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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: das Direktorium).

Volk für die Girondisten; Toulon überlieferte sich den Engländern; im Westen, in der Vendée, empörten sich die royalistischen Edelleute und Bauern. Die Bergpartei jedoch verfuhr mit furchtbarer Energie, indem sie aus den ihr ergebenen niedern Klassen zahlreiche (14) Heere gegen ihre innern und äußern Gegner organisierte. Lyon und Toulon wurden durch die Revolutionsarmee überwältigt und mit Massenmord und furchtbarer Plünderung bestraft. Darauf unterwarfen sich zitternd die Provinzen, wo nun meist eine sozialistische Pöbelherrschaft mit systematischer Ausplünderung der Besitzenden hergestellt wurde. Das Christentum wurde abgeschafft und der christliche Kalender durch einen revolutionären ersetzt. Eine Partei der Terroristen unter Hébert wollte den Sozialismus praktisch verwirklichen und die Religion durch den albernen Kultus der Vernunft ersetzen; aber Robespierre sah ein, daß sich mit solchen Grundsätzen überhaupt nicht regieren lasse, und bewirkte im März 1794 die Verhaftung und Hinrichtung dieser sogen. "Wütenden" (enragés); anderseits wußte er den gemäßigtern Danton als unbequemen Nebenbuhler auf das Schafott zu bringen. Robespierre und sein Vertrauter Saint-Just wollten nun durch blutige Ausrottung des unheilbar verderbten alten Geschlechts das Ideal eines allmächtigen Volksstaats verwirklichen. Das Verfahren des Revolutionstribunals wurde derart beschleunigt, daß täglich in Paris allein 60-70 Menschen hingerichtet werden konnten.

Inzwischen wurden nach außen mit den durch Carnot organisierten Heeren unter trefflichen Generalen, wie Hoche und Pichegru, glänzende Erfolge errungen. Die bei Fleurus (26. Juni 1794) von Jourdan besiegten Österreicher räumten nicht allein Belgien, sondern auch fast das ganze linke Rheinufer, während das wegen der polnischen Frage mit Österreich zerfallene Preußen unthätig blieb, ja sogar 5. April 1795 mit F. Frieden schloß. Auch Spanien fiel von der Koalition ab. Pichegru eroberte im Winter 1794 bis 1795 die Niederlande und gründete dort die batavische Schwesterrepublik. Mit furchtbarer Energie herrschte der Schrecken widerstandslos im Innern und drang zugleich erobernd gegen das Ausland vor. Die Diktatur Robespierres ward aber endlich den Jakobinern selbst lästig, während das Volk des beständigen Blutvergießens überdrüssig zu werden begann, und als der Diktator seine Feinde durch ein Blutgericht zu vernichten versuchte, ward er 9. Thermidor (27. Juli 1794) auf Befehl des Konvents selbst verhaftet und mit gegen 100 Führern der Jakobiner aus dem Konvent und der Pariser Kommune (der revolutionären Stadtverwaltung) guillotiniert. Der Mittelstand fing an, sich gegen die Herrschaft des Pöbels überall zu regen; im Konvent faßten die Gemäßigten wieder Mut. Der Klub der Jakobiner wurde zuerst beschränkt, dann geschlossen (11. Nov. 1794); 73 früher aus dem Konvent vertriebene Girondisten wurden in denselben zurückgerufen, wo sie nun einer entschiedenen Reaktion huldigten. Das Revolutionstribunal wurde aufgehoben. Die Zustände waren aber keineswegs erfreulich. Während sich einerseits die wohlhabendern Klassen nach langem Schrecken in ausschweifender Lust entschädigten, litten die niedern nach Aufhebung der auf künstliche Herabsetzung der Lebensmittelpreise gerichteten Maßregeln unter den unausbleiblichen Folgen der allgemeinen Arbeitsscheu, der kolossalen Rekrutierungen, der Störungen von Gewerbe und Handel. Die Assignaten, deren man für 27 Milliarden ausgegeben, waren bis auf ½ Proz. ihres Nennwerts gefallen.

Das Direktorium.

