Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Derwisch Pascha

697

Derwisch - Derwisch Pascha.

Propheten erschien nach der mosleminischen Sage der Erzengel Gabriel dem Oweis aus Karn in Jemen und befahl ihm in Allahs Namen, der Welt zu entsagen und ein Leben der Betrachtung und Buße zu führen. Zu Ehren des Propheten, welcher am Tag der Schlacht bei Ohod zwei Zähne verloren hatte, ließ sich Oweis alle ausreißen und forderte von seinen Jüngern dasselbe Opfer. Mit mildern Ordensregeln traten die Scheichs (d. h. Alte, die Stifter, Vorgesetzten und Obern der Mönchsorden) Olwan (gest. 766), Ibrahim Edhem (gest. 777), Bajesid von Bestam (gest. 874) und Sirri Sakati (gest. 907), die Stifter der Orden Olwani, Edhemi, Bestami und Sakati, in seine Fußstapfen. Berühmter ist der Scheich Abd ul Kadir Gilani, der Stifter der Kadiri (1165), welcher zu Bagdad die Stelle des Grabhüters des großen Imams Abu Hanife bekleidete, und um dessen eignes Grab sich zu Bagdad die Gräber der berühmtesten mystischen Scheichs gruppieren, so daß die Stadt davon den Ehrennamen des Bollwerks der Heiligen erhalten hat. Der Orden der Rufai (gestiftet 1182 von Seid Ahmed Rufai) ist den europäischen Reisenden von Konstantinopel aus der bekannteste durch die Kunststücke des Säbelverschlingens, Feuerfressens und andre Gaukeleien. Sie führen den Ursprung ihrer Ordensgeheimnisse bis zu dem Inder Baba Reten zurück, welcher vor und nach dem Propheten ein halbes Jahrtausend gelebt, sich in Syrien und dann in den Alpen des Taurus aufgehalten und den Gebrauch jenes aus Haschisch verfertigten Opiats zuerst aus Indien gebracht haben soll, nach welchem die Meuchler des Alten vom Berge Haschischin (von den Europäern in Assassinen verderbt) genannt wurden. Zunächst nach den feuerfressenden Rufai kommen der Zeitfolge nach die Jünger des Scheichs Schehabeddin Sohrawerdi (gest. 1205), welche Nurbachschi, "die Lichtschenkenden", heißen. Aus diesem Orden sind später Dschelaleddin Rumi, der Stifter der Mewlewi (gestiftet 1273), der Dichter der Lichtlehre, und Hadschi Beiram (gest. 1471), der Stifter der Beirami, hervorgegangen. Um dieselbe Zeit wurde in Ägypten der Orden der Bedewi gestiftet, der nur Beduinen den Zutritt gestattet. Unter allen vor der Gründung des osmanischen Reichs gestifteten Orden ist der der Mewlewi um seiner poetischen Mystik willen der angesehenste. Sein Einfluß wuchs, als Konia, der Sitz seiner Scheichs, dem osmanischen Reich einverleibt ward, hier das Studium persischer Litteratur und Dichtkunst aufblühte und mit den Fortschritten darin auch die Lichtlehre der Sofis, deren vorzüglichstes Organ Dschelaleddin Rumi war, nicht nur in der Zelle des Anachoreten, sondern auch in dem Kabinett des Staatsmanns mehr und mehr Aufnahme fand, so daß der Orden der Mewlewi als die bürgerliche Brüderschaft der Herren von der Feder, d. h. der Efendis oder Kanzleien, wie der Orden der Bektaschi, gestiftet von Hadschi Bektasch (gest. 1357), als die militärische Brüderschaft der Herren des Säbels, d. h. der Janitscharen, zu betrachten ist und deshalb nach Ausrottung dieser Prätorianer starken Verfolgungen ausgesetzt war. Zu Konia residiert noch jetzt der General (Schehabeddin) der Mewlewi in einem Kloster mit 500 Zellen und mit 500 Mönchen, von denen immer 400 auf Missionen sind. Er ernennt die Scheichs aller Klöster seines Ordens und schnallt dem neuen Sultan stets den Säbel Osmans um. Die Saadi, von Saadeddin Dschebari 1335 gestiftet, sind Gaukler, welche mit den Taschenspielerkünsten der Unverbrennbaren auch noch die der Schlangenbezauberer vereinigen. Später gestiftete Orden sind die der Ruscheni (1533), der Schemsi (1601) und der schon genannten Dschemali (1750). In der größten Blüte befindet sich heute das Ordenswesen in Zentralasien, wo die Ischane, d. h. Ordenshäupter, trotz ihres heftigen Kampfes mit der Ulemawelt sich des größten Einflusses auf die großen Massen der Moslems erfreuen. Jenseit des Oxus am meisten beliebt ist der der Nakschbendi, in der Türkei der der Mewlewis.

