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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italien

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Italien (Geschichte: bis 1865).

durch eine glaubenstreue militärische Macht sich selbständig behaupten zu können. Indem aber Viktor Emanuel die Annexion von Neapel und Sizilien unmöglich ohne den Besitz der römischen Marken und Umbriens verwirklichen konnte, und da eine republikanische Bewegung, wie sie Garibaldi im Schilde führte, dem Kaiser Napoleon III. im Kirchenstaat äußerst mißfällig und gefährlich erschien, so verständigten sich Frankreich und I. abermals dahin, daß Viktor Emanuel die Marken und Umbrien besetzen sollte, um hierauf anstatt der Diktatur Garibaldis ein geordnetes monarchisches Regiment in Neapel einzurichten. Nur sollte Rom und das sogen. Patrimonium Petri, das die Franzosen besetzt halten würden, unangetastet bleiben. Kaum waren 2. Sept. 1860 zwei sardinische Korps an den Grenzen des Kirchenstaats erschienen, als in Umbrien und den Marken die Insurrektion ausbrach. Am 18. Sept. lieferte der italienische General Cialdini bei Castelfidardo dem General Lamoricière eine Schlacht, in welcher die päpstliche Armee völlig zersprengt wurde. Ancona, wohin sich Lamoricière nur mit wenigen Truppen flüchtete, mußte sich bereits 29. Sept. ergeben. Danach ging die Besetzung von Neapel rasch von statten. Nur bei Isernia stellten sich königstreue neapolitanische Truppen dem General Cialdini in den Weg. Am 7. Nov. zog Viktor Emanuel in Neapel ein, nachdem eine allgemeine Volksabstimmung sich für die Verbindung Neapels und Siziliens mit Sardinien ausgesprochen hatte. Die Festung Gaeta trotzte allein der siegreichen Armee und der Idee der italienischen Einheit. Die Belagerung der starken Feste begann aber sofort, und 13. Febr. 1861 kapitulierte Franz II. mit 8000 Mann.

So war durch eine Reihe von ungeheuern Erfolgen die italienische Einheit bis auf Rom und Venedig vollendet. Die Stellung, welche die verschiedenen europäischen Mächte zu der neuesten Gestaltung der Dinge einnahmen, war natürlich eine sehr verschiedene; bloß England erkannte die vollzogenen Thatsachen nicht nur sofort unbedingt an, sondern hieß dieselben auch gut. Im übrigen ward bald durch Kongreßvorschläge, bald durch Separatverhandlungen jede Einmischung hintangehalten, und das Schicksal Italiens entschied sich im großen Ganzen wesentlich durch das Land selbst. Nur auf Rom verzichtete Napoleon keinen Augenblick und behielt durch seine Besatzung den maßgebenden Einfluß nicht bloß auf I., sondern auch auf den Papst. Am 18. Febr. 1861 versammelte sich das erste italienische Parlament in Turin. Senat und Deputiertenkammer genehmigten den Vorschlag der Annahme des Titels eines Königs von I. für Viktor Emanuel und seine gesetzlichen Nachfolger mit allen Stimmen gegen die von zwei Senatoren, und 14. März nahm der König den Titel an. Hiermit war das Königreich I. gegründet, wenn auch noch nicht vollendet.

Die Vollendung der italienischen Einheit.

