Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Corsica

294

Corsica (Geschichte).

mern, Sarazenen, Italienern u. a. gemischt. Doch zeigt ihr Volkscharakter überall große Übereinstimmung. Sie haben Zeugnisse von ihrer Vaterlandsliebe, ihrer Tapferkeit und Todesverachtung wie von ihrer Treue in Menge aufzuweisen, ebenso aber auch von ihrer Rachsucht, tollem Ehrgeiz und Eifersucht. Die furchtbare Vendetta (Blutrache), die noch heute unter gemilderten Sitten und strengen Gesetzen nicht völlig erloschen ist, wütete namentlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts derartig, daß man die Zahl ihrer Opfer jährlich auf 1000 schätzte. Ganze Dorfschaften standen in Fehde gegeneinander, von Generation zu Generation, die Häuser waren Festungen, und nur die Frauen, durch die Sitte unantastbar, wagten sich ins Freie. Die Verfassung der Corsen, an der sie auch unter Genuas Herrschaft festhielten, war eine patriarchalisch-republikanische. An materieller ebenso wie an geistiger Bildung stehen die Corsen noch tief; die Häuser der Landbewohner sind sehr einfach, meist nur vier Wände und ein Dach; der Frau liegt alle Arbeit ob; die Bedürfnisse sind gering, die Sitten einfach, aber rein. Das Corsische ist ein verderbtes Italienisch. Die Sprache des Volkes ist reich an Bildern, Poesie wird eifrig gepflegt, Improvisationstalent ist nicht selten; tief poetische Volkslieder sind in aller Mund, namentlich die Voceri, die Totenklagen, spielten in der Vendetta eine große Rolle. Die Volksbildung ist noch sehr mangelhaft. Es gibt ein Lyceum, 4 Kommunalcollèges, eine freie Sekundärschule und 530 Primärschulen.

Die Bodenkultur steht noch auf sehr tiefer Stufe der Entwickelung, noch nicht die Hälfte des Bodens ist angebaut und auch dies nur mit Hilfe von italienischen Arbeitern, die aus der Provinz Lucca, bis zu 10,000, zur Aussaat und Ernte herüberkommen. Weizen wird hinreichend gebaut, daneben Gerste und Mais, auch Roggen, dann Flachs und Hanf. Bedeutend ist auch die Oliven- und die Weinkultur, wenn auch beide noch sehr nachlässig betrieben werden; letztere liefert einen Ertrag von etwa 300,000 hl. Nach dem offiziellen Kataster beträgt die dem Ackerland gewidmete Fläche 153,640 Hektar, das Weinland 15,000 Hektar, das Heide- und Weideland 247,615 Hektar. Die Viehzucht steht ebenfalls noch sehr tief, am zahlreichsten sind Schafe (250,000) und Ziegen (186,000); die Zahl der kleinen, aber kräftigen und gewandten corsischen Pferde wie die der Maultiere ist gering, am niedrigsten steht die Rinderzucht. Sehr reich an Fischen sind die Lagunen der Ostseite, namentlich an trefflichen Aalen; auch Sardellen- und Thunfischerei, dann Korallenfischerei wird an der Küste getrieben. Die Mineralschätze Corsicas scheinen weniger bedeutend zu sein als die Sardiniens, wenn auch Edelmetalle vorkommen; es wird jetzt Bergbau auf silberhaltige Blei- und auf Kupfererze sowie auf Eisenerze getrieben, die in Bastia und Porto Vecchio etwas Eisenindustrie ins Leben gerufen haben. Ausgezeichnet ist das Steinmaterial, insbesondere: Granit, Porphyr, Jaspis, Serpentin, Marmor und Alabaster. Von den zahlreichen Mineralquellen ist nur die außerordentlich kohlensäurehaltige von Orezza von nicht ganz örtlicher Bedeutung. Die Industrie ist wenig entwickelt und liefert nur Gegenstände des einheimischen Bedarfs. Aus der schwarzen Wolle des Landes werden grobe Tücher für die Gebirgsbewohner verfertigt. Guagno liefert irdene Pfeifen und Monagia ein leichtes Töpfergeschirr, dessen Thon Asbest beigemischt wird. Außerdem bestehen mehrere Seifensiedereien, Öl- und Mahlmühlen, Teigwarenfabriken, Käsereien und Gerbereien. Für Kommunikationsmittel ist im Innern nur wenig gesorgt. Der Handel findet vorzugsweise mit Frankreich über Marseille statt und ist in jüngster Zeit außerordentlich gestiegen, 1875-83 von 46 auf 62,6 Mill. Frank; 1883 betrug die Ausfuhr (Wein, Holz, Gerberrinde, Olivenöl, Kastanien, Südfrüchte, eingelegte Früchte, Honig und Wachs, eingesalzene Fische und Häute) 13,284,071 Fr., davon 9,282,261 nach Frankreich, die Einfuhr (Wein und Weingeist, Kartoffeln, Möbel, Holzwaren, gegerbte Häute, Maschinen, Papier) 49,346,371 Fr., davon 41,534,137 aus Frankreich. Die Haupthäfen sind Bastia, Ajaccio und Calvi. Die Handelsflotte der Insel bestand 1882 aus 240 Schiffen mit 5428 Ton. Gehalt. Der Besitz der Insel C. ist für Frankreich insofern wichtig, als diese die Häfen der Provence und Italiens beherrscht. C. gehört (nach der neuen Militärorganisation von 1873) zum 15. Armeekorps (Marseille), ferner zur 5. Seepräfektur (Toulon) und zerfällt in die 5 Arrondissements von Ajaccio, Bastia, Calvi, Corte und Sartène, die wieder in 62 Kantone geteilt sind. Hauptstadt ist Ajaccio (s. d.), in neuerer Zeit als klimatischer Kurort in Aufnahme gekommen. Der corsische Appellhof ist in Bastia, das Bistum in Ajaccio.