Nachdem ein Aufstand der Jakobiner am 1. Prairial (20. Mai 1795) und ein Erhebungsversuch der Royalisten am 13. Vendémiaire (5. Okt. 1795) unterdrückt worden, wurde eine neue Verfassung ausgearbeitet, welche zwei Kammern (einen Rat der Fünfhundert und einen Rat der Alten) und ein gewähltes Direktorium von fünf Männern an die Spitze der Republik stellte. Dieselbe trat 27. Okt. 1795 in Wirksamkeit; in das Direktorium wurden nur alte Montagnards (Carnot, Rewbell, Barras, Laréveillère und Letourneur) gewählt, von denen Barras der bedeutendste war. Der Schwerpunkt der Situation für die neue französische Regierung lag in den auswärtigen Verhältnissen, denn schon war das Volk über die einst so heiß ersehnte Freiheit enttäuscht und strebte vielmehr nach äußerm Glanz und Ruhm. Überdies konnten nur durch große Kontributionen im Ausland die Finanzen des Staats in Ordnung gebracht werden. Das Direktorium beabsichtigte einen zweifachen Angriff auf Österreich: durch die beiden Armeen Jourdans und Moreaus in Deutschland und das italienische Heer unter Bonaparte. In Deutschland hatten die Franzosen keinen Erfolg; Erzherzog Karl ließ sie bis nach Bayern vordringen, um mit gesammelter Macht sich erst auf Jourdan zu werfen, den er bei Amberg (24. Aug.) und Würzburg (4. Sept. 1796) bis zur Auflösung schlug, und dann Moreau zum verlustvollen Rückzug nach dem Elsaß zu nötigen.

Glücklicher war Bonaparte in Italien. In mehreren siegreichen Schlachten vertrieb er im April 1796 die Österreicher aus Piemont, zog in Mailand ein und zwang die italienischen Fürsten sämtlich zu Friedensverträgen, in denen sie sich zu ungeheuern Lieferungen und Geldzahlungen verstehen mußten. Nur Mantua hielt sich noch, und Österreich sandte, um diese wichtige Festung zu entsetzen, eine Armee nach der andern nach Oberitalien. Aber das Heer Wurmsers ward bei Castiglione (5. Aug.), die beiden Armeen Alvinczys nacheinander bei Arcole (15.-17. Nov.) und Rivoli (14. Jan. 1797) geschlagen. Am 2. Febr. 1797 mußte Mantua kapitulieren, und damit war Italien für Österreich verloren. Mit Hilfe beträchtlicher Verstärkungen nötigte Bonaparte den Papst zu dem verlustreichen Frieden von Tolentino. Die Lombardei wurde zur Cisalpinischen, einige römische und modenesische Provinzen zur Cispadanischen Republik umgewandelt. Als Bonaparte hierauf mit unerhörter Kühnheit durch die Ostalpen auf Wien marschierte, entschloß sich Österreich 7. April 1797 zum Waffenstillstand von Leoben, dem 17. Okt. zu Campo Formio der förmliche Friedensschluß folgte: Belgien und das linke Rheinufer wurden an F. abgetreten; Österreich erkannte die oberitalienischen Republiken an und ward durch Venetien und einige deutsche Stifter entschädigt, wie denn auch die Fürsten, welche in Italien und links des Rheins Verluste erlitten hatten, im Deutschen Reich entschädigt werden sollten. Hierüber sollte ein Kongreß in Rastatt verhandeln.

Nach diesen glänzenden Erfolgen kehrte der siegreiche Feldherr nach Paris zurück. Hier hatte das Direktorium eine schwierige Stellung. Die kommunistische Verschwörung Babeufs wurde zwar zeitig entdeckt und durch die Hinrichtung ihrer Führer im Mai 1796 unterdrückt; den überhandnehmenden Royalismus, welcher im Sommer 1797 schon die Mehrheit der beiden Räte und auch ein Mitglied des Direktoriums, Barthélemy, zu seinen Anhängern zählte, konnte die Regierung aber nur durch den Staatsstreich vom 18. Fructidor (4. Sept. 1797)