohl eine Hinweisung auf die Ostseeküste gesehen werden. Daß Überlandhandel mit B. schon in der vorrömischen Zeit stattgefunden habe, scheinen die Massenfunde bei Giebichenstein bei Halle a. S. zu beweisen. Verarbeiteten B. findet man in den Nekropolen Norditaliens, in den großen Gräberfeldern von Hallstatt und in süddeutschen Hügelgräbern. Epochemachend für den Bernsteinhandel war die Entsendung eines römischen Ritters durch Kaiser Nero. Wahrscheinlich wurde durch diese Expedition die bernsteinreiche Küste des ostpreußischen Samlandes dem römischen Handel erschlossen, der vorher auf den Zwischenhandel, namentlich der im nördlichen Elbgebiete wohnenden Teutonen, angewiesen war. Durch diese in der Folge sehr lebhaften Handelsbeziehungen erklärt sich der große Reichtum der Provinz Preußen an römischen Fabrikaten. Der B. war bei den Römern als Schmuckstein ungemein beliebt, auch schrieb man ihm Heilkräfte zu, und die Dichter, besonders Martial, sind seines Lobes voll. Auch in der merowingischen Zeit noch war der B. als Schmuck sehr beliebt, wie dies zahlreiche in Gräbern dieser Zeit gefundene Perlen bezeugen. Mit dem immer mehr hervortretenden Übergewicht des Orients am Ende des ersten Jahrtausends unsrer Zeitrechnung bahnten sich auch Verbindungen für den Bernsteinhandel nach dem Orient an. Zeugen dafür sind die zahlreichen Funde an orientalischen (kufischen) Silbermünzen und Schmuckgegenständen, meistens aus dem 10. und 11. Jahrh. stammend. Gegenüber der Klarheit der Alten bezüglich der wahren Natur des Bernsteins herrschte in der neuern Zeit viel Verwirrung. Agricola verwarf die Ansicht von der vegetabilischen Abstammung des Bernsteins vollständig, und Linné mußte dieselbe noch verteidigen. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die natürlichen und geologischen Verhältnisse des Bernsteins genauer erkannt, und durch die bis in die neueste Zeit reichenden Bemühungen von Schweigger, Aycke, Berendt, Göppert, Menge, Zaddach, Heer, Runge u. a. haben wir jetzt eine sehr vollständige Kenntnis derselben erlangt.

In den ältesten Zeiten war das Auflesen des ausgeworfenen Bernsteins jedermann erlaubt, erst die Bischöfe erkannten in dem "Börnstein", lapis ardens, eine sehr ergiebige Einnahmequelle und ein geeignetes Steuerobjekt (die älteste Urkunde datiert von 1264). Die Deutschen Ritter beuteten das Bernsteinregal in größtem Maßstab aus und gestatteten niemand, gefundenen B. zu behalten oder auf eigne Rechnung zu vertreiben. Die erste Bernsteindreherinnung bildete sich 1534 in Stolp. Unter den Markgrafen und Kurfürsten wurden besondere Bernsteingerichte gegen Unterschlagungen eingesetzt, und alle Strandbewohner mußten den Bernsteineid schwören. Sie erhielten als Entschädigung für die anstrengende und gefährliche Arbeit des Schöpfens nur das gleiche Maß Salz, dessen sie bei dem Fischereigewerbe bedurften. Diese unnatürlichen Verhältnisse führten bald zur Verpachtung der Bernsteinnutzung an Danziger Kaufleute, welche alsbald die glänzendsten Resultate erzielten, den Handel bis Persien und Indien ausdehnten und in vielen Städten Faktoreien einrichteten. Dies verlockte aber die Regierung, die Sache wieder selbst in die Hand zu nehmen, und noch oft wechselten seitdem Verpachtung und Selbstverwaltung miteinander ab. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurde der Bernsteineid abgeschafft, und Friedrich Wilhelm III. überließ 1837 die ganze Bernsteinnutzung von Danzig bis Memel gegen eine Pauschalsumme von 30,000 Mk. den Adjazenten und Strandgemeinden; erst seit 1866 wurde die Gräberei in den Strandbergen, welche etwa seit 200 Jahren betrieben wird, wieder besonders verpachtet. Gegenwärtig ist der B. in ganz Ostpreußen und am westpreußischen Strand, mit Ausnahme des Stadtgebiets Danzig, vorbehaltenes Eigentum des Staats. Für die Strandstrecke von Danzig bis Memel bezieht derselbe die oben genannte Pachtsumme, er verpachtet die Bernsteingräbereien in den Strandbergen auf eignen und Privatgrundstücken und die Baggerei im Kurischen Haff. Jeder Grundbesitzer in Ostpreußen muß den auf seinem Grundstück gefundenen B. gegen gesetzlichen Finderlohn (1/10 des Wertes) abliefern, wenn er sich nicht ebenfalls durch Zahlung einer Pacht von dieser gesetzlichen Verpflichtung befreit. Eine bedeutende Einnahme des Staats aus diesem Regal steht aber den mannigfachen Beschränkungen, welche die Regalverwaltung mit sich bringt, nicht gegenüber; der größte Teil des Gewinnes fällt den Besitzern günstig gelegener Strande oder den Bernsteinhändlern zu. Die vier Stellen Schwarzort, Brüsterort, Sassau und Warnicken liefern eine Pachtsumme von 260,000 Mk. Vgl. Hartmann, Succini prussici historia (Frankf. 1677); Berendt und Göppert, Der B. und die in ihm vorkommenden Überreste der Vorwelt (Berl. 1845); Runge, Der B. in Ostpreußen (das. 1868); Derselbe, Die Bernsteingräbereien im Samland (das. 1869); Göppert und Menge, Flora des Bernsteins (Leipz. 1883 ff.); Klebs, Gewinnung und Verarbeitung des Bernsteins (Königsb. 1883); Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde (Berl. 1871); Waldmann, Der B. im Altertum (das. 1883).