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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gallier; Gallieren; Gallierstatuen; Gallifet; Gallikanische Kirche

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Gallier - Gallikanische Kirche.

rung war eine der unglücklichsten für das römische Reich. Am Rhein, an der Donau, am Euphrat wurden die Grenzen desselben überall von den Feinden überschritten und die römischen Provinzen verwüstet, und dazu kam noch eine furchtbare Pest, welche 14 Jahre lang (252-266) im Reich wütete, und die Aufstände der Legionen, welche sich überall ihre eignen Kaiser setzten, deren, freilich nicht ohne Übertreibung, 30 (die sogen. Dreißig Tyrannen) gezählt werden. G. kümmerte sich ebensowenig um die Not des Reichs wie um die Gefangenschaft seines Vaters; er lebte fast nur für die Genüsse einer üppigen, schwelgerischen Muße; bloß zuweilen raffte er sich zu einem Kriege gegen die auswärtigen Feinde oder gegen einen seiner Nebenbuhler empor. So zog er 268 gegen Aureolus (s. d.), der in Italien eingefallen war; er schloß ihn in Mailand ein, wurde aber während der Belagerung ermordet. Das Heer wählte M. Aurelius Claudius Gothicus zu seinem Nachfolger; der Senat aber erklärte G. für einen Feind des Staats, ließ seine Vertrauten und Verwandten vom Tarpejischen Felsen stürzen und seinen Namen aus allen öffentlichen Schriften vertilgen.

Gallier, s. Gallien.

Gallieren (Tannieren, Schmackieren), in der Anilin-, Schwarz- und Türkischrotfärberei das Behandeln der Gewebe mit einer Abkochung gerbsäurehaltiger Stoffe, wie Galläpfel, Sumach etc. G. heißt auch das Verbinden der Schnüre mit den Plattinen des Jacquardwebstuhls.

Gallierstatuen, Bezeichnung antiker Bildwerke, welche, aus der pergamenischen Schule in der zweiten Hälfte des 3. Jahrh. v. Chr. hervorgegangen, das große Weihgeschenk bildeten, das der König Attalos I. von Pergamon zum Andenken an seinen Sieg über die Gallier (239 v. Chr.) auf der Akropolis zu Athen stiftete, oder die, wahrscheinlich in Pergamon aufgestellt, ähnliche Bedeutung hatten. Zu jenem Weihgeschenk, dessen 15 m lange, 4,80 m breite Basis man neuerdings auf der Akropolis aufgefunden hat, gehören ohne Zweifel drei Figuren im Dogenpalast zu Venedig, vier im Museum zu Neapel, eine im Vatikan und eine im Louvre zu Paris; die interessantesten derselben sind die in Venedig, weil sich in ihnen Charakter und Gesichtszüge der Gallier am schärfsten und klarsten ausprägen. Im Zusammenhang mit diesen Bildwerken stehen wahrscheinlich auch die berühmte Statue des sogen. sterbenden Fechters im kapitolinischen Museum zu Rom und die in Anlage, Material und scharfer Individualisierung damit verwandte Gruppe: der Gallier und sein Weib (früher Arria und Pätus genannt, s. Tafel "Bildhauerkunst II", Fig. 10) in der Villa Ludovisi daselbst. Die erstere Statue, im 16. Jahrh. in Rom (vielleicht auf dem Boden der Sallustischen Gärten) gefunden und anfangs ebenfalls in der Villa Ludovisi befindlich, stellt einen am Boden auf seinem Schild im Todeskampf zusammengebrochenen Gallier dar, der, um dem Feind zu entrinnen, sich selbst getötet hat (Waffen und Halskette, die Torques der Gallier, bezeichnen seine Heimat), die andre einen Gallier, der aus dem gleichen Grund seinem Weib und sich selbst den Tod gibt, beide die schönste Verherrlichung des unbändigen, aber edlen Freiheitsstolzes der Barbaren. Vgl. Bildhauerkunst, S. 940.

