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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1865-1866. Bruch zwischen Österreich und Preußen).

mit neun gegen sechs Stimmen, daß dem Herzog von Augustenburg die Verwaltung des Landes übertragen werden solle.

Das Kondominat der beiden Mächte gestaltete sich immer unhaltbarer. Die beiden Zivilkommissare, der preußische, v. Zedlitz, und der österreichische, v. Halbhuber, gerieten bald in Differenzen, da dieser die augustenburgischen Agitationen und Demonstrationen begünstigte oder wenigstens duldete, der preußische darin eine Präjudizierung der preußischen Rechte erblickte. Gleichzeitig ging Preußen entschlossen vor, um seine Interessen in Schleswig-Holstein energisch zu wahren. Eine Kabinettsorder verfügte 24. März 1865 die Verlegung der preußischen Ostsee-Flottenstation von Danzig nach Kiel, und Bismarck erklärte bei der Begründung einer Kreditforderung von 6 Mill. Thlr. für die Befestigung des Kieler Hafens im Abgeordnetenhaus, das sie natürlich ablehnte, 5. April, daß Preußen im Besitz des Kieler Hafens sei und in demselben zu bleiben gedenke. Die Spannung zwischen Preußen und Österreich wurde immer schärfer. Während ersteres in Holstein einige augustenburgische Agitatoren unter nachdrücklichem Protest des österreichischen Zivilkommissars unschädlich machte, stellten 27. Juli Bayern, Sachsen und Hessen-Darmstadt am Bunde den Antrag, daß eine frei gewählte Vertretung der Herzogtümer berufen und gehört, zugleich Einleitung zur Einverleibung Schleswigs in den Bund getroffen werden solle. Stimmte Österreich diesem Antrag zu, so war der Krieg erklärt. Indes es fühlte sich noch nicht genügend vorbereitet, und so verständigten sich beide Monarchen, Franz Joseph und Wilhelm I., noch einmal in der von Bismarck mit Graf Blome abgeschlossenen Konvention von Gastein (14. Aug. 1865) dahin, daß, vorbehaltlich der gemeinsamen Rechte, Preußen die Regierung Schleswigs, Österreich die Holsteins übernehmen, ersteres den Kieler Hafen, das Mitbesatzungsrecht in Rendsburg, Militäretappen, Post und Telegraphenrouten in Holstein erhalten und Lauenburg gegen Zahlung von 2½ Mill. dän. Reichsthaler an den König von Preußen fallen sollte.

Diese Konvention, welche den Bundestag ganz außer acht ließ, rief wieder zahlreiche Proteste der schleswig-holsteinischen Bevölkerung, einzelner deutscher Landtage und des deutschen Abgeordnetentags, der sich 1. Okt. in Frankfurt versammelte, gegen die Vergewaltigung des Volksrechts hervor. Das Verhältnis der beiden Mächte in den Herzogtümern besserte sich keineswegs. Der preußische Gouverneur v. Manteuffel in Schleswig führte ein strenges Regiment und schritt rücksichtslos gegen den Augustenburger und seine Anhänger ein, der österreichische, v. Gablenz, in Holstein machte sich durch Nachgiebigkeit gegen die Volksstimmung populär. Die Beschwerden Bismarcks über die Begünstigung des Herzogs Friedrich durch Österreich, welches damit den Voraussetzungen des Wiener Friedens und des Gasteiner Vertrags zuwiderhandle, wurden vom Wiener Kabinett in gereiztem Ton zurückgewiesen. Anfang 1866 wurde die Kriegsfrage sowohl in Berlin als in Wien ernstlich in Erwägung gezogen, und im Februar begannen die militärischen Vorbereitungen und Beratungen. Bismarck hatte sich auf einer Zusammenkunft mit Napoleon III. in Biarritz (Oktober 1865) vergewissert, daß Frankreich vorläufig eine zuwartende Haltung beobachten werde, und diese sich noch dadurch gesichert, daß er 8. April 1866 mit Italien, das den General Govone nach Berlin geschickt, ein Bündnis schloß, welches demselben den Besitz Venetiens versprach. Österreich wandte sich dagegen den Mittel- und Kleinstaaten zu und nahm seinen natürlichen Platz an der Spitze der deutschen Territorien gegenüber den Unionsbestrebungen ein; zugleich schuf es sich durch Sistierung der Februarverfassung (September 1865) freie Hand im Innern.

