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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Darwinismus

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Darwinismus (Anpassung, Vererbungsfähigkeit, "Kampf ums Dasein").

derungen ist wahrscheinlich in äußern Einwirkungen zu suchen, auf welche jeder Organismus in bestimmter, eigentümlicher Weise reagiert, wie dies schon Etienne Geoffroy de Saint-Hilaire in seinen Darlegungen über den Einfluß des äußern Mittels behauptet hatte. Nur in den seltensten Fällen kann man begreiflich den bedingenden Faktor der Umwandlung und noch seltener die Art seiner Wirkung feststellen, aber einige Beispiele beweisen die Wirksamkeit dieser äußern Einflüsse hinlänglich. So ändern bestimmte Tiere infolge einer abweichenden Nahrung die Farbe, wie z. B. Kanarienvögel durch fortgesetzte Beimischung von spanischem Pfeffer zu ihrer Nahrung eine tief orangerote Färbung annehmen. Anderseits kann man bei gewissen Blattkrebsen bestimmte Formverwandlungen beliebig hervorrufen, indem man den Salzgehalt des Wassers, in welchem sie leben, vermehrt oder vermindert. Einen direkten abändernden Einfluß der Temperatur zeigen gewisse Schmetterlinge, die einen sogen. Saisondimorphismus darbieten, bei denen nämlich aus überwinterten Puppen Schmetterlinge hervorgehen, die durch Färbung und Flügelschnitt von der Sommerbrut sehr verschieden sind. Aber die Winterform kann künstlich im Sommer erzielt werden, wenn die Puppen der Sommerbrut in einen Eiskeller gebracht werden, und dieses Beispiel ist besonders lehrreich, weil es die nachwirkenden Einflüsse der äußern Bedingungen auf alle Lebensperioden erweist. Alle derartigen Änderungen sind in der Regel nicht auf ein Organ oder Organsystem beschränkt, vielmehr sind gewisse Änderungen immer mit solchen in andern Organen verknüpft, wie die Farbe der Haare und der Augen oder die Geweihbildung mit dem Fehlen aller obern Zähne oder der Schneidezähne. Man nennt dieses noch vielfach dunkle Verhalten das Gesetz von den Wechselbeziehungen oder der Korrelation der Organe. Einer der wichtigsten Faktoren ist die schon von Lamarck betonte Wirkung des Gebrauchs und Nichtgebrauchs von Körperteilen (funktionelle Anpassung). Jedermann erinnert sich der kräftigen Arme des Arbeiters, der starken Beine der Tänzer und Fußwanderer. Auf der andern Seite schwinden Organe, die außer Gebrauch gesetzt werden, alsbald dahin, so die Augen der beständig im Finstern lebenden Tiere, die Füße der festwachsenden und die meisten äußern Organe der Schmarotzertiere. Es sind dies Fälle von einer sogen. direkten Anpassung an neue Lebensbedingungen, insofern hier die Variation unmittelbar das Zweckmäßige bewirkt, nämlich Stärkung durch fortgesetzten Gebrauch und Schwund bei aufgehobenem. Am stärksten werden solche äußere umwandelnde Umstände einwirken, wenn ein Organismus in eine völlig neue Umgebung mit sehr veränderten Lebensverhältnissen gebracht wird, z. B. in ein fernes Land. Wir können diesen Einfluß täglich an Europäern studieren, wenn sie nur ein Menschenalter in Nordamerika zugebracht haben, und offenbar wird der verändernde Einfluß der Auswanderung in ferne Länder (Migration) bei Tieren und Pflanzen noch viel größer sein als beim Menschen, der sich vielen Natureinflüssen entzieht. Daher hat auch Moritz Wagner im Gegensatz zur Darwinschen Theorie eine besondere Migrations- oder Separationstheorie aufgestellt, welche die Mannigfaltigkeit der Tier- und Pflanzenwelt aus der räumlichen Trennung der Varietäten oder aus einer direkten Anpassung an überall verschiedene Lebensbedingungen erklären will, so daß jedes Wesen seinen besondern Schöpfungs- oder besser Entstehungsmittelpunkt habe. Das letztere mag richtig sein, aber jedenfalls genügt diese Theorie nicht, um die sogen. Anpassung (s. d.), d. h. die zweckmäßige Ausrüstung der Lebewesen für die neuen Lebensbedingungen, zu erklären. Man kann vernunftgemäß weder annehmen, daß die Kälte der Polarzone weiß gefärbte und dickpelzige Tiere direkt erzeugt habe, noch daß solche Tiere etwa, weil sie aus andern Gründen eine weiße Farbe und einen dicken Pelz erhalten haben, nach der Polarzone ausgewandert wären; die Migration ist eben, wie so viele andre mitwirkende Faktoren, nur eine kompliziertere Veränderungsursache und kann die Befestigung der Variation zuweilen dadurch befördern, daß sie auswandernde abgeänderte Individuen strenger isoliert und dadurch die geschlechtliche Vermischung mit den unverändert gebliebenen Individuen hindert.

