Schnellsuche:

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hanf, gelber; Hanfartige Pflanzen; Hanffink; Hanfklee; Hanfleinwand; Hänfling; Hanfnessel; Hanföl

123

Hanf, gelber - Hanföl.

ist die beste Qualität; beim slowakischen H. bezeichnet man die feinere Sorte als Börling, die gröbere, für Seilerarbeit geeignete als Sämling.

Nach Herodot bauten die Skythen am Kaspischen Meer und am Aralsee H. zur Gewinnung des Samens und des hieraus dargestellten berauschenden Genußmittels, die Thraker und die alten Griechen dagegen, um die Faser zu gewinnen, aus welcher sie Kleiderstoffe wehten und Taue darstellten. Zur Zeit der Römer fand Hanfkultur in den Niederungsdistrikten Siziliens, Italiens und der Rhônemündung größere Verbreitung. In den nördlichen und westlichen Ländern Europas verbreitete sich die Hanfkultur erst in den spätern Jahren teils von Asien, teils von Italien aus und blieb immer strichweise auf humusreichen, etwas feuchten Boden in mildem Klima beschränkt. Auch in Asien, Nordafrika und Amerika wird H. häufig angebaut. In Italien produziert man sehr schönen und wertvollen H., jährlich etwa 91 Mill. kg, besonders in den Provinzen Bologna und Ferrara. In Österreich-Ungarn werden jährlich 68 Mill. kg H. produziert, wovon etwa 43 Mill. kg auf Ungarn und Siebenbürgen entfallen. Rußland produziert von allen europäischen Staaten die größte Masse H., besonders in der Ukraine, in Weißrußland, Wolhynien und Polen. Der russische H. ist aber nur von mittelfeiner Qualität, dabei ist seine Zubereitung in der Regel sehr primitiv. Die Jahresproduktion an H. in den europäischen Provinzen Rußlands schätzt man auf 100-120 Mill. kg Brechhanf. In Deutschland wird H. hauptsächlich im Elsaß, in Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen, Hannover und Thüringen gebaut; die Produktion beträgt 11-17 Mill. kg, doch genügt die inländische Produktion noch lange nicht, um den Bedarf zu decken. Versponnen wird der H. hauptsächlich in Schwaben und Baden, während in Westfalen, im Kasseler Bezirk, im Hannöverschen im Kreis Osterholz, im Osnabrückschen sowie in den Hansestädten Seilerwaren und Segeltücher dargestellt werden. In Frankreich wird vorwiegend H. gebaut in den Departements Sarthe, Maine-et-Loire und Puy de Dôme; doch liefern die bessern Sorten die Picardie und Champagne und vor allem das Departement Isère, woselbst in der Gegend von Grenoble ein dem bolognesischen H. ähnliches Produkt erzeugt wird. Die Hanfproduktion, welche man auf 42 Mill. kg schätzt, bleibt jedoch weit hinter dem Bedarf zurück. Holland betreibt die Hanfkultur gegenüber dem Flachsbau in einer sehr geringen Ausdehnung und nur für den eignen Bedarf. Die in Holland angefertigten Segeltücher zeichnen sich durch ihre Güte und Dauerhaftigkeit aus. In Belgien wird in den Provinzen Flandern und Brabant zwar schöner H. gebaut, doch ist derselbe zu kurz und weniger geeignet für Tauwerk und Seile als der russische. Meist wird derselbe im Inland selbst verarbeitet, oder er erscheint im gehechelten Zustand im Handel. Auch in England ist die Hanfkultur gering, und der Bedarf wird vorwiegend aus eingeführtem Rohmaterial gedeckt. Von den erzeugten Hanfgarnen und Webwaren wird ein großer Teil wieder ausgeführt. Die nordamerikanische Union erzeugt H. in immer größern Quantitäten. Die Jahresproduktion beträgt etwa 12 Mill. kg, und vorzugsweise beteiligen sich daran die Staaten Kentucky, Missouri, Tennessee, ferner Maryland, Ohio, Virginia und Pennsylvanien. Der amerikanische H. ist dem russischen ziemlich gleich; er ist stark, kräftig und für Segeltücher und Tauwerk sehr geeignet. Die Gesamtproduktion von H. wird auf 333-395 Mill. kg geschätzt. Das Kraut des indischen Hanfes kommt als Bhang oder Guaza (Spitzen der blühenden oder im Beginn der Fruchtreife stehenden Äste oder deren Zweiglein) und als Gunjah (bis 1 m lange Stengel, von den größern Blättern befreit, nur die stark verharzten Blüten- und jungen Fruchtstände tragend) in den Handel und ist bei uns offizinell. Wirksamer Bestandteil des Krauts ist ein Harz, welches wieder giftiges Tetanokannabin, schlafmachendes Kannabin (Haschischin) und ätherisches Öl enthält; man bereitet aus dem Kraut ein alkoholisches Extrakt und eine Tinktur und benutzt beide als schlafmachende Mittel oder in den Fällen, wo man eine mildere Opiumwirkung beabsichtigt. Auch gerbsaures Kannabin wird als schlafmachendes Mittel angewandt.

