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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Exkremente

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Exkremente (Berliers System, Schwemmkanal- und Berieselungssystem).

nach Art der bekannten und viel geübten Bachwasserrieselung einzurichten ist. Wo der Boden sich hierzu nicht eignet und große Wasserläufe nicht vorhanden sind, wendet Liernur Koksfilter an, die ähnlich den Filterbecken der Wasserwerke angelegt werden. Das verunreinigte Filtermaterial wird zur Heizung der Kessel auf der Pumpstation benutzt.

Einen wesentlichen Fortschritt scheint das von Berlier in Paris durchgeführte System zu bezeichnen. Berlier läßt die unterirdische Kanalisation der städtischen Straßen für Regen- und Hauswasser nach erprobter Art bestehen und beschränkt sein System ausschließlich auf die Abtrittsstoffe. Das Rohrnetz besteht aus Rohren von 10-40 cm Durchmesser. An die Straßenrohre schließen sich die Zweigrohre nach den Häusern nach Art der Gas- und Wasserleitungen an. Jedes Zweigrohr endigt im Keller des Hauses in demjenigen kleinen Raum, welcher die Stelle der Abtrittsgrube vertritt. Hier stehen zwei gußeiserne Gefäße, ein würfelförmiges (der Aufnehmer) unter dem Fallrohr der Aborte und ein cylindrisches (der Entleerer), an dessen zugespitztem Boden das Zweigrohr des pneumatischen Rohrnetzes befestigt ist. Beide Gefäße sind am Boden durch ein Rohr verbunden. Der Aufnehmer soll alle fremden Körper zurückhalten, welche zufällig oder absichtlich den Weg in den Abortstrichter genommen haben, und enthält zu dem Zweck einen Drahtkorb mit geringer Maschenweite, welcher nur die Flüssigkeiten und die E. hindurchläßt. Diese verteilen sich alsbald in den auf gleicher Höhe stehenden Entleerer, der für gewöhnlich in seinem untern konischen Ende durch eine Kautschukkugel gegen das Ableitungsrohr verschlossen ist. Die Kautschukkugel ist mittels eines Eisenstifts an einem ballonartigen, den größten Teil des Entleerers einnehmenden Schwimmer befestigt, dessen Bewegung durch eine senkrechte Achse geleitet wird. Hat nun die flüssige Masse in dem Entleerer einen gewissen Stand erreicht, so hebt sie den Schwimmer und mit ihm das Kugelventil, welches das luftverdünnte Abführungsrohr öffnet. In demselben Augenblick stürzt die Flüssigkeit unter dem Überdruck der äußern Luft in das Rohr und zieht die in dem Drahtkorb noch haftenden Papiere etc. mit sich hinab. Der Schwimmer fällt dann sofort zurück, um die Öffnung wieder zu verschließen, während sich die Fäkalmassen in dem Rohrnetz nach der Pumpstation fortbewegen. Diese Entleerung wiederholt sich selbstthätig so oft, wie die Abfallstoffe die Schwimmlinie des Apparats erreichen, und bei zahlreichen Abschlüssen ist daher die Expedition in dem Rohrnetz eine beständige. Irgend eine Stellung von Hähnen oder sonstige menschliche Nachhilfe findet nicht statt, nur der Drahtkorb muß ab und zu revidiert werden, um fremde Körper, welche er zurückhält, zu beseitigen. Auch ist ratsam, ihn wöchentlich einige Male in Umdrehung zu versetzen, zu welchem Zweck auf die bewegliche senkrechte Achse desselben ein kleines konisches Getriebe, dessen Welle mittels Stopfbüchse durch die Gefäßwandung tritt, mit Handkurbel aufgesetzt ist. Berlier empfiehlt noch, ein enges Aspirationsrohr vom pneumatischen Rohrnetz bis ins Innere des Abtrittstrichters zu führen, um die bei der Sitzung sich entwickelnden Gase abzusaugen. Außerdem erscheinen Klappen- und Wasserverschlüsse erforderlich, um Ausdünstungen aus dem Aufnehmer von den Wohnungen fern zu halten.

