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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Irland

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Irland (Geschichte bis 1848).

Kirchenbill, nach welcher in I. die Kirchenbausteuer aufgehoben, die Einkünfte der Pfründen herabgesetzt und ein Teil der außer allem Verhältnis zur Zahl der irischen Protestanten stehenden anglikanischen Pfarreien und Bistümer abgeschafft werden sollten. Nach Annahme dieser Akte trat Lord Littleton, der an Stanleys Stelle Staatssekretär für I. geworden, mit einer neuen Zehntenbill auf, welche statt der Zehnten eine Grundsteuer, die jedoch nur drei Fünftel des frühern Zehnten betrug, in Vorschlag brachte, aber von den Lords 11. Aug. 1834 verworfen ward, nachdem sie im Unterhaus durchgegangen war. Die Lords sahen nämlich in der der Bill beigefügten Klausel (Appropriationsklausel), wonach die durch die Kirchenbill gewonnenen Überschüsse des Kirchenvermögens zur Verbesserung des irischen Schul- und Gemeindewesens verwendet werden sollten, einen Raub an der protestantischen Kirche. Das Ministerium Melbourne (seit Juli 1834) nahm die Zwangsbill zurück und schlug überhaupt gegen I. die versöhnlichste Politik ein. O'Connell löste daher auch seinerseits die Repealassociation auf. Die plötzliche Entlassung des Ministeriums (November 1834) erregte aber neuen Sturm, welchen das neue Torykabinett unter Peel dadurch niederzuhalten suchte, daß es 1835 eine von der vorigenwenig verschiedene Zehntenbill einbrachte. Als aber das Unterhaus auf den Vorschlag Lord Russells die Appropriationsklausel abermals in das Gesetz einrückte, traten die Tories schon 8. April zurück, und Melbourne übernahm wieder die Leitung der Geschäfte. Seit im Mai 1835 der Graf Mulgrave zum Statthalter von I. ernannt worden, schlugen die irischen Angelegenheiten die Bahn friedlicherer Entwickelung ein. Mulgrave besetzte manche Ämter mit Katholiken, führte eine unparteiische Gerechtigkeitspflege ein, verbesserte die Verwaltung und steuerte dem Übermut der Orangistenverbindungen, die 1836 gesetzlich verboten wurden. Im Parlament dauerte inzwischen der Kampf um das Zehntengesetz fort; zweimal scheiterte dasselbe im Oberhaus an der Appropriationsklausel, und erst nachdem man dieselbe 1838 hatte fallen lassen, ward die Bill angenommen. Zur Linderung des unsäglichen Elends im Volk setzten die Minister noch 1838 eine irische Armenbill durch, nach welcher in den Grafschaften Arbeits- und Armenhäuser für 70-80,000 Dürftige erbaut werden sollten. Aber auch diese Maßregel konnte eine Nation nicht zufriedenstellen, die statt Almosen eine billige Ausgleichung unnatürlicher, auf gewaltsame Konfiskation gegründeter Besitzverhältnisse erwartete. Als im August 1841 die Tories unter Peel wieder ans Ruder kamen, reorganisierte O'Connell die Repealassociation, die um so mehr Anhänger fand, als sich jetzt auch der katholische Klerus für die irische Sache entschieden hatte. In den ersten Monaten 1843 geriet die ganze Insel in Bewegung; überall wurden Massenmeetings abgehalten, vielfach kam es zwischen Katholiken und Protestanten zum Handgemenge, und Hunderte von Landleuten verweigerten ihren Grundherren den Pachtzins. Daher wurde im August die Bill erneuert, welche den Irländern das Tragen von Waffen verbot, eine bedeutende Truppenmacht nach I. gesendet und im Oktober die zu Clontarf schon eröffnete große Repealversammlung verboten. Ein gleich darauf gegen O'Connell eingeleiteter Prozeß endete zwar, da das verurteilende Erkenntnis der Geschwornen im Oberhaus wegen Formfehler kassiert wurde, mit seiner Freisprechung, allein die eigentliche Gefahr der Repealbewegung war doch damit vorüber. Als aber im Spätherbst 1846 infolge des gänzlichen Mißratens der Kartoffelernte in I. ein entsetzlicher Notstand ausbrach, wurde die öffentliche Ordnung wieder vielfach gefährdet: Hungeremeuten und Plünderungen waren an der Tagesordnung. Im Januar 1847 brachte daher Lord John Russell eine Reihe tief eingreifender Vorschläge vor das Parlament. Außer der Bildung von Hillsausschüssen und der Bewilligung von Staatsgeldern zum Ankauf von Lebensmitteln ward darin beantragt, daß die von der Regierung den Grundbesitzern vorgeschossenen Gelder zur Hälfte erlassen und denselben sogar neue beträchtliche Summen zum Ankauf von Saatkorn und zur Urbarmachung der noch wüst liegenden 4,600,000 Acres dargeliehen werden sollten. Diese Vorschläge erhielten im allgemeinen die Zustimmung des Parlaments, desgleichen der Antrag der Regierung, 620,000 Pfd. Sterl. zum Bau dreier irischer Eisenbahnlinien zu verwenden.

