Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Harnsteine

175

Harnsteine.

oft den Anstoß zur Steinbildung abgibt, besteht bald aus einem Klümpchen Schleim, Blut, Eiter, Eier von Distomum haematobium (in Ägypten), bald aus einem zufällig in den Harnwegen vorhandenen fremden Körper: einem Stückchen Metall, Bleikugeln, Knochensplittern u. dgl. Die H. kommen bald vereinzelt, bald zu mehreren und vielen bei einem Menschen vor. Ihre Größe kann vom eben Sichtbaren bis Faustgröße variieren. Die kleinsten Steine sind meist in sehr großer Anzahl vorhanden und werden als Harngrieß bezeichnet. Ihrer chemischen Natur nach sind vorzugsweise folgende Formen von Harnsteinen zu unterscheiden: 1) Steine aus Harnsäure und harnsauren Salzen (Uratsteine) sind gewöhnlich rundlich, hart, bräunlich, auf dem Durchschnitt meist geschichtet. Reine Harnsäuresteine können ganz weiß und mit kristallinischer Oberfläche versehen sein. 2) Steine aus harnsaurem Ammoniak allein sind den vorigen ähnlich, kommen aber sehr selten vor. 3) Steine aus phosphorsauren Salzen (Phosphatsteine), namentlich Ammoniakmagnesia und Kalk, kommen häufig vor, sind rundlich, fest oder kreideähnlich, weiß, glatt, auf dem Durchschnitt meist geschichtet. 4) Steine aus phosphorsaurem Kalk allein sind selten, den vorigen ähnlich. 5) Steine, welche gleichzeitig aus Harnsäure oder harnsauren Salzen und aus phosphorsauren Salzen bestehen, bald so, daß Schichten derselben miteinander abwechseln, bald so, daß die eine Substanz den Kern, die andre die Schale bildet, sind häufig. Außer den vorgenannten Salzen kann noch kohlensaurer Kalk, als Kern oder Schale, vorhanden sein. 6) Steine aus oxalsaurem Kalk (Oxalatsteine) kommen häufig, zumal bei jugendlichen Individuen, vor. Sie sind außerordentlich hart und schwer. Die größern haben eine warzige, selbst stachlige Oberfläche (daher Maulbeersteine genannt) und geschichtete Schnittfläche, sind dunkelbraun gefärbt; die kleinern sind glatt und heller gefärbt (sogen. Hanfsamensteine). Auch Oxalatsteine, welche von einer Lage phosphorsauren Kalks oder harnsaurer Salze umgeben sind, werden beobachtet. 7) Steine aus Cystin und Xanthin sind sehr selten, klein, rundlich, hellbraun, glatt und vollkommen verbrennlich. Die H. spielten in der Chirurgie früherer Jahrhunderte eine hervorragende Rolle; in den letzten Jahrzehnten sind sie fast zu Raritäten geworden, ein bisher noch nicht gelöstes Rätsel!

Man unterscheidet 1) Nierensteine, welche in Kelchen und Becken der Niere liegen, meist klein, bisweilen jedoch erheblich groß sind; die größten Nierensteine bilden manchmal einen förmlichen Ausguß des Nierenbeckens, haben die Gestalt desselben und können mechanisch den Abfluß des Harns aus den Nieren verhindern, selbst vollständigen Schwund der Nieren und unter Umständen Harnverhaltung, Urämie und den Tod bedingen. Nicht selten geht die durch Steine bedingte, sehr schmerzhafte Entzündung des Nierenbeckens auf die Nieren selbst über und führt zur Nierenvereiterung mit meist tödlichem Ausgang. Zuweilen kommt es vor, daß der eine oder andre Harnleiter durch einen Harnstein verstopft wird. Dies gibt Veranlassung zur Entstehung der Sackwassersucht der Nieren, indem sich das Nierenbecken zu einem großen, wasserhaltigen Sack umbildet. Werden beide Harnleiter zugleich oder hintereinander durch H. verstopft, so kann gar kein Harn mehr abgeschieden werden, und der Kranke muß unfehlbar an Harnverhaltung sterben. Kleinere Steine können von dem Nierenbecken durch die Harnleiter in die Blase transportiert werden. Dieser Transport ist in der Regel mit furchtbar heftigen Schmerzen verbunden, welche von dem Krampf der Harnleiter abhängen und unter dem Namen der Stein- oder Nierenkolik bekannt sind. Die Behandlung der Nierensteinkrankheit und der Nierenkolik kann sich fast nur auf Verminderung der heftigen Schmerzen richten. Hierzu dienen die Opiate, namentlich Einspritzungen von Morphiumlösung und Einatmungen von Chloroform, warme Vollbäder, warme Breiumschläge auf die Nierengegend u. dgl. Daneben ist eine einfache, reizlose Diät und reichlicher Wassergenuß zu empfehlen. Besonders gerühmt werden die Alkalien und die alkalischen Mineralwässer (Ems, Vichy etc.), wenn es gilt, bei bestehender Disposition die Bildung von Steinen in der Niere und Blase zu verhüten oder aufzuhalten.

