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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Denkbrote; Denken

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Denkbrote - Denken.

vermag keiner den andern zu überweisen, weil jedem das logische Denken des andern für unlogisch gilt. Von diesen dagegen ist anzunehmen, da sie dieselben Beweisgesetze anerkennen, daß der Vorzug einer gewissen Denkungsart vor allen übrigen dereinst für sie sämtlich einleuchtend gemacht werden kann. Die Verschiedenheit der Denkarten erstreckt ihren Einfluß über das ganze, jene der Denkungsarten dagegen nur über ein besonderes Gedankengebiet; erstere hat in ihrem Gefolge entgegengesetzte Weltanschauungen, diese dagegen nur entgegengesetzte Auffassungen auf begrenztem, z. B. politischem, religiösem, moralischem oder ästhetischem, Gebiet. Der Grund der Verschiedenheit der letztern liegt ausschließlich in der Verschiedenheit des Stoffes, welcher dem Denker zur Verarbeitung geboten, der Grund der Verschiedenheit jener (z. B. des Platonischen und des Aristotelischen Lehrgebäudes) überdies in der Verschiedenheit der Denkgesetze, nach welchen derselbe verarbeitet wird. Die Verschiedenheit des Stoffes aber hat ihren Ursprung in der Verschiedenheit dessen, was dem Einzelnen oder einer Mehrheit von solchen (einem Stand, Volk, einer kirchlichen oder politischen Partei, einer nach Thatsachen der Erfahrung in Natur und Geschichte oder nach einem Wertmesser menschlicher Handlungen und Kunstschöpfungen forschenden Schule) als positive Thatsache (theoretische) oder als ausgemachter Wert (praktische Denkungsart, mit Recht oder Unrecht) gilt. Zu dem Mangel an Übereinstimmung über dasjenige, was als Thatsache gelten darf, tragen Umstände des Ortes und der Zeit, welche die eigne Beobachtung entweder erschweren, oder gänzlich unmöglich machen, die Zeugnisse fremder Wahrnehmung aber verdächtig erscheinen lassen, u. dgl. bei. Der Mangel an Übereinstimmung über dasjenige, was als (sittlich) gut im Wollen, als (ästhetisch) schön im Schaffen angesehen werden solle, wird gleichfalls durch äußere Umstände, durch die (nach Stand, Land, Zeitalter) abweichende Erziehung, Unterricht, Umgang, Beispiel u. dgl., verursacht. In Bezug auf das, was als Thatsache oder als ausgemachter Wert von jedermann anerkannt werden müsse, läßt sich eine gläubige (leicht) und eine skeptische (schwer zu befriedigende), in Bezug auf den Kreis derjenigen, innerhalb deren Übereinstimmung der Denkungsart herrscht, eine vereinzelte, eine partikuläre (d. h. einem Stand, Volk, Zeitalter, einer bestimmten politischen oder kirchlichen Partei, einer wissenschaftlichen Schule oder allgemeinen Bildungsstufe eigne) und eine universale (d. h. für jedermann, zu jeder Zeit und an jedem Ort gültige) Denkungsart unterscheiden. Der Träger der ersten erscheint als Sonderling, jener der zweiten als Repräsentant jener Mehrheit (jenes Standes, Volkes, jener Partei etc.), deren Denkungsart er zu der seinen gemacht hat, jener der dritten als Stimme der unpersönlichen (theoretischen oder praktischen) Vernunftidee. Alle drei können als theoretische Denkungsart in der Form sowohl des geschulten (als Gedankensystem) wie des ungeschulten Denkens (als Volks- und Spruchweisheit), als praktische in der Form sowohl des von der Einsicht beherrschten bewußten (als Charakter) wie des unbewußten Wollens (als Naturell) auftreten. Die Denkungsart eines Standes, Volkes, Zeitalters etc. macht dasjenige aus, was man den Standes-, Volks-, Zeitgeist etc. nennt.

Denkbrote, s. Schaubrote.

