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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brasilien

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Brasilien (Geschichte).

ben auszubeuten; Förderung der geistigen Bildung des Volkes und gute Bewirtschaftung des Landes wurden ganz außer acht gelassen. Man suchte vielmehr den Geist des Volkes niederzuhalten, ordnete hohe Zölle und Abgaben an, beschränkte den Handelsverkehr auf einige Küstenplätze, wies Fremde zurück oder überwachte sie mit Argwohn (so A. v. Humboldt). Öl- und Weinbau waren verpönt, weil deren Produkte das Mutterland lieferte; das im Land vorhandene Salz durfte nicht gewonnen, Fabriken nicht angelegt werden, denn die Portugiesen führten von Fremden erkaufte Fabrik- und Manufakturwaren um hohe Preise ein. Seit 1640 hatte die Regierung den jüngern Söhnen des Adels und den Jesuiten weit ausgedehnte Besitzungen mit großen Rechten und Freiheiten erteilt (Donatarios) oder an Abenteurer zur weitern Eroberung verhandelt (Conquistadores); überhaupt wurden die Portugiesen vor den eigentlichen Brasiliern auf jede Weise bevorzugt. Gleichwohl war namentlich unter der Verwaltung Pombals, der die Jesuiten auch aus B. vertrieb, dieses für das Mutterland eine reiche Geldquelle, für den Staat sowohl als für die zwei Handelsgesellschaften, die den Verkehr vermittelten.

Als nun König Johann VI. mit dem portugiesischen Hofe vor Napoleon 1808 nach B. flüchtete, kam zwar mehr Leben in die Kolonie, Handel, Gewerbe, Fabriken nahmen einen freiern Aufschwung, der Verkehr nach außen wurde reger und umfassender, Europäer besuchten das Land und siedelten sich zum Teil daselbst an; aber der innere Zwiespalt infolge der Begünstigung der Portugiesen vor den Brasiliern dauerte fort und ward noch gesteigert durch Erhöhung der Abgaben, Erschwerung der Sklaveneinfuhr, Ausdehnung des Regals auf Gold und Edelsteine, welche auf Privatgrundstücken vorkamen, parteiische Rechtspflege etc. Die revolutionären Bewegungen, die seit 1808 Südamerika zu erschüttern begannen, erweckten daher auch in B. die Sehnsucht nach voller Selbständigkeit und Freiheit. Ein in Pernambuco im April 1817 ausgebrochener republikanischer Aufstand war der Vorläufer weiterer Ereignisse. Infolge eines Aufstandes zu Rio de Janeiro (26. Febr. 1821) mußte König Johann den Brasiliern eine Verfassung, wie diese sie wünschten, versprechen (28. Febr.) und ihnen bei seiner Abreise nach Portugal (26. April) den Kronprinzen Pedro als Prinz-Regenten zurücklassen. Als nun die portugiesischen Cortes den brasilischen Deputierten den Zutritt versagten und verlangten, daß B. nach wie vor als abhängige Kolonie sich von Portugal aus regieren lassen solle, obwohl die nationale Partei mächtig genug war, um eine Unabhängigkeitserklärung wagen zu können, weigerte sich der Prinz-Regent, dem Befehl, nach Lissabon zurückzukehren, Folge zu leisten (9. Jan. 1822). Er berief ein neues, selbständiges Ministerium, an dessen Spitze José Bonifacio d'Andrada trat, und wurde 13. Mai 1822 von einer Versammlung von Abgeordneten zum immerwährenden Verteidiger Brasiliens (Defensor perpetuo do Brázil) ernannt. Auf einer Reise durch die Provinz São Paulo verkündete Dom Pedro 7. Sept. 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens. Eine Konstituierende Versammlung entwarf ein auf dem Grundsatz der Volksvertretung beruhendes Staatsgrundgesetz und erklärte 12. Okt. den Regenten als Pedro I. zum konstitutionellen Kaiser von B.; am 1. Dez. wurde derselbe gekrönt. Als die noch im Land befindlichen portugiesischen Truppen sich dagegen auflehnten, wurden sie vorzüglich mit Hilfe des englischen Admirals Cochrane, der in brasilische Dienste getreten war, geschlagen und aus dem Land gebracht.

