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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1714-1740. Karl VI.).

dem mühsam sich erholenden Wohlstand Deutschlands geschlagen! Der Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen folgte die Auswanderung zahlreicher Protestanten nach Amerika, wo sie die in ihrer Heimat bedrohte Gewissensfreiheit fanden. Das ganze Rhein- und Donaugebiet hatte jahrelang unter den Greueln des Kriegs gelitten, die Unterhaltung so großer Heere ungeheure Summen verschlungen, die in dem verarmten Land nur durch den furchtbarsten Steuerdruck beschafft werden konnten.

Außer dem österreichischen Kaiserhaus hatten auch mehrere deutsche Fürstenhäuser von den politischen Verwickelungen der letzten Jahrzehnte Vorteil gezogen. Der Herzog Ernst August von Hannover erlangte 1692 für die Stellung beträchtlicher Hilfstruppen im Türken- und im Franzosenkrieg die Kurwürde; die Anerkennung dieser neunten Kur durch die übrigen Kurfürsten und das Reich erfolgte allerdings erst 1705. Immerhin machte sie den fortwährenden Teilungen ein Ende, welche das Welfenhaus an Erwerbung größern Einflusses im Reich immer wieder gehindert hatten, und 1714 bestieg dies neue Kurhaus Hannover den britischen Thron, mit dem seine deutschen Lande fortan durch Personalunion verbunden waren. 1697 erreichte es Kurfürst Friedrich August von Sachsen durch seinen Übertritt zum Katholizismus und durch großartige Bestechungen, daß er zum König von Polen gewählt wurde. Das Haus Wettin verlor damit den letzten Anspruch auf die Führerschaft der evangelischen Reichsstände, welchen es allerdings schon längst durch seine engherzige, selbstsüchtige und feige Politik verwirkt hatte. An seine Stelle trat nun Brandenburg, dessen Kurfürst Friedrich III. ebenfalls 1700 durch eifrige Unterstützung der kaiserlichen Politik eine Rangerhöhung erreicht hatte. Am 18. Jan. 1701 krönte er sich selbst zum König seines souveränen Landes Preußen. Indes wurde damit der Schwerpunkt der brandenburgischen Macht nicht in das Ausland verlegt, wie es bei den beiden andern Rangerhöhungen zum Unsegen Deutschlands geschah. Namentlich die polnische Königskrone gereichte Sachsen und auch D. zum größten Unheil, indem sie wenige Jahre nach ihrer Erwerbung D. in den Nordischen Krieg (1700-1720) verwickelte. Die Teilnahme Augusts II. an dem Angriff auf Schweden hatte zur Folge, daß Karl XII. ihn in Polen stürzte und bis in das Innere des Reichs verfolgte, wo er ihn 1706 zum Frieden von Altranstädt zwang. Allerdings führte der Schwedenkönig durch sein tollkühnes Unternehmen gegen Rußland und sein hartnäckiges Verweilen in der Türkei den Untergang der Großmachtstellung, welche Schweden im Dreißigjährigen Krieg errungen, herbei. Bremen und Verden gingen 1720 an Hannover, Vorpommern bis zur Peene mit Stettin und den Odermündungen an Preußen, die Ostseeprovinzen an Rußland verloren. Die baltische Seeherrschaft Schwedens war vernichtet, indes D. als Ganzes gewann wenig dabei. Die Verbindung zwischen Polen und Sachsen wurde wiederhergestellt, und an Schwedens Stelle trat als nordische Großmacht Rußland.

