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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Napoleons Sturz, Ludwig XVIII.).

sen gegeben. Mit Alexander I. von Rußland dagegen schloß Napoleon zu Tilsit Freundschaft; nicht nur verlor derselbe nichts, sondern Napoleon versprach ihm auch das Kaisertum des Orients mit Konstantinopel, wenn er ihn selbst im Westen ungestört schalten und walten lasse.

Nun kannte der glückliche Eroberer keine Schranken mehr für seinen Ehrgeiz und seine Herrschsucht. England glaubte er durch die Kontinentalsperre bezwingen zu können, welche er 21. Nov. 1806 von Berlin aus dekretierte. Als Portugal sich weigerte, sich ihr zu unterwerfen, wurde es im November 1807 ohne weiteres besetzt. Hinterlistig wußte er einen Zwist in der königlichen Familie von Spanien zu benutzen, um den schwachen König Karl IV. sowie den Kronprinzen Ferdinand nach Bayonne zu locken und hier zur Verzichtleistung auf die spanische Krone zu bewegen, worauf er Spanien an seinen eignen Bruder Joseph verlieh (Mai 1808), an dessen Stelle er seinen Schwager Murat zum König von Neapel erhob. Allein von nationalem und religiösem Fanatismus erfüllt, erhoben sich die Spanier gegen die französische Herrschaft und nahmen in jahrelangen Kämpfen, in welchen die Spanier von England unterstützt wurden, bedeutende Streitkräfte Napoleons in Anspruch, ohne daß die Eroberung des Landes gelang. Durch das Beispiel der Spanier ermutigt, erhob sich Österreich 1809 zum viertenmal gegen F. Aber trotz heldenmütiger Tapferkeit unterlag die österreichische Armee bei Wagram (5. und 6. Juli), und im Wiener Frieden vom 14. Okt. 1809 mußte Österreich Westgalizien und die Provinzen in den südöstlichen Alpen und am Adriatischen Meer opfern, welch letztere unter dem Namen eines Königreichs Illyrien mit F. vereinigt wurden.

Napoleons Macht war jetzt auf ihren Gipfel gelangt. Um seine Dynastie zu befestigen, trennte er sich von seiner ersten Gattin, Josephine Beauharnais, von der er keine Kinder hatte, und vermählte sich 1. April 1810 mit der Tochter Kaiser Franz' I., Marie Luise. Unersättlich strebte Napoleon nach neuem Ländergewinn. Schon 17. Mai 1809 hatte er den Kirchenstaat F. einverleibt; jetzt vereinigte er durch Dekret vom 9. Juli 1810 das Königreich Holland, 12. Nov. Wallis, 10. Dez. aber die Mündungen der Ems, Weser, Elbe und Trave nebst den Hansestädten mit dem französischen Reich, dessen 130 Departements sich jetzt von der deutschen Ostseeküste bis in die Mitte Italiens und bis Korfu erstreckten. Diese maßlosen Übergriffe erregten den Unwillen des Zaren Alexander, welchem Napoleon jede Ausdehnung auf Kosten der Türkei untersagte. Schon erkannten alle Einsichtigen in F. selbst, wie der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten, Talleyrand, und der Polizeiminister Fouché, daß diese grenzenlose Eroberungsgier die schlimmsten Folgen haben müsse, und überwarfen sich mit Napoleon. In Spanien erlitten die Franzosen nur Niederlagen, in den unterworfenen Ländern (Holland, den deutschen und italienischen Provinzen) herrschte dumpfe Gärung, und selbst im eigentlichen F. begann man des schrankenlosen Despotismus und der beständigen Aushebungen der waffenfähigen Jugend müde zu werden. Das Zerwürfnis Napoleons mit dem Papst erhöhte in vielen Kreisen der Bevölkerung die Unzufriedenheit. Anstatt sich aber von diesen drohenden Vorzeichen warnen zu lassen, wollte Napoleon vielmehr auch mit Rußland den Entscheidungskampf herbeiführen, um unbestritten auf dem europäischen Kontinent zu herrschen. Zwar bereitete Napoleon diesen Feldzug auf das umfassendste vor: indem er nicht nur seine Vasallen, sondern auch Preußen und Österreich zur Heeresfolge zwang, brachte er ein Heer von fast 600,000 Mann zum Kampf gegen Rußland zusammen. Er siegte auch im offenen Feld - bei Smolensk (17. Aug. 1812) und bei Borodino (7. Sept. 1812) - und besetzte Moskau. Aber schon hatten die ungeheuern Märsche, die Entbehrungen und das ungewohnte Klima das Heer um zwei Dritteile geschwächt; der von den Russen angelegte Brand Moskaus machte den Besitz dieser Stadt unnütz, und der frühzeitig und überaus streng eintretende Winter nötigte Mitte Oktober 1812 die Franzosen zum Rückzug. Von den Russen ununterbrochen verfolgt, von der Kälte und dem Hunger dezimiert, unter beständigen Gefechten ging die Armee fast gänzlich zu Grunde: 550,000 Menschen waren tot oder gefangen.