Vgl. Th. Marceau, Die Kultur und Zubereitung des Flachses und Hanfes in Frankreich, England etc. (deutsch, 2. Aufl., Weim. 1866); F. Campbell, A treatise on the cultivation of flax and hemp (3. Aufl., Sydney 1868); Carcenac, Du coton, du chauvre, du lin et des laines en Italie (Par. 1869); Lobe, Anbau der Handelsgewächse, Teil 3 (Stuttg. 1868); Brinckmeier, Der H. (2. Aufl., Ilmenau 1886).

Hanf, gelber, s. Datisca.

Hanfartige Pflanzen, s. Kannabineen.

Hanffink (Hanfvogel), s. v. w. Hänfling.

Hanfklee, s. Melilotus.

Hanfleinwand (Hanftuch), aus Hanfgarn gefertigte Gewebe, sollen dauerhafter sein als die flächsenen, sind aber wenig geschmeidig und bemerkbar schwerer als flächsene von gleich feinem Ansehen; auch brauchen sie viel längere Zeit zum Bleichen. H. wird in Frankreich und in der Schweiz vielfach zu Bettzeugen u. dgl. benutzt.

Hänfling (Blut-, Rothänfling, Hanfvogel, Hanffink, Fringilla [Cannabina] linota Bp.), Sperlingsvogel aus der Gattung Fink, 13 cm lang, 23 cm breit, mit kurzem, echt kegelförmigem, rundem, scharf zugespitztem Schnabel, ziemlich langen, schmalen, spitzigen Flügeln und am Ende gabelförmig ausgeschnittenem, an den Ecken spitzigem Schwanz. Das Männchen ist im Frühjahr am Vorderkopf hellblutrot, am Hinterkopf und Nacken grau, auf dem Rücken rostbraun, am Bürzel weißlich, am Vorderhals weißlich graubraun, an der Brust brennend blutrot, am Unterkörper weiß. Im Herbst ist das Blutrot unter hellen Federkanten verdeckt und bräunlich. Dem Weibchen fehlt die Blutfarbe. Der H. bewohnt Europa und Vorderasien und erscheint auf dem Zug in Nordwestafrika. Er liebt hügelige Gegenden, meidet aber ausgedehnte Waldungen, sammelt sich im Herbst in großen Scharen und mischt sich im Winter unter Grünlinge, Edelfinken, Goldammern etc. Er ist gesellig, munter, scheu, auch während der Paarungs- und Brutzeit friedlich, nistet zwei-, auch dreimal in Vor- oder Feldhölzern meist niedrig über dem Boden und legt 4-5 weißlichblaue, rot und braun gepunktete und gestrichelte Eier, welche das Weibchen in 13-14 Tagen ausbrütet. Er lebt fast ausschließlich von Sämereien. In der Gefangenschaft zeigt er sich anspruchslos, erlernt leicht Gesänge andrer Vögel und singt eifrig fast das ganze Jahr hindurch.

Hanfnessel, s. Galeopsis.

Hanföl (Hanfsamenöl, Oleum Cannabis), fettes Öl, wird aus dem Hanfsamen durch Pressen gewonnen (1 Ztr. Same gibt 11 kg Öl). Frisch ist es grünlichgelb, trübe, dicklich; nach längerm Liegen klärt es sich, wird dann gelb, später braun, schmeckt mild, jedoch nicht angenehm, riecht nach Hanf und gehört