Gallifet (spr. -fäh), Gaston Alexandre Auguste, Marquis von, franz. General, geb. 23. Jan. 1830 zu Paris, trat im April 1848 in die französische Armee, ward 1853 Leutnant der Kavallerie, 1860 Kapitän, 1863 Eskadronschef, als welcher er den Krieg in Mexiko mitmachte, 1865 Oberstleutnant und 1867 Oberst und Kommandeur des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, welches 1870 zur Rheinarmee gehörte. Am 30. Aug. zum Brigadegeneral befördert, zeichnete er sich in der Schlacht bei Sedan 1. Sept. beim Angriff der französischen Reiterei auf die preußische Infanterie bei Floing durch stürmische Tapferkeit aus, geriet aber infolge der Kapitulation in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Befreiung erhielt er im März 1871 den Befehl über eine Brigade in der Armee von Versailles und nahm an den Kämpfen gegen die Kommune teil, in denen er sich durch Mut und Geschick hervorthat, aber sich auch den Ruf eines grausamen Offiziers erwarb; nach der Einnahme von Paris wütete er mit rücksichtsloser Strenge gegen die gefangenen Kommunarden. Er wurde darauf nach Afrika geschickt und an die Spitze der Subdivision von Batna gestellt, mit welcher er im Winter 1872-73 eine kühne Expedition nach El Golea unternahm. Nach der Reorganisation der Armee erhielt er 1873 das Kommando der 31. Infanteriebrigade, 1875, zum Divisionsgeneral befördert, das der 15. Infanteriedivision in Dijon und ward 1879, da er sich inzwischen der republikanischen Sache mit Eifer angeschlossen hatte, Befehlshaber des 9. Korps in Tours. Die großen Kavalleriemanöver, welche G. als Präsident des Kavalleriekomitees abhielt, begründeten sein Ansehen als eines der bedeutendsten Generale Frankreichs. 1880 ward er Befehlshaber der Truppen in Paris, legte aber 1882 das Kommando nieder und blieb bloß Mitglied des Kriegsrats und Präsident des Kavalleriekomitees, welcher Stellung er 1886 vom radikalen Kriegsminister Boulanger ebenfalls entsetzt wurde. Das neue französische Kavalleriereglement von 1882 ist von G. verfaßt.

Gallikanische Kirche, Bezeichnung der katholischen Kirche Frankreichs in Beziehung auf ihre eigentümliche Stellung dem römischen Stuhl gegenüber; daher Gallikanismus, die auf Geschichte und Staatsrecht gegründete nationale Eigentümlichkeit, welche die katholische Kirche Frankreichs auszeichnet oder doch früher ausgezeichnet hat. Ihre Wurzeln hat diese Eigentümlichkeit teils in der altkirchlichen Episkopalverfassung überhaupt, teils in dem stärkern Souveränitätsbewußtsein der französischen Könige. Namentlich ist bereits in der selbständigen Gestalt, welche die gallo-fränkische Kirche unter dem Einfluß Karls d. Gr., der Bischöfe und Gelehrten seiner Zeit gewann, gleichsam das Ideal gegeben, welches die spätern Verteidiger des Gallikanismus, Fürsten und Bischöfe, gemeinschaftlich verfolgten. Der erste namhafte kirchliche Verteidiger jenes Ideals war der mutvolle Hinkmar (s. d.) von Reims, der erste namhafte königliche Ludwig der Heilige. Den echt gallikanischen Sinn des letztern bekundet namentlich seine sogen. Pragmatische Sanktion vom Jahr 1269, durch welche den Prälaten und Patronen der Kirchen ihre Rechte über die Kirchenpfründen, den Kathedral- und andern Kirchen des Reichs ihr freies Wahlrecht gesichert, drückende Geldforderungen des römischen Hofs zurückgewiesen und nur bei billigen, frommen und sehr dringenden Veranlassungen unter ausdrücklicher Beistimmung des Königs und der Kirche des Reichs Beisteuern bewilligt werden sollten. Weiter ausgedehnt wurden diese Bestimmungen durch die zwischen dem Papst Eugen IV. und Karl VII. nach Maßgabe der Beschlüsse des Konzils zu Basel geschlossene neue Pragmatische Sanktion vom 7. Juli 1438, auf Grund deren die kirchliche Jurisdiktion mehr und mehr eingeschränkt und der königlichen ganz unter-^[folgende Seite]