Weder durch seine Lage noch durch seine Geschichte konnte Turin, die bisherige Hauptstadt Sardiniens, Anspruch darauf erheben, auch die Hauptstadt des geeinigten I. zu sein. Dies konnte nur Rom sein, und der Ruf nach dessen Besitz wurde sofort laut. Cavour selbst war genötigt, sich noch über diese die Gemüter heftig bewegende Frage auszusprechen. Am 26. März entwickelte er ein Programm, durch welches die Lösung derselben im Weg friedlicher Auseinandersetzung zwischen der weltlichen und geistlichen Macht herbeigeführt werden könnte, indem dem Papst und der katholischen Kirche gegen den Verzicht auf die weltliche Herrschaft vollkommene Freiheit und Unabhängigkeit vom Staat in allen geistlichen Dingen zugestanden würde, und ermahnte zu Geduld und Mäßigung. Allein der Papst und die ganze katholische Partei in Europa hatten jeden Ausgleich längst zurückgewiesen, und Cavour hatte nicht die Genugthuung, irgend eine Verständigung angebahnt zu sehen, als er 6. Juni 1861 starb. Sein Verlust schien für I. unersetzlich, und es war schwierig, zu der Leitung der halbfertigen Zustände einen Nachfolger zu finden. Indes Staatsmänner wie Ricasoli, Rattazzi, Minghetti, Menabrea, Lanza u. a., wie sehr sie auch verschiedenen Parteirichtungen angehörten, wußten dennoch die Hauptsache: die Einheit Italiens, über allen Parteihader emporzuhalten und zu fördern. Wiewohl die verschiedenen Versuche, Rom zum Mittelpunkt des neuen Reichs zu machen, zunächst scheiterten und die Aktionspartei im Parlament nur mühsam vor Übereilungen bewahrt werden konnte, entwickelte sich I. doch in zehn Jahren in einer bewunderungswürdigen Weise Schritt für Schritt, aber allerdings auch unter außerordentlich glücklichen Konstellationen der europäischen Verhältnisse und unter dem seltensten Wohlwollen der französischen, englischen und deutschen Staatsmänner. Als Garibaldi 1862 die römische Frage mit Gewalt zu lösen suchte, trat ihm die Regierung Italiens mit Energie entgegen und bewies, daß sie die Leitung der Geschicke ihren Händen nicht entreißen lassen wollte. Die Schar Garibaldis, welche in Kalabrien gelandet war, wurde von den königlichen Truppen 28. Aug. bei Aspromonte angegriffen und zersprengt, Garibaldi selbst verwundet und gefangen. Anderseits fand Napoleon sowohl in den beginnenden deutsch-dänischen Verwickelungen als auch in den amerikanischen Verhältnissen Grund, sich I. wieder mehr zu nähern und der öffentlichen Meinung des Landes Rechnung zu tragen. Nach längern Verhandlungen wurde 15. Sept. 1864 eine Konvention zwischen Frankreich und I. (Septemberkonvention) geschlossen, welche durch ein Kompromiß die Frage der Hauptstadt lösen und die römische Frage beseitigen sollte. Frankreich verpflichtete sich durch dieselbe, binnen zwei Jahren Rom zu räumen, wogegen I. versprach, das päpstliche Gebiet nicht anzutasten und gegen Angriffe von außen zu schützen, endlich die Reorganisation des päpstlichen Heers geschehen zu lassen, wofern dasselbe nicht einen für I. bedrohlichen Charakter annehme. Durch ein nachträgliches Protokoll versprach die italienische Regierung, die Hauptstadt Italiens binnen sechs Monaten von Turin nach Florenz zu verlegen. Wiewohl nun in I. die letztere Bestimmung als ein Verzicht auf das Übergewicht der piemontesischen Erblande des Königs willkommen war, fürchtete man doch sehr, daß damit die Gewinnung Roms in unabsehbare Ferne gerückt wäre. In Turin aber, das wohl zu gunsten Roms, aber nicht Florenz' auf seinen Vorrang zu verzichten bereit war, kam es 20.-21. Sept. 1864 und im Januar 1865, als das Parlament die Verlegung der Hauptstadt genehmigte, zu ernstlichen Unruhen, so daß der König 3. Febr. 1865 die bisherige Hauptstadt ohne Abschied und Kundgebung verliße ^[richtig: verließ] und in Florenz seinen Aufenthalt nahm.

Napoleon hatte der italienischen Regierung für ihre Nachgiebigkeit in der römischen Frage seinen Beistand bei der Erwerbung Venedigs versprochen. Der neue Minister, Lamarmora, hoffte, daß Österreich sich zu einer friedlichen Abtretung gegen eine hohe Geldentschädigung verstehen werde. Indes hielt es dieses für seiner nicht würdig, ohne einen neuen Waf-^[folgende Seite]