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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gehirnentzündung

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Gehirnentzündung.

führt. Die Erscheinungen, welche durch den Gehirnabsceß hervorgerufen werden, hängen ganz und gar von dem Ort seiner Entwickelung, seiner Größe und der mehr oder minder breiten Entzündungszone in seiner Umgebung ab. Daher kann er bald ohne alle Merkmale verlaufen, bald kann er Störungen der motorischen Zentren, also Lähmungen, bald Störungen der Empfindung, d. h. Schmerzen. beliebiger größerer Körperteile, Blindheit, Taubheit, Übelkeit etc., bald auch Seelenstörungen, Verlust des Bewußtseins, tiefe Depression im Bereich der Intelligenz und des Willens und schließlich den Tod zur Folge haben. Manche Fälle führen schon nach wenigen Tagen oder Wochen zum Tod, in andern Fällen tritt dieser Ausgang erst nach einer Reihe von Jahren ein. Der Ausgang in Genesung ist bei größerm Umfang des erkrankten Herdes ein ziemlich seltener. Fast immer bleiben gewisse Gehirnfunktionen dauernd gestört, was sich durch Lähmung einzelner Glieder, Daniederliegen der psychischen Thätigkeiten etc. zu erkennen gibt.

Die Behandlung der G. wird bei der Schwierigkeit und Unsicherheit der Diagnose stets eine rein symptomatische sein müssen. In ganz frischen Fällen, wo eine Verletzung des Schädels vorausgegangen ist, paßt die Anwendung von Blutegeln und kalten Umschlägen auf den Schädel, auch ein Aderlaß. Der innerliche Gebrauch von Medikamenten (namentlich Quecksilber und Jodpräparaten) verspricht keinen Erfolg, und so bleibt dem Arzt nur übrig, das ganze Verhalten des Patienten vorsichtig zu regeln und ihn vor Schädlichkeiten zu behüten, zu denen vorzugsweise auch die Kongestionen nach dem Kopf zu rechnen sind. Der Kranke hat ruhig im Bett zu liegen, das Zimmer soll kühl sein, zu vieles und namentlich jedes erhitzende Getränk ist zu vermeiden, die Diät sei knapp, reizlos und leichtverdaulich, der Stuhlgang muß sorgfältig reguliert, im Notfall durch Klystiere oder leichte Abführmittel gefördert werden. Die chronische G. beruht auf mangelhafter Ernährung einzelner Abschnitte des Zentralorgans, wie sie durch Erkrankung oder Verschluß der zuführenden Blutgefäße bedingt wird. Sie stellt sich dar in einem fettigen Zerfall der erkrankten Substanz (gelbe Gehirnerweichung). Diese ist keiner Behandlung zugänglich.

Eine andre, äußerst schleichend verlaufende Form der G. ist die Ursache derjenigen Geisteskrankheit, welche mit Aufregung, Größenwahn und Tobsucht beginnt, dann in Melancholie übergeht und schließlich mit allgemeiner Lähmung und vollkommenem Blödsinn endigt (Dementia paralytica). Diese G. (Encephalomeningitis chronica) ist nicht eben selten, sie beginnt mit Blutüberfüllung der Rindenschicht des Großhirns. Im weitern Verlauf erfolgen trübe Schwellung, fettige Entartung und Zerfall der in der Hirnrinde gelegenen, die psychischen Thätigkeiten vermittelnden Ganglienzellen, während gleichzeitig die zarte Binde oder Kittsubstanz (neuroglia), durch welche die nervösen Elemente der Gehirnrinde zusammengehalten werden, in entzündliche Wucherung übergeht (Encephalitis interstitialis, Sklerose, Gehirnverhärtung) und mit zahlreichen kleinen, runden Kernen durchsetzt erscheint. Unter dem Druck der wuchernden Bindegewebsmassen werden die nervösen Elemente teilweise dem Untergang entgegengeführt. Endlich schrumpft die an Ganglienzellen verarmte Hirnrinde zu einer dünnen, lederartig festen Gewebsschicht zusammen, indem gleichzeitig viele Kapillargefäße derselben veröden und undurchgängig werden. Die weichen Gehirnhäute nehmen an diesem Entzündungsprozeß Anteil, sie sitzen ungewöhnlich fest auf der schrumpfenden Hirnrinde auf und sind verdickt. Auch das ganze übrige Gehirn wird mit der Zeit etwas kleiner und fester, die Hirnhöhlen aber dehnen sich aus, füllen sich mit Wasser an; auch zwischen den weichen Häuten an der Gehirnoberfläche findet eine solche Wasseranhäufung statt. Der Prozeß erstreckt sich gewöhnlich über mehrere, 4-6 Jahre und länger und endigt, wie gesagt, stets mit vollständiger psychischer Lähmung, mit Blödsinn. Eine ärztliche Behandlung dieser Form der G. gibt es eigentlich nicht, die Krankheit läßt sich in ihren Fortschritten nicht aufhalten. Nur in ihrem Beginn, wo Aufregung, Tobsuchtsanfälle und dergleichen Symptome vorliegen, kann man durch Bekämpfung der Kongestion nachdem Kopf (durch kalte Übergießungen, kalte Brausen, Flußbäder etc.) das Übel abzuschneiden versuchen.

