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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Byron

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Byron.

nach einem längern Aufenthalt in Athen im Juli 1811 ins Vaterland zurück. Hier erschienen im folgenden Jahr die beiden ersten Gesänge seines "Childe Harold", die ihn sofort als einen der glänzendsten Dichtersterne erscheinen ließen und zum Abgott der fashionabeln Welt Englands machten. Diesen Ruhm steigerte eine Reihe von Dichtungen, die zum Teil noch Früchte der Reise waren: "The Giaur"; "The bride of Abydos" (1813); "The Corsair"; "Lara" (1814); "The siege of Corinth"; "Parisina" (1815) u. a. Auch die berühmte "Ode to Napoleon Buonaparte" und die vortrefflichen "Hebrew melodies" (alten Nationalmelodien angepaßt) entstanden um diese Zeit. Seine 2. Jan. 1815 mit Anna Isabella Milbanke, der einzigen Tochter des reichen Baronets Sir Ralph Milbanke, geschlossene Ehe war bei der großen Verschiedenheit ihrer Naturen nicht glücklich und wurde auch durch die Geburt einer Tochter, Ada, nicht befestigt, so daß es bald zu förmlicher Scheidung kam. Die Folge davon war, daß die öffentliche Meinung mit größter Entrüstung sich gegen B. wandte. (Über die sogen. Enthüllungen, welche Mrs. Beecher-Stowe 1869 über diese Trennung angeblich aus dem Munde der Lady B. veröffentlichte, s. unten.) B. verließ daher (25. April 1816) zum zweitenmal England mit der Absicht, es nie wiederzusehen. Er zog durch Belgien und den Rhein entlang in die Schweiz und ließ sich im Juni 1816 an den Ufern des Genfer Sees in der Villa Diodati nieder, wo der Verkehr mit dem Dichter Shelley und dessen Gattin begann. Von hier aus machte er während des Sommers und Herbstes Reisen in die Gebirgsgegenden, wobei ihn meist nur Shelley begleitete. Die poetischen Arbeiten, welche er, wiederum als Früchte seiner Reisen, am Genfer See vollendete, gehören zum Teil zu dem Besten, was seinem Dichtergeist entsprang; wir nennen nur den dritten Gesang von "Childe Harold" (1816), das dramatische Gedicht "Manfred" (1817) sowie die beiden kleinern Gedichte: "The prisoner of Chillon" (1816) und die "Monody of Sheridan". Nachdem er eine geraume Zeit (bis gegen Ende 1819) in Venedig verweilt hatte, von wo er auch einen Ausflug nach Rom machte, zog ihn die Liebe zur schönen Gräfin Teresa Guiccioli (gestorben als Marquise de Boissy im März 1873 in Florenz) nach Ravenna, wo er im Umgang mit ihr und ihrer Familie, den Grafen Gamba, ungefähr ein Jahr verlebte, das er selbst seine glücklichste Zeit nennt. Von den poetischen Arbeiten, welche Byrons Aufenthalt in Venedig ihre Entstehung verdanken, sind die wichtigsten: der vierte Gesang des "Childe Harold", der mit dem dritten das vollendete Werk zu dem gedankenreichsten des Dichters macht; "The lament of Tasso"; das reizende Gedicht "Beppo" (1817); die "Ode on Venice" und "Mazeppa" (1818); auch der Entwurf und die ersten Gesänge des "Don Juan", seines genialsten Werkes, fallen in jene Zeit. In Ravenna zogen ihn die Grafen Gamba und andre italienische Freisinnige in die revolutionäre Bewegung, die damals durch ganz Italien die Patrioten zusammenführte. Anfangs hatte der alte Graf Guiccioli nichts dagegen gehabt, daß seine junge Frau sich der Vorrechte bediente, welche ihr die Sitten des Landes gaben; endlich aber machte er Einwendungen und brachte die Sache sogar vor den Papst, welcher die Trennung der Gräfin von ihrem Gemahl gestattete unter der Bedingung, daß sie unter ihres Vaters Dach leben sollte. Zuletzt aber fand sich B. bewogen, sie aus Ravenna zu entfernen, da er ein