Im allgemeinen wohnen die Derwische vereinigt in Klöstern (Tekkije oder Chankah); einige sind auch verheiratet und dürfen dann außer dem Kloster wohnen, müssen aber wöchentlich einige Nächte im Kloster schlafen. Sie fasten, kasteien sich, üben strenge Gebräuche, führen gewisse religiöse Tänze auf, deren Hauptschwierigkeit in einem oft stundenlangen, meist aber 5-7 Minuten anhaltenden Drehen genau auf einer Stelle, erst mit auf der Brust gekreuzten, dann über den Kopf gehobenen Armen, wobei ihr weiter, gelöster Rock einen Kreis um sie bildet, besteht, worauf sie oft besinnungslos niederfallen (tanzende Derwische). Noch toller treiben es die heulenden Derwische, wozu die schon genannten Bedewi und Rufai gehören. Die Derwische tragen eine Tesbih (Rosenkranz) mit 33, 66 oder 99 Kügelchen, die sie nach Art eines Rosenkranzes abbeten. Da das Kloster ihnen keine Kleidung gewährt und sie, mit Ausnahme der Bektaschi (der eigentlichen Bettelmönche), auch nicht betteln dürfen, so müssen sie durch Handarbeit sich etwas zu verdienen suchen. Sie sind mild, wohlthätig und tolerant gegen die Christen. Ihre Kleidung besteht je nach den verschiedenen Orden in einem langen, wollenen, dunkeln Kittel, einem weiten, dunkelgrünen, bis auf die Knöchel reichenden, dünnen Rock darunter und einer hohen, zuckerhutähnlichen, spitzen Mütze (Kulah). Sie müssen aber als Abzeichen ihres Standes den Teber (Axt) zum Totschlagen der Leidenschaften, die Hirka (Mönchsmantel), den Asa (Stock) und den Keschkul (Schale) immer bei sich haben. Viele mohammedanische Fürsten, auch türkische Sultane, achteten die Derwische sehr hoch und beschenkten ihre Klöster reichlich, und noch jetzt sind sie nicht ohne politischen Einfluß. Sie sind durch das ganze türkische Reich verbreitet und stehen beim Volk in hohem Ansehen. Vgl. P. Brown, The dervishes, or oriental spiritualism (Lond. 1868); Vambéry, Sittenbilder aus dem Morgenland (Berl. 1876).

Derwisch Pascha, Ibrahim, türk. General, geb. 1817 zu Konstantinopel, erhielt seine militärische Ausbildung auf der Genieschule daselbst, besuchte 1839-42 die École des mines in Paris, ward darauf Direktor verschiedener Bergwerke in Kleinasien, dann Professor der Chemie und Physik an der Militärschule in Konstantinopel, 1849 Divisionsgeneral, 1854 türkischer Kommissar in den Donaufürstentümern, 1855 oberster Leiter sämtlicher Kriegsschulen des Reichs, 1861 Generaldirektor der Bergwerke und Forsten, 1862 Befehlshaber eines Armeekorps gegen Montenegro, dann eine Zeitlang Botschafter in Petersburg, 1875 Generalgouverneur in Bosnien und der Herzegowina, wo er die Ausbreitung des Aufstandes durch seine Schroffheit beförderte, und 1877 Befehlshaber in Batum, das er mit solcher Geschicklichkeit verteidigte, daß die Russen in acht Monaten nicht die geringsten Fortschritte machten. Nach dem Frieden mußte er Batum den Russen übergeben, ward Kommandeur des 4. Armeekorps in Erzerum und 1879 der Garde in Konstantinopel und 1880 Generalgouverneur von Makedonien. Hier unterwarf er die aufständischen Albanesen, zwang dieselben auch zur Räumung Dulcignos und bekam 1882 den Auf-^[folgende Seite]