Denken, im allgemeinen (formalen) Sinn jedes Vorstellen, das im Gegensatz zum Einzelvorstellen (Empfinden und Anschauen) Mannigfaltiges in Eins zusammenfaßt; im engern (materialen) Sinn aber jedes Vorstellen, das mit dem Anspruch auf Geltung auftritt, ohne sich zur Rechtfertigung desselben auf die unmittelbare Anschauung des Gedachten, sei es durch den äußern oder einen innern Sinn, zu stützen. In jenem Sinn legt man auch dem Kind und Narren ein D. bei; in diesem wird gesagt, daß der Empiriker, der sich auf das Zeugnis des äußern, wie der Mystiker auf jenes eines (angeblichen) innern Sinnes beruft, nicht denke, sondern anschaue. Das D. ist keine ursprüngliche (wie das Empfinden und Anschauen durch den äußern oder einen innern Sinn), sondern eine abgeleitete Thätigkeit und setzt ein entweder (sensualistisch) durch den äußern oder (intuitiv) durch einen innern Sinn dargebotenes Material, die unverbundenen Einzelvorstellungen (Empfindungen und Anschauungen), voraus. Mit Rücksicht auf diese, welche gleichsam die Bausteine darstellen, aus welchen das D. seinen Bau aufführt, kann es auch als die höhere Thätigkeit angesehen werden. Die Zusammenfassung selbst zeigt verschiedene Form, je nachdem das Zusammengefaßte verschieden ist. Besteht das letztere aus Einzelvorstellungen (Empfindungen und Anschauungen), so heißt das Zusammenfassen derselben Begreifen, die Zusammenfassung selbst Begriff; sind die in Eins zusammenzufassenden Vorstellungen dagegen selbst schon Begriffe, so heißt deren Zusammenfassen, wenn es unmittelbar, d. h. ohne Hilfe von Zwischenbegriffen, erfolgt, Urteilen, die Zusammenfassung selbst ein Urteil, wenn es mittelbar erfolgt, d. h. durch Zwischenbegriffe, Schließen und die Zusammenfassung selbst ein Schluß. Begreifen, Urteilen und Schließen sind die Formen, in welchen jedes D. sich vollzieht, und die daher Denkformen heißen. In Bezug auf die Art, wie die Zusammenfassung vor sich geht, läßt sich willkürliches und notwendiges (besser gesagt: willenloses) D. unterscheiden. Ersteres, bei welchem die Verknüpfung des Mannigfaltigen weder infolge äußern Zwanges noch innerer Nötigung, sondern nach der gesetzlosen Laune des Verknüpfenden erfolgt, wird gewöhnlich nicht D., sondern Dichten genannt, hat aber doch mit jenem die Denkformen gemein. Dasselbe bringt seiner phantastischen, weder durch den Gang der Natur noch den Zwang des Denkinhalts geregelten Freiheit gemäß eine durchaus willkürliche, märchenhafte Gedankenwelt hervor, in welcher das dem Ort und der Zeit nach Entlegenste aneinander gerückt, das dem Sinne nach Unverträglichste zusammen gedacht wird, und die sowohl mit der Erfahrung als mit der Vernunft im Widerspruch stehen kann. Das notwendige (willenlose) D. aber ist entweder ein durch die Gewalt der Naturgesetze des (psychischen) Vorstellens auf- oder durch die Macht der Normalgesetze des (logischen) Denkens abgenötigtes. Ersteres bewirkt, daß gleichzeitig oder nacheinander Gegebenes (es sei seinem Inhalt nach verträglich oder nicht) zusammen gedacht werden muß; letzteres befiehlt, daß seinem Inhalt nach Unverträgliches (auch wenn es gegeben ist) nicht zusammen gedacht werden darf. Jenes wird empirisches, dieses logisches D., letzteres auch wohl im strengen Sinn des Wortes allein wirkliches D. genannt. Die Eigentümlichkeit des erstern besteht darin, daß die Zusammenfassung des gleichzeitig oder nacheinander Gegebenen in Eins (der empirische Begriff) zwar unvermeidlich, aber, wenn die zusammengefaßten Merkmale einen Widerspruch einschließen, vom logischen Standpunkt aus doch unerlaubt sein kann. Tritt dieser Fall ein (wie es bei gewissen Erfahrungsbegriffen, z. B. dem Begriff des Dinges mit