Die Bildung wirklicher Staaten auf dem Boden des Deutschen Reichs, wie der zweite preußische König, Friedrich Wilhelm I., einen schuf, und jene Verbindung andrer bedeutender Territorien mit fremden Königreichen beförderten ihre völlige Loslösung aus dem Rahmen des Reichs und den Verfall des Reichsorganismus um so mehr, da Kaiser Karl VI. auch nach dem spanischen Erbfolgekrieg bloß dynastische Politik betrieb. Nachdem der glänzende Aufschwung der kaiserlichen Armee unter der Führung eines Eugen von Savoyen sich noch einmal in einem glorreichen Türkenkrieg bewährt und Österreich im Frieden zu Passarowitz (1718) den Besitz Bosniens und Serbiens verschafft hatte, beschäftigte den Kaiser, der ohne männliche Erben blieb, einzig und allein die Sicherung der Erbfolge für seine älteste Tochter, Maria Theresia. Nachdem er die Stände der kaiserlichen Erb- und Kronlande zur Anerkennung der neuen Thronfolgeordnung, der Pragmatischen Sanktion von 1723, bewogen, begann er die Verhandlungen über die Garantie dieser Sanktion mit D. und Europa, welche seine ganze weitere Regierungszeit ausfüllten. Spanien wurde durch Abtretungen in Italien, die Seemächte durch handelspolitische Vorteile, Rußland durch Einlenken in seine politischen Bahnen gewonnen. Preußens Garantie erlangte Karl VI. durch Bestätigung von dessen Erbansprüchen auf Jülich-Berg und hielt sich derselben unter dem gut kaiserlich gesinnten und in seiner auswärtigen Politik ganz von Österreich abhängigen König Friedrich Wilhelm I. so fest versichert, daß er sich nicht scheute, 1738 Jülich-Berg der pfalz-sulzbachischen Linie zu versprechen. Die übrigen Reichsfürsten wurden ohne Schwierigkeit zur Zustimmung bewogen, da ihre Interessen weniger von der Frage berührt wurden. Nur Bayern weigerte sich, auf seine Erbansprüche zu verzichten, welche teils auf alten Verträgen, teils auf der Vermählung des Kurfürsten mit Josephs I. Tochter beruhten. Das in ähnlicher Lage befindliche Sachsen ließ sich aber zur Anerkennung herbei, als der Kaiser die Bewerbung des Kurfürsten Friedrich August III. um den polnischen Königsthron gegen den von Frankreich begünstigten Stanislaus Leszczynski unterstützte und selbst vor einem Krieg dabei nicht zurückscheute. Dieser polnische Erbfolgekrieg (1733-38, s. d.) erweiterte sich zu einem österreichisch-französischen Krieg und ward vorzugsweise in Italien und am Rhein geführt, wodurch auch das Reich in denselben verwickelt wurde. Auf Deutschlands Kosten ward auch 1738 der Wiener Friede geschlossen; gegen die Anerkennung Augusts III. als polnischen Königs und der Pragmatischen Sanktion von seiten Frankreichs ward Lothringen an Stanislaus abgetreten, nach dessen Tod (1766) es Frankreich zufallen sollte. Auch Neapel und Sizilien mußte Österreich als Sekundogenitur den spanischen Bourbonen einräumen, erhielt aber dafür Toscana für den Gemahl Maria Theresias, Herzog Franz Stephan von Lothringen. Wie sehr durch die schwächliche Friedenspolitik die militärische Kraft Österreichs gesunken war, wurde in dem neuen Kriege gegen die Türkei klar, welchen Karl VI. auf Antrieb Rußlands und im Bündnis mit diesem unternahm, und der nach mehreren blutigen Niederlagen mit dem Frieden von Belgrad (1739) endete, in welchem Österreich alle im Passarowitzer Frieden Gewonnene wieder verlor. So hinterließ Karl VI. bei seinem Tod (20. Okt. 1740), mit dem die österreichische Linie der Habsburger im Mannesstamm erlosch, Österreich militärisch und finanziell geschwächt und das Thronfolgerecht seiner Tochter Maria Theresia allein durch diplomatische Traktate gesichert, welche im 18. Jahrh. weniger Wert hatten als zu irgend einer andern Zeit.

Rivalität Österreichs unter Maria Theresia und Preußens unter Friedrich II.

In dem Jahrhundert, welches seit dem Westfälischen Frieden verflossen war, hatte der Reichskörper nicht die mindeste Kräftigung erfahren, der Verfall der überlieferten Reichsinstitutionen vielmehr bedeutende Fortschritte gemacht. In der Zeit der em-^[folgende Seite]