Den Untergang der großen Armee, welchen die geknechteten Völker als ein Gottesgericht ansahen, gab den Anstoß zu einer allgemeinen Erhebung Europas gegen das übermächtige F. und zu dem Beginn des großen Befreiungskriegs (1813-14, s. Deutscher Befreiungskrieg). Solange Rußland und Preußen allein standen, zeigten sich Napoleons Macht und Feldherrngeschick noch überlegen: die Verbündeten wurden 2. Mai 1813 bei Großgörschen und 21. Mai bei Bautzen besiegt und mußten den Waffenstillstand von Poischwitz (4. Juni) schließen. Aber während desselben trat Österreich auf die Seite der Alliierten. Nun erlitten die Franzosen namentlich durch die Energie der preußischen Feldherren die Niederlagen von Großbeeren (23. Aug.), an der Katzbach (26. Aug.) und bei Dennewitz (6. Sept.), und die Völkerschlacht bei Leipzig (16., 18. und 19. Okt.) entschied den Sieg der Verbündeten. Napoleon mußte auf das linke Rheinufer zurückweichen, und als er in verblendetem Hochmut die vorteilhaften Friedensbedingungen zurückwies, die ihm Metternich anbot, drangen die Verbündeten 1814 in F. selbst ein. Zwar erschwerte der Kaiser, unterstützt von der Nation, welche die letzten Kräfte aufbot, um den vaterländischen Boden gegen die Invasion zu verteidigen, durch meisterhafte Kriegführung den Verbündeten das Vordringen in das Innere des Landes und errang noch mehrere glänzende Erfolge. Aber endlich erlag er der Übermacht. Seine falsche Annahme, durch eine Bewegung im Rücken der Verbündeten diese zur Umkehr nach dem Rhein bewegen zu können, ermöglichte es den Alliierten, bis Paris vorzudringen, welches sie 30. März in erbittertem Kampf zur Kapitulation zwangen. Zwar eilte Napoleon nun herbei; aber jetzt kam die allgemeine Unzufriedenheit in den höhern Klassen Frankreichs zum Ausbruch, und unter dem Druck der alliierten Waffen erklärte der stets knechtische Senat ihn für abgesetzt und berief die Bourbonen zurück.

Die erste Restauration und die Hundert Tage.

Napoleon, auch von seinen Marschällen verlassen, unterzeichnete 12. April 1814 selbst den Traktat von Fontainebleau, der seine Abdankung bestätigte und ihm die kleine toscanische Insel Elba als Besitztum und Aufenthaltsort anwies. König Ludwig XVIII., der ältere unter den beiden Brüdern Ludwigs XVI., unterzeichnete 30. Mai 1814 den ersten Pariser Frieden, in welchem F. außerordentlich mild behandelt wurde; aus Rücksicht auf das europäische Gleichgewicht, welches ein starkes F. erfordere, und auf die wieder auf den Thron gesetzten Bourbonen bewirkten Rußland und England, daß F. die Grenzen vom 1. Jan. 1792 nebst der Hälfte von Savoyen