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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Blausaures Eisen; Blausaures Kali; Blauschiefer; Blauspat; Blauspecht; Blaustein; Blaustern; Blaustifte; Blaustrumpf; Blausucht

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Blausaures Eisen - Blausucht.

nicht durch den Pfropfen aufgehalten wird. Das Ableitungsrohr läßt man mit der Spitze in etwas Wasser tauchen, damit sich der zuerst übergehende Cyanwasserstoff leichter verdichtet. Die verdünnte B. riecht bittermandelartig, betäubend und kratzend, schmeckt bitter (äußerste Vorsicht!) und zersetzt sich bald unter Bildung von Ameisensäure, Ammoniak und Abscheidung einer braunen Substanz. Diese Zersetzung wird durch geringe Mengen starker Säuren verhindert. B. reagiert schwach sauer, zersetzt die Kohlensäuresalze der Alkalien unter Bildung von Cyanmetallen, aber nicht die der alkalischen Erden; sie wird durch salpetersaures Silber weiß gefällt und gibt einen blauen Niederschlag, wenn man zuerst Kalilauge, dann Eisenoxyduloxydlösung zusetzt und mit Salzsäure ansäuert. Verdampft man B. mit gelbem Schwefelammonium bis zur Farblosigkeit und säuert dann an, so färbt sich die Flüssigkeit mit Eisenchlorid blutrot B. dient zur Darstellung von Cyanpräparaten. Früher war eine 2proz. Säure offizinell. B. wurde zuerst 1782 von Scheele aus Berliner Blau abgeschieden und als die färbende Materie in demselben betrachtet, daher die Namen Berliner B., Preußische Säure.

In den Arzneischatz wurde die B. zuerst von den italienischen Ärzten Borda, Brugnatelli und Rasori eingeführt; namentlich aber verdanken wir Ittner die ersten sichern Kenntnisse über ihre Wirkungsweise. In größern Dosen wirkt die B. als eins der lästigsten Gifte, sowohl auf Pflanzen als auf Tiere. Am schnellsten wirkt sie, wenn sie dampfförmig eingeatmet (wasserfreie B.) oder in die Venen eingespritzt wird. Nach dem Genuß kleiner Gaben von B., die man wiederholt, zeigen sich im Anfang Atmungsnot, Schwindel, glänzende Augen, stierer Blick, Herzbangigkeit; dann Konvulsionen, Krämpfe des Kehlkopfes, Blasenkrampf, lautes Aufschreien, Abgang von Urin, Kot und Samen, Bewußtlosigkeit; ferner Lähmung, Pulslosigkeit, Schlafsucht, Erschlaffung der Muskulatur, allmähliches Aufhören des Atems sowie des Herzschlags, starke Pupillenerweiterung, Speichelfluß und Tod. Diese sämtlichen Erscheinungen folgen sich aber äußerst rasch, indem der Tod meist in ½-1 Stunde eintritt. Dauert das Leben 10-12 Stunden nach dem Genuß des Giftes fort, so kann man den Vergifteten für gerettet halten, und derselbe erholt sich rasch. wieder. Nach sehr großen Gaben von B. erfolgt in den meisten Fällen der Tod fast augenblicklich, oder es stellen sich vorher Übelsein, Speichelfluß, Kopfschmerz, Bangigkeit, kurzer Atem, Krämpfe, Bewußtlosigkeit, Empfindungslosigkeit ein. Wegen der raschen Wirkung der B. ist bei Vergiftungen schleunige Hilfe nötig. Man kitzelt den Schlund mit einer Federfahne, um Erbrechen zu erregen, macht kalte Umschläge auf den Kopf und kalte Begießungen, läßt kaltes Wasser trinken, gibt kalte Klystiere und befördert das Einatmen guter, sauerstoffreicher Luft. Während noch vor 10-15 Jahren absichtliche Vergiftungen mit B. äußerst selten waren, so ist einmal durch die schnelle Giftwirkung und dann wegen der großen Verbreitung des Cyankaliums (welches im Magen sofort B. entwickelt) in mehreren Gewerben (Photographen, Gürtler, Lackierer) die Zahl der jährlichen Selbstmorde durch Blausäurevergiftung außerordentlich gestiegen. Der Sektionsbefund bei der Blausäurevergiftung zeigt keine besonders auffallenden Giftwirkungen, während nach Genuß von Cyankalium der Magen durch die Kaliwirkung quillt und kirschrot aussieht. Bei beiden Todesarten deuten die hellroten Totenflecke und der Geruch nach bittern Mandeln, welcher allen Organen der frischern Leichen entströmt, sofort auf das Gift hin, welches auch chemisch schnell nachgewiesen werden kann. Als Arzneimittel wird die B. jetzt weit seltener als früher angewendet, da sie schwer zu dosieren und in ihrer Anwendung nicht ungefährlich ist. Am meisten wendet man das blausäurehaltige Bittermandelwasser an und zwar besonders als krampfstillendes Mittel bei entzündlichen Leiden der Atmungs- und Verdauungsorgane, bei Magenkrampf, Asthma, Keuchhusten, Nervenschmerzen etc. Vgl. Preyer, Die B. (Bonn 1868-1870, 2 Bde.).

