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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hermes

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Hermes (griechischer Gott).

Rad, läßt den Prometheus an den Felsen schmieden, bringt dem Epimetheus die von ihm mit den verfänglichsten Gaben ausgestattete Pandora, führt den Priamos in das Zelt des Achilleus, hilft dem Odysseus gegen die Ränke der Kirke etc. Besonders häufig wird er zur Rettung und Unterbringung von Götterkindern benutzt, wie er beispielsweise den kleinen Dionysos heimlich den Nymphen vom Berg Nysa zur Erziehung überbringt. Den Perseus rüstet er mit seinen Waffen zur kühnen Fahrt gegen die Medusa aus und schützt ihn auf derselben in Verbindung mit Athene; den Herakles geleitet er in die Unterwelt. Am liebsten verkehrt er mit den Nymphen des Waldes und des Feldes. Pan, Priapos, Hermaphroditos, Daphnis von Sizilien u. v. a. werden als seine Söhne genannt. Ursprünglich war H. wohl "der Stürmende, Eilende", der Gott des Windes, daher er beflügelt gedacht wurde, dann der Fahrten und Reisen, endlich des Verkehrs und der Geschäfte überhaupt. Als Gott der Reisen geleitet er den Menschen auch auf dem letzten Gang, dem in die Unterwelt; daher heißt er Seelengeleiter (Psychopompos). Die älteste Form der Verehrung des H. ist die in Gestalt bloßer Steinhaufen. In diesen Haufen ward ein Pfeiler aufgerichtet, und indem an diesem Pfeiler der Phallos angebracht und später auch der Kopf des Gottes angesetzt wurde, entstanden die Hermen (s. d.), welche ursprünglich zugleich als Wegweiser dienten und mit sinnreichen Sprüchen versehen waren. Mit den Eigenschaften der Schlauheit und der List hängt aufs engste sein erfinderisches Talent zusammen. Die philosophierenden Mythologen nannten ihn den allgemeinen Hermeneus ("Dolmetsch"), der die Sprache, die Buchstabenschrift und damit die Möglichkeit des Gedankenausdrucks gegeben habe, was die Griechen sinnreich andeuteten, indem sie ihm von den geschlachteten Tieren vorzugsweise die Zungen opferten. Auch die Palästra und die Gymnasien galten für seine Stiftungen, waren ihm heilig und wurden nach ihm benannt. Eigentliche Feste dem H. zu Ehren waren die Hermäen, die, vorzugsweise zu Athen, in den Gymnasien und Palästren gefeiert wurden. Der seinem Wesen nach so vielseitige Gott galt hier besonders als Gott der gymnastischen Gewandtheit. Nach einer andern Richtung hin (als Abwehrer der Seuchen) wurde er in Tanagra (Böotien) verehrt; wieder eine andre Bedeutung hatte sein Kultus auf Kreta (nämlich eine ähnliche wie die des Saturnus in den Saturnalien zu Rom). Der Hauptsitz seiner Verehrung war aber Arkadien, und zwar stand er hier (besonders in Pheneos) als Gott der alten ländlichen Bevölkerung in hohen Ehren. Als Gott des Handels wurde er mit dem römischen Mercurius (s. d.) identifiziert. Zu den Attributen des H. gehört der Pilus, ein glockenartiger Hut, oder der Petasos, ein schattengebender, breitgekrempter Reisehut. Schon bei Homer ist die Sohle des H. geflügelt; später erhielt er Flügel nicht bloß an den Sohlen, sondern auch am Hut, am Stab und an den Schultern. Weiter gehört zu den Attributen der Hermes- od. Heroldsstab (s. Caduceus).

Die künstlerischen Darstellungen des H. waren so mannigfaltig wie seine Bedeutung; bald erscheint er als Hirt, bald als Dieb, bald als Kaufmann (mit dem Beutel), bald wieder mit der Lyra oder als Götterbote oder als Herold. Der den Widder tragende H. der alten Kunst ist auch in die christliche Symbolik als das herkömmliche Bild des guten Hirten übergegangen. Die altertümliche Kunst stellte ihn bärtig, d. h. als kräftigen Mann, dar; frühzeitig aber machte sich bei H. auch die jugendliche Bildung geltend. Er trägt kurzes, gelocktes Haar und hat forschenden, klugen Ausdruck des Gesichts. Unter den erhaltenen Hermesstatuen sind vor allen das 1877 in Olympia ausgegrabene Meisterwerk des Praxiteles, H. mit dem Dionysosknaben auf dem Arm (Fig. 1), und eine lebensgroße Bronzestatue des ruhenden Götterboten (in Herculaneum gefunden, jetzt im Museum zu Neapel) zu erwähnen. Als Vorsteher der Ringschule stellt ihn eine prächtige Marmorstatue im Belvedere des Vatikans dar (früher fälschlich als Antinoos bezeichnet); streng durchgebildete Darstellungen des H. Logios, d. h. des Vorstehers der rhetorischen Kunst, durch den Gestus der erhobenen rechten Hand charakterisiert, sind der "H. Ludovisi" in Rom (Fig. 2) und der berühmte sogen. Germanicus im Louvre zu Paris. Als Gott des Handels und Verkehrs (mit gefülltem Beutel in der Hand) erscheint H. in einer schö-^[folgende Seite]

^[Abb.: Fig. 1. Hermes des Praxiteles (aus Olympia).]

^[Abb.: Fig. 2. Hermes Logios (Rom, Villa Ludovisi.)]