Das "junge Irland".

Mit O'Connells Tod (15. Mai 1847) erlosch die Repealagitation; aber als im Sommer 1847 infolge der reichen Ernte und gründlicher Hilfsmaßregelnder Notstand wich, erwachte die politischkirchliche Bewegung mit neuer Stärke. Schon bei den allgemeinen Wahlen im Juli 1847 trat eine ungemeine Parteileidenschaft hervor. Da die materielle Not die gesetzlichen Bande gelockert hatte und sich anarchische Ausbrüche, Gewaltthätigkeiten, Mordthaten in erschreckendem Maß häuften, legte die Regierung Ende November dem Parlament eine Bill zur Vermehrung der Polizeimacht, zur Suspension der ordentlichen Gesetze und zum Verbot des Waffenbesitzes vor, worauf der Lord-Statthalter 23. Dez. über eine Anzahl Grafschaften das Ausnahmegesetz verhängte. Die französische Revolution von 1848 konnte die Aufregung nur steigern, und eine gewaltsame Katastrophe schien unvermeidlich. Die revolutionäre Partei des "jungen Irland" war nicht geneigt, die friedliche Repealbewegung O'Connells fortzusetzen, sondern bezweckte eine gewaltsame Losreißung der Insel von England. Ihre Führer Smith O'Brien, Mitchell, Duffy, Meagher etc. knüpften Einverständnisse mit den französischen Republikanern an, während die Massen unverhohlen Rüstungen und Waffenübungen vornahmen. Die O'Connellsche Partei (moral force party, im Gegensatz zur jungirischen, physical force party) verlor täglich mehr Boden. Inzwischen hatte die britische Regierung diesen Bewegungen gegenüber eine "Bill zum Schutz der Krone" eingebracht. Die Folge davon war das Verbot eines Nationalkonvents von 300 Abgeordneten, den Smith O'Brien nach Dublin einberufen hatte, sowie die Unterdrückung einer im Entstehen begriffenen Nationalgarde (Anfang Mai). Zugleich wurden Smith O'Brien und Meagher als Volksaufwiegler vor Gericht gestellt, aber die Jury konnte zu keinem Verdikt kommen; John Mitchell dagegen, dessen "United Irishmen" offene Empörung gegen die britische Herrschaft predigten, ward zu 14jähriger Deportation verurteilt. Gleichwohl verbreiteten sich revolutionäre Klubs und Vereine zu Waffenübungen über die ganze Insel. Ein Teil der Repealer schloß sich an die Jungirländer an und bildete nach Beseitigung des jüngern O'Connell die Irish League. Die Regierung versetzte Meagher abermals in Anklagestand, stellte (18. Juli 1848) Dublin, die Grafschaft Waterford, Cork und Drogheda unter das Kriegsgesetz und suspendierte die Habeaskorpusakte. Nachdem eine Truppenverstärkung unter Viscount Hardinge in Bereitschaft gestellt war, erließ der Lord- Statthalter den Verhaftsbefehl gegen O'Brien und