Blausaures Eisen, s. v. w. Berliner Blau.

Blausaures Kali, s. v. w. Cyankalium.

Blauschiefer, s. Kalkglimmerschiefer.

Blauspat, s. v. w. Lazulith.

Blauspecht, s. v. w. Kleiber.

Blaustein, s. v. w. Kupfervitriol.

Blaustern, s. Scilla.

Blaustifte, s. Bleistifte.

Blaustrumpf, früher in Deutschland Spottname für Aufpasser und Angeber, entstanden daher, daß an manchen Orten die Polizeidiener und Lakaien blaue Strümpfe trugen. Seit dem 18. Jahrh. ist der Name B. gebräuchlich für gelehrte, schriftstellernde Damen, namentlich in tadelndem Sinn für solche, welche über ihren litterarischen Beschäftigungen ihre mütterlichen und häuslichen Pflichten versäumen und ihre Gelehrtheit selbstgefällig zur Schau tragen. Die Bezeichnung stammt aus England (blue stockings), und bezog sich anfangs nur auf Gesellschaften, an denen Herren und Damen teilnahmen, und deren Hauptzweck, unter Verbannung des Kartenspiels, geistvolle Unterhaltung war. Als die Seele dieser um die Mitte des 18. Jahrh. in London aufkommenden Gesellschaften wird der Gelehrte. Stillingfleet (gest. 1771) bezeichnet, der aber, sein Äußeres vernachlässigend, stets in blauen Kniestrümpfen erschien. Dieser Umstand soll den holländischen Admiral Boscawen während seiner Anwesenheit in England veranlaßt haben, diese Versammlungen "Blaustrumpfsgesellschaften" zu nennen, um damit anzudeuten, daß in ihnen nur Geist und Talent, nicht das glänzende Äußere den Ausschlag gebe. Die Bezeichnung B. fand seitdem allgemeine Verbreitung, die üble Nebenbedeutung ist aber erst später und allmählich hinzugetreten. Vgl. Doran, A lady of the last century (Mrs. Elizabeth Montague, mit einem Kapitel über Blaustrümpfe, Lond. 1873).

Blausucht (Cyanosis, Morbus coeruleus), nicht eine selbständige Krankheit, sondern nur ein Symptom zahlreicher, ihrer Natur nach sehr verschiedener Krankheitszustände. Die B. ist erkennbar an der dunkeln, bläulichroten Färbung der äußern Haut. namentlich der Lippen, der Nase, der Wangen, Hände und Fingerspitzen, sodann der Mundschleimhaut etc. Diese bläuliche Färbung beruht teils auf einer Überladung des Bluts mit Kohlensäure, wodurch dasselbe eine mehr dunkelrote Farbe bekommt, teils auf einer Stockung des venösen, also kohlensäurereichen Bluts in den Geweben. Es gibt eine örtliche, nur auf einzelne Teile des Körpers beschränkte B., deren nächster Grund allemal in einer örtlichen Blutstockung liegt, und eine allgemeine, über den ganzen Körper verbreitete B., welche im wesentlichen auf mangelhafter Oxydierung des Bluts beruht. Allgemeine B. entsteht deshalb bei solchen Krankheiten der Lungen und der Luftwege, wo die