[Geschichte.] C. wurde seit der ältesten Zeit von dem ligurischen Volksstamm der Corsen bewohnt. 560 v. Chr. gründeten die Phokäer daselbst die Stadt Alalia (Aleria), wurden aber 544 von den vereinigten Karthagern und Etruskern vertrieben, welch letztere nun die Insel besetzten. Als auch deren Seemacht allmählich sank, bemächtigten sich die Karthager der Handelsplätze an Corsicas Küsten. Nach dem ersten Punischen Krieg (238) entrissen die Römer den Karthagern die Insel und unterwarfen sie völlig 231, doch benutzten sie dieselbe nur zu Zwischenstationen für ihre Seefahrten und als Verbannungsort. Wiederholte Aufstände gegen die römischen Statthalter wurden durch blutige Kämpfe unterdrückt, worauf Marius die Kolonie Mariana an der Ostküste gründete, dann Sulla Aleria wiederherstellte. C. stand unter dem Prätor von Sardinien, bis es durch die Diokletianische Reichseinteilung eine eigne Provinz wurde. Unter der Regierung der Kaiser soll C. 33 ummauerte, zum Teil durch Handel reiche Städte gezählt haben. Übrigens standen die Corsen wegen ihres Charakters im übelsten Ruf, und die Verbannung nach C., die z. B. Seneca traf, galt für eine der härtesten Strafen. 470 n. Chr. ward die Insel eine Beute der Vandalen, seit 533 abwechselnd der griechischen Kaiser und der eindringenden Goten und Langobarden. 713 erschienen die ersten Sarazenenschwärme auf der Insel; 754 bemächtigten sich die Franken derselben. Ludwig der Fromme gab sie 833 dem toscanischen Markgrafen Bonifacius zu Lehen, der Bonifacio erbaute. Nach dem Tode des letzten Markgrafen, Lambert (951), herrschten Berengar und Adalbert von Friaul über die Insel, worauf sie Kaiser Otto II. an den Markgrafen Hugo von Toscana gab. Die Macht über die Insel lag übrigens faktisch in der Hand mehrerer kleiner Dynasten; 1002 erhoben sich die Corsen gegen deren Bedrückung und traten zu einer freien Gemeinde zusammen, die eine Art Repräsentativerfassung mit einem Caporale an der Spitze und einem Gesetzgebenden Rat von zwölf Männern gründete. Aber bald erhielten jene wieder die Oberhand, worauf sich das Volk unter den Schutz des toscanischen Markgrafen Malaspina stellte. Seit 1077 erkannten die Corsen den Papst Gregor VII. als ihren Oberherrn an; Urban II. stellte die Insel 1098 als ein

^[Artikel, die unter C vermißt werden, sind unter K oder Z nachzuschlagen.]