Komplott, sie auf Lebenszeit in ein Kloster zu sperren, entdeckt hatte. Dies und das unglückliche Ende der italienischen Revolution, das auch über die Gamba die Proskription verhängte, bewog B., im Herbst 1821 sich nach Pisa zu begeben, wo die beiden Gamba und die Gräfin bereits ihre Wohnung aufgeschlagen hatten. Noch in Ravenna waren entstanden die "Prophecy of Dante", die Dramen: "Marino Falieri", "The two Foscari", "Sardanapalus" und "Cain" und einige weitere Gesänge des "Don Juan". In Pisa beschränkte sich Byrons täglicher Umgang auf die Familie Gamba, den Dichter Shelley und Leigh Hunt, mit dem er das Journal "The Liberal" herausgab. Aber auch hier sollte er sich des Glücks häuslicher Ruhe nicht lange erfreuen. Reibereien mit der Polizei hatten zur Folge, daß er noch im Sommer 1822 die Stadt verließ und mit den Gamba nach Genua übersiedelte. Zuvor vollzog er noch eine Freundespflicht, indem er den Leichnam des im Juli 1822 auf einer Spazierfahrt zwischen Livorno und Lerici ertrunkenen Shelley auf einem Holzstoß verbrennen ließ und seine Asche in einer antiken Urne nach Rom schickte, um sie neben der Pyramide des Cestius beisetzen zu lassen. Seinem Aufenhalt in Genua (vom Herbst 1822 bis zum Sommer 1823) verdanken das Mysterium "Heaven and earth", das prächtige Gedicht "The Island", das Goethe gewidmete Drama "Werner", die mißlungene Faustnachahmung "The deformed transformed" und die Fortsetzung des "Don Juan" bis zum 16. Gesang ihre Entstehung. Begeistert für den Freiheitskampf der Hellenen, beschloß B. endlich, seine Kräfte ihrer Sache zu widmen, und bestieg Ende Juli 1823 zu Livorno das englische Schiff Herkules, welches ihn und mehrere Freunde (darunter den jungen Grafen Gamba) nach Kephalonia führte. Außer vielen Waffen brachte B. einen bedeutenden Vorrat von Medikamenten und chirurgischen Utensilien mit; seine Kasse enthielt 10,000 span. Thlr. bar und etwa 40,000 Thlr. in Wechseln. Seine Ankunft in Griechenland ward mit Jubel begrüßt, doch ließ er sich in keinerlei Verpflichtungen gegen irgend eine Partei ein, sondern knüpfte unmittelbar mit der Regierung Verhandlungen an. Um vor allem das schwer bedrohte Missolunghi zu retten, rüstete er zwei ionische Schiffe aus und kam 5. Jan. 1824 im Hafen von Missolunghi an, wo er als Retter aus tiefster Not begrüßt wurde. Für den Abschluß der englischen Anleihe, für die Konstituierung der Gesellschaft der englischen Philhellenen war er rastlos thätig; die Härte der türkischen wie der griechischen Kriegführung suchte er durch Beispiele von Mäßigung und Großmut zu mildern und, wenn auch mit geringem Erfolg, die Zwistigkeiten zu beseitigen, welche die Häupter der Griechen trennten und ihre Kraft zersplitterten. Die eifrigste Sorge aber widmete er kriegerischen Plänen. Er hatte vom 1. Jan. 1824 an eine Schar von 500 Sulioten in Sold genommen, an deren Spitze er das Schloß von Lepanto, die einzige Festung des westlichen Griechenland, welche noch in der Gewalt der Türken war, zu erobern gedachte; 2500 Griechen und eine Batterie der englischen Philhellenen sollten das Unternehmen unterstützen. Inzwischen vergeudeten die griechischen Streiter die Zeit mit unnützen Streitigkeiten, und sogar in Missolunghi und unter Byrons Brigade brachen Uneinigkeiten und Meutereien aus, die des Dichters reizbares Gemüt mehr angriffen, als sein Körper ertragen konnte. Er bekam zu wiederholten Malen konvulsivische Anfälle und wurde durch die ärztlichen Mittel nur noch mehr geschwächt. Kaum so weit hergestellt, daß er seine gewohnten Spazierritte wieder unternehmen konnte, zog er sich auf einem derselben