2) Die Blasensteine sind meist von rundlicher, mitunter scheibenförmiger Gestalt; sind mehrere vorhanden, so schleifen sich ihre Oberflächen zuweilen aneinander ab. Bildet ein von außen in die Blase gedrungener fremder Körper, wie z. B. ein Stück einer Bougie oder ein Eisendraht, den Kern, so behält der Stein längere Zeit dessen Gestalt. Große Steine nehmen die Form der Blase an. Die Größe ist aber sehr verschieden. Von der Größe einer Erbse sind sie bis zu der eines Hühnereies, ja bis zu Faustgröße und darüber beobachtet worden. Auch ihre Festigkeit ist je nach der chemischen Konstitution derselben eine sehr verschiedene: sie sind bald überaus hart und fest, wie die Steine aus oxalsaurem Kalk, bald weich und zerreiblich, wie viele Phosphatsteine. Sie liegen entweder frei in der Blase, wobei sie sich, namentlich wenn sie glatt sind, hin und her bewegen, oder sie bleiben bei stachliger Oberfläche an der Wand der Blase festhängen, oder sie bilden sich in Ausstülpungen der Blase. Gewöhnlich ist nur ein Stein in der Harnblase vorhanden; öfters aber hat man mehrere gefunden, und in einzelnen Fällen sind sogar Hunderte von Steinen in der Blase angetroffen worden, die dann freilich sehr klein waren. Je nach dem Umfang der Steine wird die Funktion der Blase durch ihre Anwesenheit mehr oder weniger gestört. Die Blasenschleimhaut befindet sich in der Regel im Zustand der Reizung und Entzündung, um so mehr, je größer der Stein und je rauher die Oberfläche desselben ist. Die Blasenentzündung ruft die verschiedenartigsten Beschwerden, namentlich auch Abgang eines trüben, schleim- und eiterhaltigen, oft auch bluthaltigen Harns, hervor und verbreitet sich bei längerer Dauer auf die Harnleiter, das Nierenbecken und die Nieren selbst. Steinkranke gehen, wenn der Stein nicht rechtzeitig entfernt wird, in der Regel an den Folgen der Blasenentzündung und der Nierenvereiterung zu Grunde. Die häufigste Erscheinung bei der Steinkrankheit sind Schmerzen, welche durch starke Bewegungen, z. B. beim Reiten, Gehen, gesteigert werden. Sie sitzen am Blasenhals, in der Harnröhre, namentlich auch in der Spitze des Gliedes, strahlen oft in die Schenkel und Hoden aus und verursachen krampfhafte Zusammenziehungen der Blase und des Mastdarms. Die Harnentleerung ist fast immer in der einen oder andern Weise gestört, namentlich wenn frei bewegliche Steine vorhanden sind; denn diese legen sich häufig vor die Mündung der Harnröhre und verstopfen sie. Oft wird der Urinabgang plötzlich unterbrochen und kann nur durch Veränderung der Lage wiederhergestellt werden. Das einzig sichere Zeichen aber, um die Anwesenheit eines Steins in der Blase festzustellen, ist die Untersuchung der Blase mittels einer stählernen Sonde, sogen. Steinsonde. Diese Steinsonden allein erlauben, die ganze Blase zu durchforschen, und geben einen hellen Klang