[Gehirnentzündung bei den Haustieren.] Das Parenchym des Gehirns (die nervöse Substanz im engern Sinn) wird bei den Tieren nicht von einer Entzündung befallen, dagegen sind die Hirnhäute, besonders die weiche Hirnhaut (pia mater), nicht selten der Sitz entzündlicher Affektionen. Pferde erkranken an der Hirnhautentzündung mit subakutem Verlauf (akute Hirnhöhlenwassersucht oder hitzige Kopfkrankheit) mehr als die andern Tiere. Der Krankheitsentwickelung gehen gewöhnlich Abgeschlagenheit, Trägheit und Appetitsverminderung, auch vermehrte Empfindlichkeit voraus. Dann folgt plötzlich ein mehr oder minder heftiger, längerer oder kürzerer Tobanfall, welcher mehr oder minder hochgradige Verminderung des Bewußtseins zurückläßt. In andern Fällen entsteht von vornherein eine auffallende Bewußtlosigkeit und Unempfindlichkeit, und erst dann tritt die Tobsucht hervor. Die Tobanfälle kehren meist mehr oder weniger häufig wieder. Dabei wird das Bewußtsein immer mehr gestört, so daß schließlich die Tiere auf keine äußern Eindrücke mehr reagieren. Mit diesen Erscheinungen sind Verminderung oder gänzlicher Verlust des Appetits, Erhöhung der Körpertemperatur, ungleichmäßige Verbreitung und häufiger Wechsel der Wärme an den äußern Körperteilen verbunden. Der Puls ist wechselnd, das Atmen gewöhnlich etwas beschleunigt; die sichtbaren Schleimhäute erscheinen höher gerötet, die Kotentleerungen sind verzögert. Der Schädel ist vermehrt warm. Wenn die Krankheit einen hohen Grad erreicht hat, erfolgt oft der Tod, mitunter schon am vierten oder fünften Tag, oder es bleiben Nachkrankheiten, namentlich der Dummkoller, zurück. Eine besondere Anlage zu der Krankheit haben Pferde im Alter von 4-8 Jahren; Ursachen sind: Transport auf der Eisenbahn oder auf dem Schiff, starke Einwirkung der Sonnenstrahlen auf den Schädel, Erkältung, übermäßige Anstrengung, Überfütterung (Magenkoller), starke geschlechtliche Erregung (Samen, resp. Mutterkoller). Bei der Kur werden Pferde unangebunden in einen gehörig zu verschließenden, kühlen und gut zu lüftenden Raum eingestellt. Beim Ausbruch der Krankheit ist bei vollblütigen Tieren ein Aderlaß angezeigt; in allen Fällen sind Eisumschläge auf den Schädel oder häufig wiederholte kalte Begießungen des Kopfes, Glaubersalz (in dem Getränk gelöst) und recht oft wiederholte Klystiere zweckmäßig. Während der Krankheit und Rekonvaleszenz ist den Tieren knappes, leichtverdauliches Futter zu geben; nach der Genesung sind dieselben noch längere Zeit vorsichtig zu behandeln, auch nicht zu früh an die Halfter zu legen oder in dunstige Ställe zu stellen. Beim Rindvieh kommt die G. selten vor, die Er-^[folgende Seite]