Wie an das Liernursche System und zum großen Teil in direktem Gegensatz zu demselben, hat sich auch an das Schwemmkanalsystem eine lebhafte Streitführung geknüpft; auch hier gibt es zwei Parteien, von denen die eine die Kanalisation weit über alle übrigen Systeme stellt, während die andre so viele Mängel an derselben entdeckt, daß sie die Durchführung dieser allerdings sehr kostspieligen Anlage als eine großartige Verirrung bezeichnet. Erst langjährige Erfahrungen werden endgültig über den Wert der verschiedenen Systeme entscheiden. Über die Einrichtung der Kanalisation s. d. Der Inhalt der Kanäle wird bei der Kanalisation verschieden behandelt. Bisweilen gelangt er direkt in die Flüsse, und diese Methode bietet jedenfalls die bedeutendsten Angriffspunkte dar, weil sie eine große Vergeudung von Dungstoffen und eine verderbliche Verunreinigung der Wasserläufe herbeiführt. Man hat daher auch versucht, die Kanalwasser in irgend einer Weise zu verwerten, und zu diesem Zweck Filtriervorrichtungen und Chemikalien vorgeschlagen. Erstere sollten die Kanalwasser reinigen, die unlöslichen Stoffe zurückhalten, die gelösten oxydieren, und durch Chemikalien (Kalk-, Eisen-, Thonerdeverbindungen etc.) wollte man die wertvollen Bestandteile der Kanalwasser fällen und letztere zugleich so weit reinigen, daß sie nunmehr ohne Gefahr in die Flüsse geleitet werden könnten. Alle diese Versuche müssen als mißlangen betrachtet werden. Die Fällungsmethoden gewinnen höchstens die Phosphorsäure, aber nur einen kleinen Teil des landwirtschaftlich wertvollen Stickstoffs und Kalis; sie werden daher auch nirgends die Kosten decken können; die durch diese Fällungen erzielte Reinigung des Kanalwassers ist durchaus ungenügend. Ein befriedigendes Resultat in Bezug auf Reinigung des Kanalwassers wird erreicht, wenn man dasselbe in absteigender Richtung durch Sand filtriert und in kurzen Zwischenräumen aufgibt, so daß die atmosphärische Luft in die Poren des Filtriermaterials eindringen und die organischen Substanzen oxydieren kann. Hierbei kann aber 1 cbm Filtermaterial nur 33 Lit. Flüssigkeit in 24 Stunden reinigen, der gesamte Düngerwert geht verloren, und wahrscheinlich wird die als Filter benutzte Bodenfläche, da sie keine Vegetation zu tragen im stande ist, unagenehme Gerüche entwickeln. Viel bedeutsamer ist dagegen die Benutzung der Kanalwasser zur Berieselung von Feldern, auf welchen Gemüse, Futter- u. Handelspflanzen, Gras etc. gebaut werden (vgl. Kanalisation und Rieselfelder). Auch diese Methode bietet manche Schwierigkeiten dar, und es werden noch reichliche Erfahrungen gesammelt werden müssen, bis sie unter allen Verhältnissen befriedigende Resultate gibt. Sie sichert aber eine gute Ausnutzung der E. zu landwirtschaftlichen Zwecken und genügt auch in Verbindung mit den übrigen Einrichtungen der Kanalisation den Anforderungen der Gesundheitspflege, indem sie die sämtlichen menschlichen Abfallstoffe in kürzester Zeit beseitigt und unschädlich macht. Können die durch Abfuhr aus Gruben oder Tonnen aus der Stadt entfernten E. nicht direkt von der Landwirtschaft verwertet werden, so verarbeitet man sie, um sie transportfähiger zu machen, auf Poudrette (s. d.).

Mehrfach hat man versucht, die E. auf Leuchtgas zu verarbeiten. Es werden dabei kleine Retorten angewandt, in welche man alle 15-20 Minuten 2-3 kg E. bringt. Die Ausbeute beträgt 7,8-9 cbm Leuchtgas aus 100 kg Exkrementen bei einem Aufwand von 50 kg Kohle. Die Verhältnisse gestalten sich sehr ungünstig, weil große Mengen Wasser zu verdampfen sind, die wieder in riesigen Kühlapparaten kondensiert werden müssen. Das Gas ist schlechter und teurer als Steinkohlengas und bei großem