Am 3. Mai 1823 eröffnete der Kaiser die ersten konstituierenden Cortes Brasiliens mit einer begeisternden Thronrede. In den mit großer Leidenschaft geführten Verhandlungen über die Antwort aus die Thronrede stießen die beiden feindlichen Parteien, die Monarchisten oder Unitarier und die Republikaner, hart aneinander. Als die republikanischen Blätter die Absetzung aller in brasilischen Diensten stehenden Portugiesen verlangten und die Regierung Anstand nahm, Folge zu leisten, vielmehr die ihr vorgelegte neue ultraliberale Konstitution zurückwies, kam es 10. Nov. zu einem Aufstand in Rio de Janeiro, worauf der Kaiser die Cortes, die sich 12. Nov. für permanent erklärt hatten, auflöste. Der vom Kaiser vorgelegte Verfassungsentwurf wurde von einer aufs neue berufenen Nationalversammlung 9. Jan. 1824 angenommen und als "brasilische Konstitution" beschworen. Obgleich derselbe sehr demokratisch war und den Deputierten eine ungewöhnliche Macht einräumte, die des Kaisers dagegen zu einem Schatten herabdrückte, brach doch in der Provinz Pernambuco ein republikanischer Aufstand aus, der erst gedämpft wurde, als der englische Admiral Cochrane und General Lima die Stadt Pernambuco 17. Sept. mit Sturm eroberten. Nach langen Unterhandlungen in London und Lissabon ward vom König von Portugal 15. Nov. 1825 die Unabhängigkeit Brasiliens vom Mutterland und Dom Pedros Souveränität anerkannt und damit das freundliche Verhältnis zu Portugal hergestellt. Dagegen brach in demselben Jahr ein Krieg aus gegen die Argentinische Republik, welche die Banda Oriental für sich in Anspruch nahm; dieser Krieg brachte B. wenig Ruhm und endigte damit, daß 28. Aug. 1828 die Banda Oriental mit Montevideo aufgegeben und als selbständige Republik (Uruguay) anerkannt werden mußte. Neue Schwierigkeiten erhoben sich, als nach dem Tod Johanns VI. (10. März 1826) der Kaiser Dom Pedro auf die ihm zugefallene portugiesische Krone zu gunsten seiner Tochter Maria da Gloria verzichtete und 31. Dez. 1828 die Rechte derselben gegen ihren abtrünnigen Gemahl Dom Miguel von Portugal mit den Waffen behaupten zu wollen erklärte, wozu er die Beihilfe der Cortes verlangte. Die Brasilier, welche ohnedies sich stets den Portugiesen gegenüber zurückgesetzt glaubten, sahen hierin eine mißbräuchliche Verwendung der Mittel des Landes für dynastische Interessen, wozu noch kam, daß die Truppen wegen mangelnden Soldes Meutereien erregten. Die Vorschläge des Kaisers wurden daher wiederholt von den Cortes zurückgewiesen. Nachdem mehrmalige Ministerwechsel zu nichts geführt und auch das Militär unter dem Kommandanten Francisco de Lima abgefallen war, blieb dem Kaiser nichts übrig, als 7. April 1831 zu gunsten seines sechsjährigen Sohns Dom Pedro de Alcantara abzudanken. Durch einen Erlaß vom 6. April ernannte er José Bonifacio d'Andrada zum Erzieher des Prinzen und schiffte sich am 13. nach Europa ein.

Der neue Kaiser, Pedro II., stand unter einer von den Kammern ernannten Regentschaft in Rio de Janeiro. Indessen dauerte der Kampf der Parteien der Monarchisten oder Unitarier (Caramuros), der Republikaner (Faroupilhas) und der Föderalisten fort. Mit Mühe gelang es der Regentschaft, die Aufstände zu Bahia, Pernambuco, Rio de Ja-^[folgende Seite]