Das zweite Hauptprinzip des D. beruht in der Vererbungsfähigkeit der neuerworbenen Eigentümlichkeiten, welche ebenfalls durch zahllose Beobachtungen bestätigt wird und sich zuweilen bis auf willkürlich erzeugte Verstümmelungen erstreckt. Nicht nur finden wir in der Natur konstante Lokalformen von Pflanzen und Tieren, welche diese Vererbungsfähigkeit bestätigen, sondern auch die gesamte Praxis der Züchter beruht auf der genauen Kenntnis und richtigen Anwendung gewisser Gesetze der Erblichkeit (s. d.). Das wichtigste derselben ist, daß eine neuentstandene Variation am sichersten und gewöhnlich sogar befestigt und gesteigert wieder auftreten wird, wenn zwei nach derselben Richtung variierende Individuen miteinander gepaart werden (Inzucht). Anderseits werden Abänderungen wieder verschwinden, wenn durch die Paarung mit unveränderten Individuen die Vererbungskraft der neuerworbenen Eigenschaften durch die stärkere Vererbungstendenz der ältern Eigenschaften überwogen und geschwächt wird. Isolierung wird deshalb die Erhaltung neuer Variationen befördern, ungehinderte Kreuzung, sofern sie den Rückschlag zur Stammform begünstigt (s. Atavismus), sie hindern.

Variabilität und Erblichkeit sind als Thatsachen der Erfahrung nicht zu bestreiten, aber aus ihrem Zusammenwirken ist man noch nicht im stande, die Thatsache der vollendeten Anpassung der neuen Arten an neue Lebensverhältnisse, die Zweckmäßigkeit und gesteigerte Vollkommenheit der Organisation, die uns in der Stufenleiter der Wesen entgegentritt, zu erklären, mögen wir nun bloß die heute lebenden oder auch die ausgestorbenen ins Auge fassen. Von den wunderbaren Erfolgen der künstlichen Züchtung überrascht, fragte sich Darwin, ob nicht auch in der freien Natur ein Verhältnis sich finden möge, welches im stande wäre, eine der auswählenden Thätigkeit des Züchters entsprechende Wirkung zu äußern, indem es die Entstehung bestimmter Varietäten begünstigte. Durch das Studium eines Buches des Nationalökonomen Malthus über die Mißverhältnisse, welche in der menschlichen Gesellschaft durch die starke Bevölkerungszunahme im Gegensatz zu der beschränkten Anzahl der Nährstellen entstehen, wurde Darwin zu der Erkenntnis geführt, daß ein ähnlicher Kampf ums Dasein (struggle for life), wie ihn Malthus unter den Menschen schildert, in sogar noch erhöhtem Maßstab unter den Tieren und Pflanzen wegen ihrer zum Teil ungeheuern Vermehrungsfähigkeit entbrennen und die Folge haben müßte, daß nur die den obwaltenden Lebensverhältnissen am besten entsprechenden Varietäten erhalten werden. Dies Prinzip der sogen. natürlichen Auslese oder natürlichen