In D. gänzlich isoliert, in seinem Innern durch den Verfassungskonflikt und die scheinbare entschiedene Abneigung des Volkes gegen einen Krieg gelähmt, schien Preußen nachgeben oder unterliegen zu müssen. Am 16. März 1866 richtete Graf Mensdorff eine vertrauliche Note an die befreundeten deutschen Höfe, in welcher er die Absicht kundgab, die schleswig-holsteinische Sache dem Bund anheimzugeben und eine bestimmte Anfrage an Preußen über seine Politik zu richten, und sein Vertrauen aussprach, daß, im Fall die preußische Antwort nicht befriedigend ausfalle, die deutschen Staaten Österreichs Maßregeln unterstützen würden. Bismarck erwiderte diesen Schritt mit einer Anfrage an die deutschen Regierungen (24. März), ob und in welchem Maß Preußen im Fall eines österreichischen Angriffs auf ihre Unterstützung rechnen dürfe, und mit der Ankündigung eines zeitgemäßen Bundesreformvorschlags. Die Antworten der Regierungen lauteten ablehnend oder ausweichend. Dennoch erfolgte der angekündigte Reformantrag im Bundestag 9. April und zwar dahin, "hohe Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgehende Versammlung auf einen noch zu bestimmenden Tag einzuberufen, um die Vorlagen der Regierungen über eine Reform der Bundesverfassung entgegenzunehmen und zu beraten, bis zum Zusammentritt derselben aber durch Verständigung der Regierungen untereinander diese Vorlagen festzustellen".

Hatte Bismarck von diesem Schritt einen Umschwung der öffentlichen Meinung erwartet, so täuschte er sich allerdings. Die Stimmung des Volkes in den meisten Ländern Deutschlands war zwar einem "Bruderkrieg", wie man den bevorstehenden Entscheidungskampf zwischen Preußen und Österreich um die Herrschaft in D. nannte, abgeneigt, aber darum nicht weniger antipreußisch, und die meisten sahen in Bismarcks Antrag nur eine neue List, um D. dem preußischen Militärdespotismus zu unterwerfen. Die Unterhandlungen zwischen den beiden Mächten über eine gleichzeitige Abrüstung hatten keinen Erfolg, da Österreich dieselbe in Italien verweigerte und die Lösung der schleswig-holsteinischen Frage zwar unter möglichster Berücksichtigung der preußischen Ansprüche, aber nur innerhalb des bestehenden Bundesrechts anbot. So schritten denn beide Teile Anfang Mai zu allgemeiner Mobilmachung ihrer Streitkräfte, und auch in den Mittelstaaten wurde eifrig gerüstet. Der Beschluß der mittelstaatlichen Konferenz zu Bamberg (14. Mai), auf gegenseitige Abrüstung hinzuwirken, blieb erfolglos, da einige dieser Staaten, wie Sachsen und Hannover, mit den Rüstungen selbst angefangen hatten. Auch ein Vermittelungsversuch Frankreichs, Englands und Rußlands, die 28. Mai zu einer Konferenz der Mächte nach Paris einluden, scheiterte an der Forderung Österreichs (1. Juni), daß es sich auf derselben um keine Territorialveränderung, vor allem nicht um die Abtretung Venetiens, handeln dürfe.

An demselben Tag that Österreich in Frankfurt den letzten entscheidenden Schritt, welcher den Krieg unvermeidlich machte: es gab die Entscheidung der schleswig-holsteinischen Frage dem Bund anheim, sicherte im voraus dem Spruch desselben seine bereitwilligste Anerkennung zu und teilte mit, daß der österreichi-^[folgende Seite]